Historienfilm

Herrscherin mit Eigensinn: Mika Kaurismäkis „The Girl King“

Schon Greta Garbo hat sie gespielt. Jetzt hat Mika Kaurismäki das Leben von Königin Kristina verfilmt. Und zwar überraschend modern.

Plötzlich Königin: Kristina (Malin Buska) wird gekrönt – und will mitten im Dreißigjährigen Krieg endlich Frieden

Plötzlich Königin: Kristina (Malin Buska) wird gekrönt – und will mitten im Dreißigjährigen Krieg endlich Frieden

Foto: NFP / dpa

Bei der Geburt habe sie so laut geschrien, dass alle dachten, der ersehnte Prinz sei geboren. So erzählt es zumindest Kanzler Axel Oxenstierna (Michael Nyqvist) der erwachsenen Königin Kristina (Malin Buska). Tatsächlich scheint Kristina selbst sich in den Jahren ihres Aufwachens wenig darum geschert haben, was die Grenzen der Mädchenhaftigkeit so sind.

Als Tochter des schwedischen Königs Gustaf II. Adolf wurde sie im zarten Alter von fünf Jahren zu dessen Thronfolgerin bestimmt, nachdem er 1632 bei der Schlacht bei Lützen während des Dreißigjährigen Kriegs umgekommen war. Für einige Zeit blieb die kleine Kristina in der Obhut ihrer Mutter. Dann aber nahm der die Regierungsgeschäfte führende Oxenstierna sie unter seine Fittiche. Bezeichnenderweise setzt der finnische Regisseur Mika Kaurismäki „The Girl King“ sein Biopic über die Ausnahmegestalt der schwedischen Königin genau mit diesem Moment an.

Kaurismäki, wenigen von seinem Musikdokumentationen und den meisten nur als Bruder von Aki Kaurismäki bekannt, wechselt mit sichtlicher Lust am Melodrama hier sein gewohntes Register. Da steht Martina Gedeck als Königinnenmutter, bleich, zombiehaft, und befiehlt ihrer Tochter den Gute-Nacht-Kuss am Vater. Nur dass es sich um dessen einbalsamierte Leiche handelt.

Weshalb der Auftritt Oxenstiernas, der das finstere Ritual ein für alle Mal beendet, als Befreiungsschlag empfunden wird. Kristina darf von da an wie ein Junge herumtoben, jagen, fechten – und vor allem darf sie ihren Geist schulen. In einer Szene zieht sie einen Band des zeitgenössischen Philosophen René Descartes unter der Bettdecke hervor, wie es heutige Jugendliche mit halbverbotenen Comics machen. Descartes wird eine Schlüsselrolle in ihrer Biografie spielen.

„The Girl King“ ist mit wenig Budget gedreht, was man dem Film aber nur darin ansieht, dass es hier keinerlei Schlachten- oder Massenszenen gibt. Der Westfälische Friede, an dessen Zustandekommen Kristina wesentlich beteiligt war, kommt nur im Hintergrund vor, als etwas steif dargebrachte Erläuterung durch diverse Hofgestalten.

Das eigentliche Drama entfaltet Kaurismäki in kammerspielartigen Szenen, die nur selten von prächtig-winterlichen Außenaufnahmen unterbrochen werden. Das Konzept geht auf, weil „The Girl King“ fast ausschließlich von Kristinas inneren Konflikten handelt: Von ihrer Bildungsbegeisterung, ihrem Eigensinn, ihrer lebenslangen Auseinandersetzung mit der Frage nach dem richtigen Glauben und ihrer Liebe zur Hofdame Ebba Sparre, die sie vor ihrem Umfeld kaum verborgen hielt. Eine allzu steife Synchronisation verleiht dem Geschehen leider oft unnötige Schwere.

Auch kommen die vielen namhaften Nebendarsteller – Peter Lohmeyer als Bischof, Hippolyte Girardot als französischer Botschafter – zu wenig zur Geltung. Als Erinnerung an eine in jeder Hinsicht extra­ordinäre Figur der europäischen Geschichte aber leistet „The Girl King“ wertvolle Dienste.