Neu im Kino

Wenn die Liebe zum Alptraum wird

In „Ma Folie“ zeigt Regisseurin Andrina Mracnikar die Abgründe einer Amour Fou. Stilistisch erinnert der Film an ihren Lehrmeister.

Kurzes Glück: Hanna (Alice Dwyer) und Yann (Sabin Tambrea)

Kurzes Glück: Hanna (Alice Dwyer) und Yann (Sabin Tambrea)

Foto: W Film

Zwei Liebende finden sich, und die Kamera jubelt – zunächst. Sie steht auf dem Kopf, schwebt über nackten Körpern im Gegenlicht, zoomt sich an den Hinterkopf der Geliebten, Verliebten, die sehnsuchtsvoll aus dem Fenster schaut, umrahmt von der Tonspur des Filmenden, des Liebhabers, Yann (stark: Sabin Tambrea), der auf diesen kleinen iPhone-Filmchen seine Liebe zu Hanna (ausdrucksvoll: Alice Dwyer) für die Ewigkeit festhält.

„Ma Folie“, das Langfilm-Debüt der Österreicherin Andrina Mracnikar, beginnt als Liebestraum, schwerelos, grenzenlos, liebestoll. Man wähnt sich nicht umsonst in einem französischen Film, haben sich die beiden Endzwanziger doch sehr romantisch – und etwas klischeebehaftet – in einem Pariser Café kennengelernt.

Die eher erdige Wiener Kindertherapeutin Hanna und der flirrend durchs Leben schwebende deutsch-rumänische Musiker Yann, der alles aufgibt für die große Liebe, die eine verrückte, später in Wien. Wo aber der düstere Alltag wartet, die dunklen Gassen, der gefährlich strudelnde Donaukanal, das Wien des „Dritten Mannes“ – und die Eifersucht.

Nach einer halben Stunde die erste Ohrfeige

Da steht Goran (Oliver Rosskopf), der Ex, plötzlich im Treppenhaus; da sind Yanns Fragen nach den früheren Liebesplätzen oben in den Bergen, in gefährlichen Höhen befindet sich diese Amour Fou auf einmal. Nach einer halben Stunde gibt es ein erstes Festhalten, die erste Ohrfeige. Schluss, Aus.

Die von Anna ersehnte SMS nach langem Warten enthält eine grausame Videobotschaft des Verstoßenen, Unverstandenen, Nichtverstehenden: Tote Tauben, das berühmte aufgeschnittene Auge aus Bunuels „Andalusischem Hund“, Intimszenen einer gescheiterten Liebe unterlegt mit einem Droh-Kommentar - und schon tanzt die Kamera nicht mehr leichtfüßig, sondern schafft gefahrvoll- suggestive Bilder, die nicht umsonst an die verstörenden Aufnahmen der Überwachungskamera aus Michael Hanekes „Bennys Video“ erinnern.

Die Regisseurin hat schließlich bei Haneke studiert und wie ihr großer Meister sichtbare Freude daran, ihrer Hauptfigur nach und nach den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Auch das Böse, es fließt

Was ist Einbildung, was Wirklichkeit? Was Wahrheit, was Lüge? „Ma Folie“ entwickelt sich vom flirrenden Liebestraum zu einem kunstvollen Vexierspiel über die Macht der Bilder und der Einbildung. Niemand kann Hanna plötzlich verstehen, weder die Polizei, noch die verständnisvolle Freundin oder ihre Kollegen im Kindertherapiezentrum, wo die Panikatalcken ihrer kleínen tschetschenischen Patientin plötzlich auf sie überzugreifen scheinen. Alles schwebt, alles fließt, auch das Böse, und es ist meisterhaft, wie stilsicher die Regisseurin diesen Liebes-Alptraum verdichtet. Bedrohlich und beklemmend. Ohne Happy-End.