Filmdrama

Kleine Kamera, große Wirkung: „Tangerine L.A.“

Das Transgenderdrama aus den USA ist der erste komplett mit iPhones gedrehter Film. Der überrachend atmosphärische Bilder zaubert.

Die andere Seite von Hollywood: Kino: Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) und Alexandra (Mya Taylor) auf dem Straßenstrich

Die andere Seite von Hollywood: Kino: Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) und Alexandra (Mya Taylor) auf dem Straßenstrich

Foto: Kool Filmdistribution

Es hört sich wie ein Marketing-Gag an: „Tangerine L.A.“ ist der erste Kinofilm, der mit iPhones gedreht wurde. Als Werbeslogan wäre diese Information kontraproduktiv, wenn nicht jede Kritik als erstes feststellt, dass man dem Film das nicht ansieht. Dabei ist „Tangerine L.A.“ ein guter Beweis dafür, dass es einmal mehr unsere Wahrnehmungsgewohnheiten sind, die den Soft- und Hardwareversionen hinterherhinken und nicht umgekehrt.

Denn in der Tat sieht „Tangerine L.A.“ nicht so aus wie noch die ersten Handyfilme vor ein paar Jahren. Statt schlecht belichteter Wackelbilder gibt es hier atmosphärisch großartige Aufnahmen von Los Angeles im dunstigen Sonnenuntergangslicht. „Technisch“ ist nichts zu bemängeln. Was nicht heißt, dass man dem Film seine Drehform nicht doch ansieht, nur anders als erwartet. Und das ist es, was diesen Film spannend macht.

Deutlich wird das ab der ersten Szene, in der die Heldinnen des Films, die Transgender- „Sex-Arbeiterinnen“ Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) und Alexandra (Mya Taylor) sich an einem Doughnut-Laden zum Kaffee treffen. Sin-Dee hat gerade einen Monat im Gefängnis verbringen müssen und erfährt nun von Alexandra, dass ihr Zuhälter und Lover sie betrogen hat.

So ungeschminkt sieht man Hollywood selten

Es ist eine intime Szene, in der die Kamera nah dran bleibt an den Reaktionen der Figuren, die hier ihre Temperamente hochfahren, während gleichzeitig deutlich wird, dass sie eine große Freundschaft verbindet. Auf der Straße um sie herum geht unterdessen die Welt ihren gewohnten Gang, unwissend, dass hier gefilmt wird.

Die Unscheinbarkeit der Smartphone-Kamera ermöglicht eine atemberaubend intime Verzahnung von alltäglichen Stadtaufnahmen und Spielhandlung. Dass der deutsche Verleih dem Originaltitel „Tangerine“ ein „L.A.“ hinzufügte, macht durchaus Sinn, denn tatsächlich tritt Los Angeles als eine Art dritte Hauptperson in Erscheinung. So „ungeschminkt“ und unmittelbar hat man insbesondere den Stadtteil Hollywood, in dem Sin-Dee und Alexandra sich in ihrem Drama um Eifersucht, Rache und Freundschaft die Hacken ablaufen, selten gesehen.