Film

Postkartenidyll einer Subkultur: „Desire Will Set You Free“

Ein Amerikaner feiert die Partyszene von Berlin – und macht darüber einen Film. Dabei treten auch Größen wie Nina Hagen und Blixa Bargeld auf.

So stellt man sich den Hotspot Berlin vor: Hipster und Punks, die am Boden knutschen

So stellt man sich den Hotspot Berlin vor: Hipster und Punks, die am Boden knutschen

Foto: Alexa Vachon / Missing Films

Von Thomas Abeltshauser

Es beginnt, wie könnte es anders sein, am Berghain. Das ist dieser Club, der 2009 mal zum besten der Welt erkoren wurde und seitdem zum klischeegewordenen Mekka für Partytouristen wurde. Auch für den in Berlin lebenden Amerikaner Yony Leyser, der mit seinem Spielfilmdebüt „Desire Will Set You Free“ der Undergroundszene der Stadt ein ebenso aufgekratztes wie schnell ermüdendes Denkmal setzt.

Die Handlung ist schnell erzählt: Ezra (gespielt vom Regisseur selbst) ist ein Hipster-Expat und Nachwuchsschriftsteller, der das wilde Leben Berlins genießt. Als er sich in den russischen Stricher Sasha (Tim Fabian Hoffmann) verliebt, der aus seiner Heimat fliehen musste, führt er ihn durch das Berliner Nachtleben der Schwulenbars, Technoclubs und verruchten Privatparties. Dort lernt der schüchterne Sasha nicht nur allerlei exaltierte Gestalten kennen, sondern erkennt auch sein wahres Ich und wagt sein Comingout als Transsexuelle.

Treiben durch die Nacht: Ezra (Yony Leyser, l.) und Sasha (Tim Fabian Hoffmann) Missing Films Alexa Vachon

Wichtiger als der Plot aber ist Leyser die Darstellung des Lebensgefühls seiner Generation. Das Berlin, das hier gezeigt wird, ist ein Hedonistenparadies, in dem vor lauter Feiern, Sinnsuche und Selbstverwirklichung keine Zeit für Erwerbstätigkeit bleibt. Der Aktionsradius beschränkt sich dabei meist auf die Partykieze Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln. Schon ein Ausflug nach Schöneberg wird da als Reise in eine fremde Welt empfunden.

Die meisten Protagonisten sehen aus, wie die Hipsterprototypen zwischen Kreuzkölln und Friedrichshain eben gerade so aussehen. Sie experimentieren mit ihrer Sexualität und vor allem mit Drogen und finden Berlin mit seiner ­Geschichte von der Weimarer Republik bis David Bowie „awesome“ und „amazing“.

Gastauftritte von Nina Hagen bis Blixa Bargeld

Leyser vermischt in seiner Low-Budget-Produktion improvisierte Spielszenen mit dokumentarischen Aufnahmen, dazu gibt es Cameoauftritte von Peaches, Nina Hagen und Blixa Bargeld und jede Menge Szenegrößen wie Gloria Viagra. Der Film wirkt dabei streckenweise wie ein Video des Tourismusverbands, das für den Partystandort Berlin wirbt.

Jeder Ort der queeren Szene wird mal ins Bild gerückt, vom Roses über die Transenbar bis zum Badesee, in dem es sich im Morgengrauen nach durchfeierter Nacht prima abkühlen lässt.

Nur hin und wieder blitzt ironische Kritik am zwanghaft freizügigen Exzess und dem ewigen Um-sich-selbst-Kreisen auf, wird aber gleich wieder von der nächsten rauschhaften Sause übertönt. Dabei wäre ein frischer Blick auf die Berliner Party- und Clubszene, auf das schillernde, kreative Potential der Nacht längst überfällig.

Doch was Leyser liefert, ist kein zeitgeschichtlicher Moment der Hauptstadtbohème, sondern nur das ­Postkartenidyll einer zugedrogten Subkultur, die sich selbst feiert.