Film

Wo die Uhren anders ticken: „Ein Hologramm für den König“

Tom Tykwer schickt Tom Hanks in die Wüste. Das ist lange sehr amüsant. Und dann kommt auch noch die Liebe ins Spiel.

Kino: Ein Hologramm für den König

Kino: Ein Hologramm für den König

Foto: © X Verleih

Ein Hologramm ist ein in den Raum projiziertes 3D-Bild von etwas, was gar nicht wirklich da ist. Das ist schon mal keine schlechte Metapher auf den amerikanischen Geschäftsmann Alan Clay. Der war eigentlich ein guter Unternehmer, der sein Produkt nicht billig im Ausland herstellen wollte, um seine Angestellten zu schützen, bis das Ausland einfach ein ähnliches Produkt ohne ihn herstellte.

Nach und nach zerplatzt nun sein ganzes Wohlstandsleben wie Seifenblasen. Firma weg. Haus weg. Frau weg. Der Vorspann zeigt uns das als grellen Spot, bei dem Tom Hanks den alten Talking-Heads-Song „Once in a Lifetime“ mit leicht verändertem Text singt, nein aus sich herausschreit.

Nun ist Clay Angestellter in einer Firma, die von der Bankenkrise getroffen wird. Er hat nur noch eine Chance, sich zu sanieren: wenn er dem König von Saudi-Arabien ein holografisches Telefonkonferenzsystem verkaufen kann. Auch wenn er selber keine Ahnung hat, wie das geht.

Was für ein Sinnbild: Ein Mann, der nur noch ein schwaches, zitterndes Abbild seiner selbst ist, soll genau so etwas als Erfolgsmodell an den Mann, an den König bringen.

Der gute Amerikaner verzweifelt am amerikanischen Traum

Die Besetzung mit Tom Hanks macht hier tiefen Sinn: Wie vor ihm nur James Stewart verkörpert Hanks immer wieder den aufrechten Amerikaner, den All American Guy. Und ausgerechnet er gibt einen Loser, der alles verliert? Die Antithese zum amerikanischen Traum? Das muss John Doe, den Otto Normalamerikaner, in seinen Grundfesten erschüttern.

Da steht er nun, dieser Alan Clay, am anderen Ende der Welt. Hat einen Dauer-Jetlag, verschläft jeden Termin. Und ist auch sonst in einem permanenten Zustand des Weggetretenseins. Wie Bill Murray in „Lost in Translation“.

Da steht er nun, mitten in Saudi-­Arabien und kriegt den Culture Clash voll zu spüren: diese Widersprüche zwischen dem Sehnsuchtsland aus orientalischen Märchen und der Realität mit all den Menschenrechtsverletzungen.

Clay wird nach Dschidda gebracht, eine Wüstenstadt, in der einmal Millionen Menschen leben sollen, die aber noch ein einziges Luftschloss ist, eine riesige Baustelle, gegen die der BER, die Berliner Staatsoper und die Hamburger Elbphilharmonie zusammen genommen gar nichts sind.

Da steht er nun in einem Zelt, in dem es kein Essen und kein W-Lan gibt, und soll hier seine Präsentation vorbereiten. Während der König nicht heute und nicht morgen kommt und übermorgen wohl auch nicht. Auch dieses Unterfangen droht also als Seifenblase zu platzen.

Liebesgeschichte statt Wirtschaftskritik

Der Amerikaner Dave Eggers hat das alles in einem bissigen Roman erzählt, und es ist wohl kein Zufall, dass kein Amerikaner, sondern ein Europäer das verfilmt hat, mit dem neutralen Blick – auf die USA und den Nahen Osten. Tykwer setzt dabei auf viele komische Momente: „Hologramm“ ist seine erste richtige Komödie seit „Lola rennt“.

Wo aber Eggers mit seiner Sozial- und Wirtschaftskritik keinerlei Hoffnungsschimmer lässt, macht Tykwer das, was er am besten kann und jeden seiner Filme auszeichnet: Er erzählt eine Liebesgeschichte.

Da draußen, in der Fremde, scheint ihm ein Gebrechen, auf das er nie acht gegeben hat, den endgültigen Garaus zu machen. Aber da trifft er auf die Ärztin Zahrea (Sarita Choudhury), eine Muslimin, die in eine glücklose Ehe gezwängt ist und in der er eine Seelenverwandte erkennt. Und durch die er sein Umfeld plötzlich völlig neu wahrnimmt.

Eggers-Fans mögen entsetzt sein: weil Tykwer die Grundidee des Buchs auf den Kopf stellt. Tatsächlich wird so aber eben etwas ganz Eigenes, eben völlig Tykwersches daraus, was offensichtlich auch Eggers überzeugt hat, als er seine Filmrechte verkaufte. Ein Mann, ganz am Ende, fängt noch einmal völlig neu an. Der Abgesang auf den amerikanischen Traum weicht einer Öffnung für das Fremde. Wenn das mal keine versöhnliche Botschaft ist.