Film

Schwer Erziehbare in Schweizer Idyll: Jetzt ist „Chrieg“

Letztes Jahr gewann dieser Film bei Max Ophüls: Ein kraftvolles Debüt über die Wut von Jugendlichen. Für die Laiendarsteller ging das gut aus.

Hier ist eine Abreibung fällig: Benjamin Lutzke als Matteo

Hier ist eine Abreibung fällig: Benjamin Lutzke als Matteo

Foto: PICTURE TREE INTERNATIONAL GMBH

Heidi wohnt hier schon lange nicht mehr. Im Debütfilm des jungen Baslers Simon Jaquemet sind die Schweizer Berge alles andere als idyllisch. Kein Paradies, sondern die pure Hölle, die der verschlossene Matteo (Benjamin Lutzke) erlebt. Der 16-jährige kifft und dealt und bringt nachts schon mal eine Prostituierte mit nach Hause.

Die Eltern stehen dem Treiben hilflos gegenüber. Der Vater, nach dessen Respekt sich Matteo erfolglos sehnt, verbringt eh mehr Zeit im Fitnessstudio als mit der Familie. Und die stark übergewichtige Mutter ist mit dem neugeborenen Baby mehr als genug gefordert.

Perverse Mutproben

Matteo schluckt seinen Frust hinunter, statt aufzubegehren. Als er sein Brüderchen in den Wald entführt und in einem unachtsamen Moment fallen lässt, ziehen die Eltern Konsequenzen. Plötzlich stehen zwei Sozialarbeiter in Matteos Zimmer und packen den Jungen in ein Auto, das ihn zu einer abgelegenen Berghütte bringt. Ein Boot-Camp für Schwererziehbare. Hier soll mit Feldarbeit ein anständiger Junge aus ihm werden.

Doch schnell ist klar, dass längst nicht mehr der versoffene Almbauer Hanspeter (Ernst Sigrist) die Zügel in der Hand hat, sondern die anderen drei jugendlichen Problemfälle das Regime übernommen haben. Dion (Sascha Gisler), Anton (Ste) und Ali (Ella Rumpf) quälen und demütigen den Neuzugang und verlangen perverse Mutproben.

Langsam wird er in ihre Ersatzfamilie aufgenommen, gemeinsam geht man auf Raubzüge, klaut Autos und bricht in Häuser ein. Matteo findet Gefallen am Kriegspielen und blüht auf. Und ist schließlich bereit, sich seinem Vater zu stellen – auf die brutalstmögliche Art.

Der Gewinner des letztjährigen Max-Ophüls-Festivals ist ein Film mit ungeheurer Wucht, der keine einfachen psychologischen Erklärungen bietet. Die Wut dieser Jugendlichen, die sich lange anstaut, bleibt unbestimmt. Genau das macht das Szenario so beunruhigend, zumal in der beschaulichen Schweiz, deren imposantes Bergpanorama Jaquemet geschickt mit der rauen Präsenz der Laiendarsteller kontrastiert.

Auch in „Die fetten Jahre sind vorbei“ brechen junge Außenseiter in Häuser ein und verstecken sich in einer Almhütte. Doch sie sind Rebellen aus Idealismus, sie verwüsten Villen reicher Leute, um gegen den Kapitalismus zu protestieren. Die Alpenpunks in „Chrieg“ sind eher das Extremupdate von „...denn sie wissen nicht, was sie tun“. Sie leben orientierungslos in einer aus den Fugen geratenen Welt, in der die Erwachsenen längst die Kontrolle verloren haben.

Im wahren Leben geht die Geschichte dagegen gut aus. Der am Zürcher Hauptbahnhof entdeckte Hauptdarsteller Benjamin Lutzke heimst für seinen Kinoauftritt international Preise ein, Sascha Gisler lebt mittlerweile nicht mehr auf der Straße.