Film

Schach kann auch im Kino spannend sein: „Bauernopfer“

Tobey Maguire gegen Liev Schreiber: Das Schachspiel zwischen Fischer und Spasski als großes Kinoduell. Ihm fehlt aber ein entscheidender Zug.

Foto: StudioCanal / dpa

Von Felix Müller

Vielleicht zuerst der überraschendste Befund: Dies ist kein Film über Schach. Es ist ein Film über eine ebenso faszinierende wie gestörte Persönlichkeit, die auf dem Scheitelpunkt des KaltenKrieges den amtierenden Weltmeister aus der Sowjetunion bezwang: Robert James Fischer, genannt Bobby Fischer.

Es ist ein Film über Zwangsneurosen, Paranoia und Psychoterror, über die Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen, über das Duell zweier sehr verschiedener Charaktere. All das macht er, machen auch seine Hauptdarsteller Tobey Maguire (als Bobby Fischer) und Liev Schreiber (als sein Kontrahent Boris Spasski) in vielen Facetten spürbar.

Ein Krieg mit 64 Feldern

Und das ist ja auch schon viel. Denn natürlich bietet die Lebensgeschichte Bobby Fischers einen faszinierenden Erzählstoff. Es ist zunächst eine Aufstiegsgeschichte: Bobby Fischer, aufgewachsen als Sohn einer allein erziehenden Krankenschwester im New Yorker Stadtteil Brooklyn, zeigte neben verschiedenen Verhaltensauffälligkeiten früh eine außergewöhnliche Begabung für das Spiel mit den 64 Feldern und den 32 Figuren.

Er war das, was man ein prototypisches Wunderkind nennen kann: Bereits mit 13 Jahren bezwang er in der sogenannten „Partie des Jahrhunderts“ Donald Byrne, einen der besten Schachspieler der Vereinigten Staaten – bis ihn sein Weg 1972 in den Kampf um die Weltmeisterschaft mit Boris Spasski in Reykjavik führte.

Dieses Duell, zu dem Fischer erst gar nicht anreisen wollte, sich schließlich doch dazu bewegen ließ; bei dem er ganze Partien einfach ausfallen ließ, sich dann lauthals über Störungen seiner Konzentration durch minimale Geräusche beschwerte und schließlich die Verlegung in einen schalltoten Raum erzwang, wo er sich, wie sonst auch immer und überall, trotzdem noch permanent überwacht und abgehört wähnte: Dieses Duell bildet das Zentrum dieses Films, den man als knapp über dem Durchschnitt liegende Studie über die Grenzen zwischen Genie und Wahn beschreiben kann.

Genie und Wahn

Aber ihm fehlt auch viel, und das macht sich umso schmerzlicher bemerkbar, je mehr man das Schachspiel liebt. Denn Bobby Fischers Leben erschöpfte sich ebenso wenig in seinen Psychosen, wie sich etwa die Vita Mozarts auf dessen exaltierten Lebenswandel beschränkte.

Die wahrhafte Faszination des Genies Bobby Fischer liegt nun einmal in der Schönheit seines Spiels. „Ich glaube nicht an Psychologie, ich glaube an gute Züge“, hat er selbst einmal gesagt – und damit selbst schon zusammengefasst, woran auch dieser Film letztlich Mangel leidet.

Nur der halbe Bobby Fischer

Die Herausforderung hätte darin gelegen, begreiflich zu machen, warum etwa die sechste Partie zwischen Fischer und Spasski zu den brillantesten Spielen der Schachgeschichte gehört – und worin ihr besonderer Zauber liegt.

Dazu hätte es des Wagnisses bedurft, sich ein wenig mehr auf die Tiefe und Komplexität des Spiels einzulassen und sie auch dem Zuschauer zuzumuten. Nur so kann man den ganzen Bobby Fischer sehen. Hier sieht man ihn nicht.