Film

Kämpfen bis zum letzten Atemzug: das Filmdrama „Freeheld“

Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit. Und hat in den USA eine Debatte ausgelöst. Am Ende wurde „Freeheld“ von der Realität überholt.

Ihnen ist kein Glück von Dauer beschieden: Stacie Andree (Ellen Page, r.) und die todkranke Laurel Hester (Julianne Moore)

Ihnen ist kein Glück von Dauer beschieden: Stacie Andree (Ellen Page, r.) und die todkranke Laurel Hester (Julianne Moore)

Foto: Universum Film / dpa

Was machst du, wenn du weißt, dass du nur noch wenige Monate zu leben hast: Die restliche Zeit noch genießen? Oder für dein Recht kämpfen? Das ist das Dilemma, in dem Laurel Hester (Julianne Moore) steckt.

Die Vorzeige-Polizistin hat für ihren Job mehrfach ihr Leben riskiert, hat sich vor Autos geworfen und sich anschießen lassen und sich, keine Kleinigkeit für eine Frau in diesem Männer-Metier, Meriten und Respekt erworben.

Dass sie eine Frau liebt, die weit jüngere Mechanikerin Stacey (Ellen Page), und mit ihr eine eingetragene Partnerschaft eingegangen ist, hat sie vor ihren Kollegen, selbst vor ihrem Partner Dane (Michael Shannon) wohlweislich verschwiegen.

Doch als sie erfährt, dass sie unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist, möchte sie, dass Stacey nach ihrem Tod in ihrem gemeinsamen Haus wohnen bleiben kann, und will ihr ihre Pensionsansprüche übertragen. Etwas, was bei heterosexuellen Ehepaaren völlig normal ist. Doch die Bezirksverordneten von New Jersey – die Freeholder, auf die der Titel anspielt – weigern sich strikt, diese Regeln auch auf gleichgeschlechtliche Paare anzuwenden

Das Tragische daran: Die eher schüchterne Stacey will das bisschen Zeit mit ihrer großen Liebe eigentlich nicht mit Streitigkeiten und öffentlichen Auftritten verschwenden. Die Todgeweihte wiederum will nur Gleichbehandlung. Ein Schwulenaktivist (Steve Carrell) aber will das zum Präzedenzfall machen, um für die Homo-Ehe zu kämpfen, und organisiert öffentliche Proteste, um den Lokalfall überregional publik zu machen.

Es war ein realer Fall, und er hat in den USA eine gesellschaftliche Debatte ausgelöst. Vor acht Jahren wurde bereits ein Dokumentarfilm über Laurel Hester und Stacie Andree gedreht, der ebenfalls den Titel „Freeheld“ trug. In Zeiten, da selbst in Kalifornien gesetzliche Lockerungen für Homosexuelle wieder revidiert wurden, war es allen Beteiligten dieses Spielfilms ein großes Anliegen, den Fall nun auch im Erzählkino so mainstream­mäßig, so breitenwirksam wie möglich aufzubereiten.

Ellen Page, eine der wenigen offen lesbische Schauspielerinnen in Hollywood, spielt nicht nur mit, sondern hat den Film auch mitproduziert, das Drehbuch schrieb der Aktivist Ron Nyswaner, der einst das oscar-gekrönte Drama „Philadelphia“ verfasst hat, das als erste große Hollywood-Produktion über Aids und Homophobie verhandelte. Und mit Julianne Moore stieg ein Star ein, der im Vorjahr gerade erst für „Still Alice“ einen Oscar gewonnen hat und sich von jeher für die Rechte von Lesben, Schwulen und Transsexuellen einsetzt.

Und doch ist der Film vielleicht gerade deshalb ein bisschen zu konventionell, zu schablonenhaft, ja fast gefallsüchtig ausgefallen. Erst kommt er wie ein Copthriller mit einer taffen Protagonistin daher, dann wechselt er plötzlich das Thema und wird eine lesbische Liebesgeschichte (der zweiten großen nach „Carol“ mit Cate Blanchett).

Und kommt erst mit der Erkrankung der Älteren ganz bei seinem Thema an. Da ist aber schon eine gute Stunde vorbei. Wenn Julianne Moore ihre auffällige Föhnfrisur, über die immer wieder Witze gemacht werden, schließlich verliert und sie sich immer geschwächter, aber unbeirrt auf den Weg gegen die Freeholders macht, wird aber jeder Zuschauer gepackt. Da bleibt kein Augen trocken.

Über fünf Jahre hat die Produktion des Films sich hingezogen. Als im vergangenen Herbst auf dem Filmfest in Toronto endlich die Premiere anstand, hat der Supreme Court bereits mit einer wegweisenden Entscheidung den Weg frei gemacht für die Schwulenehe in den USA. Der Film, als kämpferischer Beitrag gedacht, wurde also, auch das kommt vor, von der Realität eingeholt und wirkt nun nur noch wie der filmische Nachtrag zu einer längst gewonnenen Schlacht.