Film

Die Angst vor der Nichtigkeit

Kein klassischer Film, eher ein Happenng: Musiker Finn probiert sich als Regisseur. Und auch Blixa Bargeld und Tocotronic machen mit

Sie siezen und sie kabbeln sich: die Brüder Franz und Fritz Freudenthal (Robert Stadlober, r., und Wieland Schönfelder)

Sie siezen und sie kabbeln sich: die Brüder Franz und Fritz Freudenthal (Robert Stadlober, r., und Wieland Schönfelder)

Foto: Anhedonia / BM

Julia Friese

Es sind zwei Brüder, Milliardenerben. Sie heißen Franz und Fritz Freudenthal (Robert Stadlober und Wieland Schönfelder). Sie siezen sich. Sie sind kleine Schöngeister, die unablässig große Schöngeister zitieren. Sie schreiten mit Strohhut und Lupe umher. „Wie unsagbar hässlich alles ist“, sagt Franz. Und: „Dieser Ort macht mich total malade.“

Dabei ist er an hier, weil er bereits malade ist. Die „digitale, mediale, narzisstisch, hedonistische, karrieristisch, selbstausbeuterische, masochistische, egomanische, konsumorientierte Reizüberflutung des Establishments“ hat ihn freudlos gemacht, sagt der Erzähler (Blixa Bargeld)..

Der Arzt als Stimme vom Band

Franz leidet an „Anhedonia“, an zu viel Hedonie und Sorglosigkeit. Nichts kickt ihn mehr. Seine Rezeptoren sind überreizt. Auf Schloss Seelenfrieden – irgendwo im norddeutschen Nirgendwo – soll das Stadtkind geheilt werden. Den praktizierenden Arzt bekommt niemand zu sehen: Doc Immanuel Young (Tocotronic-Sänger Dirk von Lotzow) ist eine Stimme von Band.

Er schickt die Brüder ins kalte Wasser. Und zum Spazieren mit Schafen auf den Deich. Er sagt: „Have fun. Küsschen, Ihr Doc Young“. Franz ist empört. „Wo bleibt der Bio-Champagner, den ich bestellt habe?“ Es folgt Gelächter vom Band und eine Metaebene.

Angst vor der Nichtigkeit

Ein Regisseur im Film (Matthias Scheuring) zweifelt am Film, rastet aus, beleidigt die Schauspieler, die nun Schauspieler spielen. Er sagt ihnen, wie wichtig dieser Film werden soll. Wie groß. Ob sie das überhaupt verstehen können? Was ist das schöne Leben? Das ist die Frage, die sich im Film und im Film im Film niemand ernsthaft zu stellen traut.

Denn Ernsthaftigkeit ist doch pathetisch, ja lächerlich, denn wenn man halbwegs intelligent und vollends sorglos ist, muss man doch erkennen, dass im Angesicht des Todes wirklich nichts wichtig ist. Und so zeigt „Anhedonia“ Figuren, die aus Angst vor der Nichtigkeit ihres Daseins in die Ästhetik flüchten, und ist dabei ein Film, der aus Angst vor der eigenen Nichtigkeit das Gleiche macht.

Regiedebüt des Musikers Finn

Das ist eigentlich hübsch verschachtelt. Aber ein guter Film kann die Darstellung eines schlechten Films wohl niemals werden. Sieben Jahre hat der Regisseur Patrick Siegfried Zimmer an dem Drehbuch zu „Anhedonia“ geschrieben. Es ist sein Erstling. Zuvor war der 39-Jährige als Musiker Finn in Erscheinung getreten.

Für „Anhedonia“ hat er die Prämisse „Du muss dich selbst lieben“ tausend mal ironisiert, mit Zitaten der großen Philosophen und dem Gehabe der kleinen Off-Bühnen. Als Garnitur ein wenig deutsche Popkultur - von Lotzow und Bargeld. Und der Hoffnung, dass das schöne Layout alles irgendwie zusammenhält.

Das tut es leider nicht. Da ist nur ein kurzes Mitsummen zu Doc Youngs Song „Bitte chillaxen Sie“. Ein kurzes Sich- Aufregen, wenn das Schauspielensemble wirklich jedes Klischee überaffektierten deutschen Theaterschauspiels wiederkäut und dann am Schluss, ein kopfschüttelnd neben Franz Herumstehen. Sehen, wie er sich einem Porzellanhund anvertraut. Doc Young kann ihm da auch nicht helfen. Mut zur Ernsthaftigkeit vielleicht schon.