Film

Ein Mann kämpft gegen sein Los: „Der Wert des Menschen“

Langzeitarbeitslosigkeit ist ein schreckliches Los. Stephane Brizé hat darüber ein beklemmendes Drama gedreht. Mit einem kongenialen Darsteller.

Er will aus seinem Tief herauskommen und schafft es doch nicht: Vincent Lindon als Thierry

Er will aus seinem Tief herauskommen und schafft es doch nicht: Vincent Lindon als Thierry

Foto: temperclayfilm production / dpa

Er könnte auch Otto Normalverbraucher heißen, der von Vincent Lindon gespielte Franzose Thierry Taugourdeau in „Der Wert des Menschen“, denn es geht in diesem Film um ein Durchschnittsschicksal: Thierry nämlich, Mitte 50, ist arbeitslos geworden.

Gleich die erste Szene versetzt den Zuschauer ohne Einleitung in eine der Standardsituationen, die das Leben eines Arbeitslosen so bestimmt: das Beratungsgespräch im Jobcenter. Es geht höflich zu, aber es geht nichts voran. Thierry berichtet, dass man ihn zu einer Umschulung geschickt habe, von der schon vorher klar war, dass sie ihm nichts bringen würde. Er beklagt die verschwendete Zeit. Der Berater ist voller Verständnis, nickt, gibt ihm recht – und bietet am Ende doch nur eine weitere Umschulung an.

Schlag auf Schlag reiht der Film Szenen aus Thierrys Leben aneinander. Fast immer sind sie in einer Einstellung gedreht, mit einer Handkamera, die sich wenig bewegt und Thierry oft über die Schulter oder wie beiläufig von der Seite in den Blick nimmt. Es ist, als würde so noch einmal die Alltäglichkeit seines Schicksals betont.

Thierry ist verheiratet und hat einen behinderten Sohn. Die nächste Szene zeigt ihn beim Bewerbungsgespräch per Skype, wo er sich keineswegs blöd anstellt. Brav verspricht er, mit weniger Lohn zufrieden und zeitlich völlig flexibel zu sein, und muss sich dann doch so indirekt beleidigende Dinge anhören, wie dass sein Lebenslauf nicht gut geschrieben sei und dass seine Chancen sehr, sehr gering stünden.

Ein schlechter Rat nach dem anderen

Unterbrochen von privaten Einblicken, wo man Thierry beim Hausputz, bei Haushaltsreparaturen oder beim abendlichen Tanzkurs mit seiner Frau sieht, geht es weiter auf dem Weg des verwalteten Arbeitslosenschicksals: Beim Bewerbungstraining muss sich Thierry die geballte Verhaltenskritik seiner Mitabsolventen anhören, von wegen, er wirke nicht freundlich genug.

Auf der Bank erteilt ihm die arrogante Angestellte einen schlechten Rat nach dem anderen. Thierry nimmt schließlich einen Job als Kaufhausdetektiv an, um festzustellen, dass er es dabei mit Leuten zu tun hat, die schlechter dran sind als er.

Geradezu beängstigend detailreich und realistisch ist das, was der französische Filmemacher Stéphane Brizé („Mademoiselle Chambon“) hier im scheinbar dokumentarischen Stil an Szenen aus dem Leben eines älteren Arbeitslosen zusammenträgt. Was sich zunächst nach einem bedrückend freudlosen Film anhört, verwandelt sich durch den Schauspieler Vincent Lindon – der für diese Rolle in Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde – in ein geradezu elektrisierend präzises Porträt eines Ausschnitts aus der Gegenwart.

Es ist Lindons Geheimnis, wie er es zustande bringt, aber man kann das Auge nicht abwenden kann von diesem Durchschnittsmenschen. Thierry macht und tut, ohne je über die eigenen Bedürfnisse und erlittenen Kränkungen zu reden, aber als Zuschauer ist man so absolut bei ihm, dass man am Ende wie solidarisch mit ihm hinwerfen möchte.