Spielfilm

Selbstmord vor laufender Kamera wird nun Stoff fürs Kino

Die Moderatorin Christine Chubbuck nahm sich 1974 in den USA während einer Live-Sendung das Leben. Nun wird ihre Geschichte verfilmt.

Nahm sich 1974 vor laufender Kamera das Leben: TV-Moderatorin Christine Chubbuck.

Nahm sich 1974 vor laufender Kamera das Leben: TV-Moderatorin Christine Chubbuck.

Foto: dpa Picture-Alliance / John Cloud / picture alliance / AP Images

Washington.  Heute bräche Christine Chubbuck binnen weniger Stunden sehr wahrscheinlich sämtliche Klick-Rekorde im Internet. Vor 42 Jahren hatten aber viele Amerikaner nicht einmal einen Videorekorder. Darum löste der Selbstmord der Fernsehmoderatorin aus Florida vor laufender Kamera nur kurz Entsetzen aus. Danach verschwand die Tragödie in der Versenkung. Jetzt rücken zwei Kinofilme die bis heute unfassbare Verzweiflungstat neu ins Licht.

„Im Einklang mit der Tradition von Kanal 40, Ihnen die neuesten Blut- und Ekelnachrichten live und in Farbe zu bringen, erleben sie jetzt eine weitere Premiere: versuchten Selbstmord.“ Der Satz, den Christine Chubbuck in aller Seelenruhe am Morgen des 15. Juli 1974 live in einem TV-Studio in Sarasota sprach, leitete einen der grässlichsten Momente in der amerikanische Fernsehgeschichte ein.

Depressionen und Enttäuschung

Nur Sekunden später griff die beliebte Nachrichtenfrau des Senders WXLT-TV unter ihr Pult, setzte einen Revolver Kaliber 38 hinter das rechte Ohr und drückte zum Entsetzen der Regie ab. 15 Stunden später erlag die 29-Jährige ihren Verletzungen. Depressionen und ein missratenes Privatleben seien nicht die einzigen Ursachen für die Tat gewesen, sagte später ihre Mutter. Christine Chubbuck war verzweifelt über die Sensationsgier ihres Senders.

In „Christine“ liefert die britische Schauspielerin Rebecca Hall eine beeindruckende fiktionale Verdichtung des Lebens der Christine Chubbuck. In der experimentellen Dokumentation „Kate spielt Christine“ wird dagegen gezeigt, wie sich eine Schauspielerin (Kate Lyn Sheil) darauf vorbereitet, die Moderatorin in einem Stück zu verkörpern. Dazu recherchiert sie an Originalschauplätzen, spricht mit ehemaligen Kollegen der Toten. Beide Filme gehen unter die Haut und lösten bei der Premiere auf dem Sundance-Festival in Utah Betroffenheit, Beklemmung und Begeisterung aus.

So war es auch 1976, als Starregisseur Sidney Lumet, angeblich inspiriert durch den Fall Chubbuck, die zynische Produktionslogik der US-Kabelsender aufspießte. In „Network“ kündigte der wegen gesunkener Einschaltquoten gefeuerte Nachrichtenmoderator Howard Beale in seiner Sendung an, sich vor laufender Kamera umzubringen. Als die nächste Folge alle Einschaltrekorde bricht, verschiebt Beale seinen Suizid und wird zur Kultfigur einer neuen Show.

Keiner konnte sie rechtzeitig aus dem Psycho-Gefängnis befreien

Christine Chubbuck wuchs in einem behüteten Elternhaus in Cleveland/Ohio mit zwei Brüdern auf. Dass Chubbuck an schwersten Depressionen litt, dass sie sich nach einer Beziehung sehnte, dass sie sich als Außenseiterin empfand, ging am Arbeitsplatz unter. Selbst als sie kurz vor dem Schuss eine Recherche über Selbstmord erledigte und dabei einen Sheriff fragte, wie man sich am effektivsten eine Kugel in den Kopf jagt, wurde niemand hellhörig.

In „Christine“ gelingt es den Filmemachern, die Verzweiflungstat nicht als makabren Akt des Heroischen erscheinen zu lassen. Am Ende sympathisiert der Zuschauer unter Tränen mit einer gebrochenen Frau, die nichts als leben wollte. Die aber niemand rechtzeitig aus ihrem Psycho-Gefängnis befreien konnte.