Kino

Ein Dreieck, das zum Viereck wird: „Im Schatten der Frauen“

Eine kleine Kinoperle aus Frankreich: Regisseur Philipp Garrell lotet die Unwägbarkeiten der Liebe aus. Mit einer Überfülle an Eindrücken.

Sie bringt sein Leben durcheinander – und nicht nur seins: Elisabeth (Lena Paugam) und Pierre (Stanislas Merhar)

Sie bringt sein Leben durcheinander – und nicht nur seins: Elisabeth (Lena Paugam) und Pierre (Stanislas Merhar)

Foto: Schwarz-Weiss Filmverleih

Als der verheirate Mann und seine Geliebte sich erstmals auf dem Bett einer Mansardenwohnung umarmen, schwenkt die Kamera diskret weg und nimmt das Fensterkreuz in den Blick. Etwas ungeheuer Altmodisches liegt in diesem Schwenk, man fühlt sich an eine fast vergessene Praxis erinnert, als das Kino mit dem Zeigen von nackter Haut noch sehr sparsam umging, der gezielte Schnitt „kurz davor“ aber umso bedeutsamere Signale setzte.

Nicht nur, dass der Zuschauer leicht ergänzen kann, was danach passiert, der Schwenk steht auch für ein gewisses erzählerisches Selbstbewusstsein: Das gezeigte Paar und die Situation sind interessant genug, auch ohne dass man sie beim Sex sehen müsste.

Bohème-Leben in der Mansarde

Das Gefühl des Altmodischen prägt die Wahrnehmung von „Im Schatten der Frauen“ bereits von der ersten Szene an, schließlich ist der ganze Film in Schwarzweiß. Auch der erste Dialog, den man hört, scheint wie aus der Zeit gefallen: Da betritt ein älterer Herr eine Wohnung, in der die Mieter sich wie provisorisch eingerichtet haben, ohne die Wände zu streichen. Der Mietvertrag schreibe „bürgerliches Wohnen“ vor, mahnt er die Frau, und sie solle die Miete endlich zahlen.

Tatsächlich leben Manon (Clotilde Courau) und ihr Mann Pierre (Stanislas Merhar) ein gewissermaßen altmodisches Leben: Sie sind Dokumentarfilmer, aber ihre Projekte werfen offenbar kaum mehr als das Nötigste zum Leben ab. Für die Beschreibung ihres Alltags ist das Wort „Bohème“ noch zu glamourös, zumal ihre Beziehung aus Vertrauen und Zugewandtheit zu bestehen scheint. Bis Pierre auf Elisabeth (Lena Paugam) trifft und mit ihr in der oben beschriebenen Mansarde landet.

Die Story hat man gefühlt bereits tausend Mal gesehen. Ein Mann zwischen zwei Frauen, eine Dreiecksgeschichte, die sich bald auf ein Viereck erweitert mit allem, was dazugehört: euphorisches Verlieben, schmerzender Verrat, gebrochene Herzen. Aber wie das so ist, es braucht nur ein verändertes Setting, einen besonderen Rhythmus und das gewisse Etwas, das sich so schwer beschreiben lässt, und schon entdeckt man in der alten Geschichte neue, fesselnde Aspekte.

„Im Schatten der Frauen“ entpuppt sich nämlich als das rare Phänomen, eine kleine Perle inmitten einer Filmlandschaft, die solche Kinoerlebnisse gar nicht mehr vorsieht. Ein Film, der nostalgische Gefühle weckt, nicht weil er von etwas Vergangenem erzählt, sondern weil er auf eine Weise die Unwägbarkeiten der Liebe schildert, wie man es in dieser Kombination aus atmosphärischer Dichte und realistischer Schlichtheit schon lang nicht mehr gesehen hat.

Alles ist Absicht

Wer nun dem Regisseur Philippe Garrel schon wegen seines Geburtsjahres 1948 eine Neigung zur Nostalgie unterstellt, liegt allerdings falsch. Ein lebenslanger Außenseiter der französischen Filmbranche, zeigen ihn gerade seine letzten Filme (das 68er-Drama „Les amants reguliers“ 2005, „La jalousie“ 2013) als absolut modernen Regisseur.

Garrel besitzt die oft für jugendlich gehaltene Gabe, sich aufs unbedingt Wesentliche zu beschränken. Auf den ersten Blick mag „Im Schatten der Frauen“ wie „arme Kunst“ erscheinen, aber bald merkt man, dass alles daran Absicht ist. Von der simplen, oft knittrigen Kleidung der Figuren über den ungeschminkten Naturalismus der Gesichter bis hin zu den flachen Schuhen, in denen die Frauen das berühmte Pariser Pflaster abschreiten: Alles dient der Geschichte.

Wie überhaupt Garrel seine Figuren gerne beim Laufen zeigt. Doch von nichts gibt es zu viel: Sparsam ist der Einsatz der Off-Erzählung, die lakonisch-ironische Distanz einbringt, genauso wie der gelegentlicher Piano-Sequenzen, die mit verhalten melancholischer Emotion würzen. Aber im Zusammenspiel ergibt sich eine zauberhafte Überfülle an Eindrücken.