Kino

Das Leben, ein Marionettenspiel: „Anomalisa“

Being Charlie Kaufman: Der Mann ist der große Exzentriker des US-Kinos. In seinem neuen Film inszeniert er eine Midlife-Crisis als Puppenspiel.

Wer bin ich? Ausgerechnet der Motivations-Coach Michael Stone kommt in die Sinnkrise

Wer bin ich? Ausgerechnet der Motivations-Coach Michael Stone kommt in die Sinnkrise

Foto: Photo Credit: Paramount Pictures / BM

Alles gleich, alles einerlei. Jeden Tag dieselben Menschen, derselbe Ablauf. Und das soll immer so weitergehen? Es sind, auch wenn die eine oder der andere zuweilen auch schon etwas früher an ihnen leidet, die klassischen Symptome einer Midlife-Crisis, die Charlie Kaufman zum Gegenstand seines jüngsten Films „Anomalisa“ macht. Aber wie sie darstellen? Er kam auf den genialen Gedanken, sie nicht real, sondern als Puppentrickfilm zu erzählen.

Alle sehen gleich aus, alle hören sich gleich an

Die Gesichter, sie sehen alle gleich aus. Auf einem 3-D-Drucker entstanden, sind sie aus lauter Einzelelementen zusammengesetzt. Sie haben alle einen Strich in der Mitte, auf Augenhöhe, als wolle man sie durchstreichen. Das ist ein kleiner Frankenstein-Moment, an den man sich gewöhnen muss.

Ab und an entgleiten den Figuren die Gesichtszüge nicht nur, sie fallen expressionistisch ganz von ihnen ab. Aber das ist eine ungemein reizvolle, visuell sehr plastische Idee. Die akustisch noch verstärkt wird, denn alle Menschen, ob Männlein oder Weiblein, ob Jung oder Alt, werden von der gleichen Stimme gesprochen. Ein großer Einheitsbrei.

Die Wissenschaft hat dafür einen Begriff: das Fregoli-Syndrom. Benannt nach dem Verwandlungskünstler Leopoldo Fregoli, der in Sekundenschnelle in andere Kostüme und Identitäten annehmen konnte, bezeichnet es eine Paranoia von Menschen, die glauben, dass alle Leute aus ihrem Umfeld als andere Personen auftreten.

In „Anomalisa“ ist die Hauptfigur Michael Stone ausgerechnet ein Motivationstrainer, der seine Kunden auf Kundenserviceoptimierung trimmt, um immer zu funktionieren, der aber selbst an einem Nullpunkt angekommen ist und in eine Depression verfällt.

Willkommen im Hotel Fregoli

Die Frau daheim, der Nebenmann im Flugzeug, der Taxifahrer, sie alle sehen gleich aus und hören sich gleich an. Bei seiner jüngsten Dienstreise checkt er, ein hübscher Insidergag, im „Hotel Fregoli“ ein. Der Name ist Prinzip.

Im Original wird dieser Michael Stone von David Thewlis gesprochen, alle anderen Figuren von Tom Noonan. In der deutschen Fassung übernehmen das die Synchronsprecher Frank Röth und Christian Weygand. Aber dann hört man plötzlich eine dritte Stimme, und nicht nur Herr Stone, auch der Zuschauer horcht sofort auf.

Sie gehört einer Frau, die nicht besonders attraktiv ist. Die sogar eine Narbe im Gesicht hat, die sie verschämt mit einer Haarsträhne versteckt. Alle anderen schauen eher ihre Begleiterin an. Aber diese Frau, Lisa mit Namen (Jennifer Jason Leigh spricht sie im Original, Caroline Ebner auf Deutsch), hat eine Persönlichkeit, die hervorsticht, eine eigene Identität.

Sie verhält sich in dem großen trägen Einerlei anomal. Weshalb Stone sie Anomalisa nennt. Und sofort ihre Nähe sucht. Die mit Sicherheit, das darf man jetzt schon behaupten, schrägste Liebesgeschichte des Jahres.

Die Handschrift eines Exzentrikers

Im großen Einheitsbrei des US-amerikanischen Kinos sticht Charlie Kaufman mit seinen durchgeknallten, vor Fantasie schier überbordenden Drehbüchern als der große Außenseiter und Exzentriker hervor. In „Being John Malkovich“ ließ er schon lauter John Malkovichs auftreten (und fand einen Schauspieler, der das mit sich machen ließ).

Auch in seinen Scripts zu „Adaption“ und „Vergiss mein nicht!“ verwischte er auf herrlich versponnene Art die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt. Eine ungemein persönliche Handschrift: Being Charlie Kaufman.

Kleinste Gesten machen große Ängste und Sorgen spürbar

„Anomalisa“ hat der New Yorker erst als Theaterstück entwickelt – unter dem ironischen Pseudonym Francis Fregoli. Die Verfilmung hat er, damit ihm nicht irgendwelche Produzenten ins Konzept reden konnten, über eine Crowdfunding-Plattform finanziert. Dafür hat er sich mit dem Trickexperten Duke Johnson als Koregisseur zusammengetan. Und ist so unter die Puppentrickfilmer gegangen.

Er findet sich da in bester Gesellschaft. Auch ein Wes Anderson („Der fantastische Mr. Fox“) oder ein Richard Linklater („Waking Life“) haben sich schon in dem Genre ausprobiert, ganz zu schweigen von Tim Burton („Nightmare Before Christmas“), der in dieser Ecke überhaupt seine Karriere gestartet hat.

Eigentlich hat es Disney ja geschafft, dass der Konzern nicht nur zum Synonym für „Trickfilm“ wurde, sondern auch, dass der Trickfilm eine spezielle Form des Kinderfilms darstellt. Dabei hat es schon immer auch erwachsene Trickfilme gegeben. Nur muss dieses Terrain mühsam zurückerobert werden.

„Anomalisa“ schafft das auf grandiose Weise. Der Puppentrick abstrahiert und verdeutlicht zum einen die Grundangst, dass wir alle nur wie Marionetten zu funktionieren haben. Zum anderen aber schärft gerade der Umstand, dass alle scheinbar so gleich aussehen, ganz ungemein den Blick für Details, die dieser in mühsamer Handarbeit entstandene Film in Fülle bietet.

Kleinste Gesten machen große Ängste und Sorgen spürbar und leisten ganz großes Gefühlskino, bei dem man irgendwann sogar vergisst, dass man hier einen Trickfilm schaut. So nah gehen einem die zwei Hauptfiguren.

Anomalisa versus „Alles steht Kopf“

Wie der Zufall es will, hat Disney mit seinem Tochterunternehmen Pixar gerade erst selber einen Trickfilm über Depressionen und komplexe Gefühlsprozesse herausgebracht: „Alles steht Kopf“. Das aber als quietschbunte Computeranimation. Und natürlich als Kinderfilm.

„Anomalisa“ guckt nicht direkt, aber im übertragenen Sinn doch auch in das Hirn eines Menschen. Eine erwachsenere, ungleich reifere Variante. Es ist nicht ohne Ironie, dass die beiden Filme nun bei der Oscar-Verleihung direkt gegeneinander antreten.