Daniel Craig

„Ich will jetzt erst mal nicht mehr an James Bond denken“

Daniel Craig über seinen vierten Einsatz als Doppelnull, die Leere nach dem Dreh und wie er sich davon erholt.

Daniel Craig während eines Fototermins Ende Oktober in Berlin

Daniel Craig während eines Fototermins Ende Oktober in Berlin

Foto: Sean Gallup

Daniel Craig sieht müde aus. Als uns der Bond-Darsteller kurz vor der Berlin-Premiere von „Spectre“ im Hotel Adlon entgegenkommt, sind wir ein wenig erschrocken. Drei Mal haben wir ihn in den vergangenen neun Jahren gesprochen, immer zum jeweils neuesten Bond. Drei Mal war er bestens aufgelegt, scherzte, seine Augen sprühten. Jetzt wirkt er abgekämpft, ausgelaugt, erloschen. Man mag nun doch an seine Amtsmüdigkeit glauben, die er in seinem viel zitierten Interview mit „Time Out“ hatte durchblicken lassen. Vielleicht liegt es aber nur daran, dass er jetzt überall auf der Welt auf eben dieses Interview angesprochen wird. Auch wir können ihm das nicht ersparen.

Berliner Morgenpost: Mr. Craig, im Interview mit „Time Out“ haben Sie gesagt, Sie würden sich lieber die Pulsadern aufschlitzen, als noch mal Bond zu spielen. Sagen Sie uns ehrlich...

Daniel Craig: … ob ich noch mal nach Berlin komme?

… und hier einen weiteren Bond vorstellen werden? Oder war „Spectre“ Ihr letzter Einsatz als 007?

Ich weiß es nicht. Das Interview habe ich zwei Tage nach Ende der Dreharbeiten gemacht. Die haben acht Monate gedauert. Und da wurde ich schon auf den nächsten angesprochen! Ich habe aus der Stimmung des Moments geantwortet. Und in dem Moment war mir das – Puh! Ich kann Ihnen darauf wirklich keine Antwort geben. Der Film ist gemacht. Ich will jetzt mal nicht an James Bond denken müssen.

Eine der Fragen, die Sie sicher auch nicht mehr hören können, aber in diesem Zusammenhang doch Sinn macht: Wie hat 007 Ihr Leben verändert?

Das ist unmessbar. Auf viele unglaubliche Arten. Ich durfte Orte sehen, an die ich sonst nie gekommen wäre. Mit großartigen Schauspielern arbeiten. Das alles ist unglaublich.

Der ganze Rummel um Ihre Person gehört aber auch dazu.

Ich werde immer wieder auf negative Seiten angesprochen. Kommen Sie. Es ist Arbeit. In jedem Job gibt es Dinge, die nicht so schön sind. Aber das ist dann auch schnell wieder vergessen. Du kriegst nicht genug Schlaf, du vermisst deine Familie, das ist das Schlimmste. Aber den anderen geht’s ja auch so. Man wird dann zu einer Ersatzfamilie.

>>>Filmkritik: Der neue 007 „Spectre“ ist James Bond mit Ladehemmung

Vor 18 Jahren haben Sie hier in Berlin „Obsession“ gedreht. Da kannte Sie hier noch keiner. Sehnen Sie sich mal danach, noch mal so raus zu können, ohne dass Sie jemand erkennt?

Damals konnte ich überall hingehen in Berlin. Und das habe ich auch getan. Das ist vorbei. Das ist einer der Nachteile, die aber in keiner Relation zu den Vorzügen stehen.

Sie sind ja nicht nur der Darsteller, sondern auch ein Koproduzent. Und haben Einfluss auf die Filme. Wie stark bringen Sie sich da ein? Geht es nur um Ihre Figur oder auch um die Story? Den Regisseur Sam Mendes haben ja auch Sie ins Boot geholt, zum zweiten Mal, nach „Skyfall“.

Das betrifft all das. Ich kann einfach nicht still sein, das ist vielleicht ein Fehler von mir. Aber das habe ich von meinem ersten Bond-Film „Casino Royale“ an gemacht. Ich habe gesagt, wenn ihr mich daran teilhaben lasst, kann ich die Rolle spielen. Ich will nicht nur Bond spielen und dann nach Hause gehen. Ich will Anteil an dem ganzen Prozess nehmen. Denn mir war klar, dass es mein Leben bestimmen würde. Und das hat es ja auch. Die Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson waren von Anfang an sehr großzügig, diesmal waren sie sogar noch großzügiger. Ich hatte aber mehr Ideen, als es am Ende in den Film geschafft haben.

Der neue Bond wirkt leichter als die vorherigen drei. War er auch leichter zu drehen?

Wir haben es darauf angelegt. Das war eine ganz bewusste Sache. Ich finde, wir haben das auch verdient. Wir haben das Ganze lange so ernst wie möglich genommen. Dass wir das diesmal nicht so ernst nehmen, funktioniert, finde ich, ganz gut. Das hat eine gute Balance, lauter Aufs und Abs.

Welche Actionszene mochten Sie am liebsten?

Die Eröffnungssequenz. Weil sie wie ein Gesamtkunstwerk von allen Beteiligten wirkt.

Die schlimmste war vermutlich die Kampfszene im Zugabteil, weil Sie sich da Ihre Knieverletzung geholt haben? Da hörte der Spaß wohl auf?

Die hab ich trotzdem geliebt. Ich hatte Dave Bautista an der Backe, und das ist wirklich eine Masse an Mann! (lacht) Wir haben das sechs Wochen geprobt, das war wie eine Tanzroutine. Du musstest ganz bildlich die Schritte und Bewegungen draufhaben, sonst hast du einen Schlag abbekommen. Das hat echt gutgetan, das hinzubekommen.

Und wie war die Chemie mit Christoph Waltz? Wie haben Sie sich eingegroovt?

Wir tanzten ein wenig. Wir machten Musik. Wir legten uns After-Shave auf. (lacht). Als wir darauf kamen, er könnte den Bösewicht spielen, dachten wir: Das macht er nicht. Wird er das machen? Aber er hat Ja gesagt. Und wir waren selig. Er ist ein wirklich liebenswerter Mensch. Und er kommt an den Set und legt die Messlatte ziemlich hoch. Was für mich eine wunderbare Herausforderung war. Ich wollte für ihn so gut sein, wie er es für mich war.

Und legt das Ihre Messlatte höher?

Aber ja. Da waren ja auch noch Ralph Fiennes, Léa Seydoux und Monica Bellucci. Alle gewohnt, Hauptrollen zu spielen. Wann immer du mit solchen Hochkarätern spielst, treibt dich das automatisch an.

Bislang war Bond immer ein Einzelkämpfer. In „Spectre“ helfen ihm plötzlich Moneypenny, Q und selbst der neue M an der Front. Wird 007 am Ende noch ein Teamplayer?

Ich habe 128 Tage an diesem Film gedreht. Und war froh über jeden, der mir ein bisschen Arbeit abgenommen hat. Nein, schauen Sie, Sam hat „Skyfall“ so klasse besetzt mit Ben, Ralph und Naomi. Warum sollten wir sie dann nicht auch einsetzen? Sie bringen so viel ein, das muss man unbedingt nutzen, das kann man doch nicht verstreichen lassen.

Nächsten Herbst werden Sie in New York den Jago spielen, in einer Off-Broadway-Produktion von „Othello“. Ist Shakespeare das größtmögliche Gegenteil zu Bond? Englisch zwar, aber eben hehre Bühne statt Popcornkino?

Ich bin ein großer Fan von Sam Gold, dem Bühnenregisseur. Ich habe viele seiner Produktionen gesehen. Und ich wollte unbedingt mit ihm arbeiten. Wir reden schon seit einigen Jahren darüber. Es ist jetzt nicht so, dass ich nach Bond was ganz anderes machen und zu irgendwelchen Bühnenwurzeln zurückkehren müsste. Aber es ist eine große Herausforderung. Und ein grandioses Stück.

Sie müssen mal nicht den Hauptpart stemmen, das macht David Oyelowo. Dafür stehen Sie einmal auf der anderen Seite. Sie sind der Böse.

Ist Jago böse? Das kommt auf den Standpunkt an. Ich würde sagen, er wurde im Leben schlecht behandelt.

Sie wollen nach den ganzen Bond-Premieren jetzt aber erst mal Urlaub machen. Wie kommt Daniel Craig zur Ruhe?

Ich gehe einfach nach Hause und verbringe Zeit mit meiner Familie. Ich habe ein hübsches Heim, da gibt es viele Dinge, die getan werden müssen. Ich werde nächstes Jahr hoffentlich auch wieder einen Film produzieren. Es gibt also immer was zu tun. Aber jetzt geht es erst mal darum, die Familienbande zu reaktivieren.