Film

Kiffer im Kino - Die Pynchon-Verfilmung „Inherent Vice“

Die Welt aus den Augen eines Kiffers: Paul Thomas Anderson gelingt die Adaption von „Inherent Vice“, eines Romans von Thomas Pynchon. Der Autor galt bisher als nicht Kino-kompatibel.

Foto: Warner / Warner/

Michael Wolfman ist verschwunden. Ein Mann mit Stil und zweifelhaftem Geschmack. Er ist ein Immobilienhai, wurde von der „Arischen Bruderschaft“ bewacht, ein „Jude, der im Grunde ein Nazi sein möchte“. Interessant macht ihn auch sein Hobby. Von jeder Frau, mit der er je geschlafen hat, lässt er einen Schlips mit ihrem nacktem Ebenbild fertigen. Im Kleiderschrank findet sich eine beeindruckende Schlips-Auswahl. Shasta ist auch verschwunden, sie soll mit dem Immobilienhai etwas gehabt haben, jedenfalls findet später Privatdetektiv Doc Sportello ein Krawatten-Bild von ihr in Wolfmans Garderobe.

Keine schöne Entdeckung, schließlich ist Shasta (Katherine Waterston) seine Ex-Freundin, wobei Ex-Freundin jetzt nicht so etwas spießiges meint wie: nicht mehr miteinander ins Bett (in diesem Fall genau genommen: auf die Couch) gehen. Schließlich sind wir bei „Inherent Vice“ in den schönsten Hippie-Zeiten am Beginn der 70er-Jahren in Kalifornien. Doc Sportello trägt einen imposanten Backenbart, der Joint ist sein ständiger Begleiter. Mit leicht zusammengezogenen Augenbrauen betrachtet er das Treiben um sich herum mit der Skepsis eines Mannes, dem halluzinatorische Realitätsverschiebung vertraut sind. Was wir sehen, ist die Welt aus den Augen von Doc Sportello. Genauer genommen: Die Welt aus den Augen eines Kiffers, wenn er sie denn aufbekommt. Gespielt wird Doc von Joaquin Phoenix, der nie zuvor so komisch auf der Leinwand war.

Ein perfektes Ebenbild der Welt

„Inherent Vice“ bestätigt die gute, alte Branchenregel, die besagt, dass ein Stoff so lange als unverfilmbar gilt, bis er dann verfilmt wurde. Der Film basiert auf gleichnamigen Roman von Thomas Pynchon und ist es das erste Mal, dass ein Werk des US-Autors auf die Leinwand kommt. Seine Romane lösen zuerst ein wenig Unbehagen aus, weil man sie nur in Ausschnitten versteht, bis man irgendwann realisiert, dass sie ein perfektes Ebenbild der Welt sind, die man auch nur, wenn überhaupt, in Ausschnitten versteht. „Inherent Vice“ ist für Pynchons Kosmos ein vergleichsweise stringenter Roman, gibt es doch mit Doc Sportello eine klassische Hauptperson und die Handlung bleibt auf Los Angeles konzentriert. Das ist eine Ausnahme für einen Autor, der einen ansonsten gern auf die Reise in Gegenwelten, Parallelleben, Zwischenreiche nimmt. Und mit Detective Lieutenant Bigfoot Bjornsen (Josh Brolin) gibt es sogar einen passgenauen Kontrahenten, der Hippies verachtet. Zumindest offiziell.

Trotzdem wurde man beim Lesen dieses eigenartige Gefühl nicht los, jedes Kapitel für sich genommen schlüssig zu finden, aber irgendwann nicht mehr recht zu wissen, worum es eigentlich genau in dem Buch geht. Regisseur Paul Thomas Anderson ist Meisterliches gelungen. Er hat die Rätselhaftigkeit, die Laszivität und Anarchie des Romans bewahrt; eine werkgetreue Buchverfilmung, die auch den Geist, den Spirit Pynchons in den Film überträgt. Anderson bewundert Thomas Pynchon für seinen Slapstick-Humor, seine Paranoia, seine Melancholie. Die Melancholie steuert der sorgsame Soundtrack bei, eine Mischung aus Surfer-Sound, Folk und Klimperkasten-Elektro, zudem liest eine Stimme aus dem Off immer wieder Passagen aus dem Roman vor. Für die Paranoia sorgt die reichlich verstreuten Andeutungen: „Jemand könnte dich beobachten...“, „da gibt es einen Typen, der...“, „er ist nicht so verschwunden, wie wir dachten“.

Die gute Nachricht: Sexszenen im Kino haben eine Zukunft

Irgendwann taucht Shasta auch wieder auf. Sie war nie wirklich weg, behauptet sie, „im Norden“ sei sie gewesen. Doc geht der Sache auch nicht mehr mit letzter Konsequenz nach, nachdem Shasta komplett nackt den Raum betritt hat.

Sexszenen im Kino haben – das lässt sich nach dieser Szene risikolos behaupten – auch im Zeitalter der Pornographie eine Zukunft. Und die schwer verführerische Shasta illustriert eine Beobachtung aus Thomas Pynchons Roman „Gegen den Tag“: „Die Bedürfnisse von Männern sind nicht allzu kompliziert, jedenfalls nicht komplizierter als, äh, sagen wir, die Regeln von Siebzehnundvier.“