Thriller

„Wir waren Könige“ - Und die Deutschen können doch Genrefilm

Es fehlt im deutschen Kino ganz klar an Männlichkeit. Nicht so aber in diesem Film der Nachwuchsentdeckung Philipp Leinemann. Der Thriller atmet, schwitzt und riecht nach Testosteron.

Foto: Joachim Blobel / Sumiteer Films

Erst mal tief Luft holen. Das wird noch nötig sein. Rap-Musik. Ein tätowierter Halbnackter, der mit Fäkalsprache telefonierend durch eine Messie-Wohnung schlurft. Zwei ebenso finstere Typen, die am Tisch Wasserpfeife rauchen und Nebelschwaden. Ein Kind, das plärrt. Und eine Katze, die im Weg ist und deshalb in den Backofen gesperrt wird. Der natürlich auch noch angestellt wird. Man wähnt sich hier, ganz klar, in einem amerikanischen Film. Aber die Sprache, in der der Mann da flucht, ist das, was man früher einmal Kanaksprak genannt hat.

Und auf den Schutzwesten der Polizisten, die schon vor der Wohnungstür lauern, steht „Polizist“. Gleich werden sie die Wohnung stürmen. Eine Riesenballerei beginnen. Das Kind, das sei hier schon verraten, wird gerettet. Auch die Katze wird wieder aus dem Rohr geholt. Diese Drastik hat man sich dann doch nicht getraut. Und dennoch: „Wir waren Könige“ zeigt schon in dieser Schock-Ouvertüre eine Härte, die man im deutschen Film selten sieht. Und die wird er auch nicht verlieren.

Ein Staat im Staate

Es heißt immer, die Deutschen könnten kein Genre. Stimmt nicht. Ein Alpenwestern hat beim letzten Deutschen Filmpreis abgesahnt. Heiner Lauterbach war kürzlich in dem schön dreckigen Gangsterstreifen „Harms“ zu sehen. Und nun dieser Cop-Film. Ein Drama um SEK-Beamte, die sich, der Titel deutet es schon an, ein wenig selbst überschätzen. Die sich für unfehlbar, für über dem Gesetz stehend halten. Eigentlich sind sie hinter Drogendealern her. Aber den eigentlichen Kampf, den führen sie intern. Weil viel schief gelaufen ist bei den letzten Einsätzen. Und weil auch ganz offensichtlich Korruption mit im Spiel ist. Das Innenministerium hat deshalb ein Auge auf sie. Dann sterben auch noch zwei Beamte, und eine Waffe geht verloren. Da will man schnelle Ergebnisse, will einen Sündenbock. Egal, ob der am Ende wirklich der Schuldige ist. Hauptsache, das Team steht gut da.

„Wir waren Könige“ ist ein Männerfilm. Ein Film über Männer. Er atmet, er schwitzt, er riecht nach Testosteron. Das macht ihn, zumindest für hiesige Verhältnisse, so außergewöhnlich. Dem deutschen Kino fehlt es ja an echter Männlichkeit. Das wird, so hat Heiner Lauterbach kürzlich in dieser Zeitung gelästert, von Feel-Good-Movies mit lauter androgynen Schauspielern beherrscht. Für „Wir waren Könige“ müsste Heiner Lauterbach ein „Gefällt mir“ posten. Hier gibt es keine androgynen Typen. Keine gefälligen Harmlosigkeiten. Nur echte, bullige Kerle, deren Schutzwesten sie noch bulliger machen: Hier bin ich Mann, hier darf ich’s sein.

Druck, der sich entlädt

In diesem Film, der absichtlich in einer grauen Trabantenstadt angesiedelt ist und also überall spielen könnte, bildet das SEK einen Staat im Staate. Die Einheit soll vor Terroristen und anderen Aggressoren schützen. Aber sie ist vor allem mit sich selber beschäftigt. Und ist die größte Gefahr. Es gibt noch zwei Jugendgangs in diesem Film, die sich brutal bekämpfen. Bei ihnen geht es um dasselbe wie bei Kevin (Ronald Zehrfeld) und Mendes (Mišel Matičević), den Leitern der SEK-Einheit: um Freundschaft. Um Vertrauen. Und darum, wie weit man für den anderen geht. Und letztlich gerieren sich die Polizisten nicht anders als eine dritte Jugendgang.

Aber auch wenn die „SEKis“, wie sie sich selber nennen, mit einer der Gangs das mutmaßlich orgiastischste Besäufnis der hiesigen Filmgeschichte liefert, hetzen sie am Ende einen dieser Jugendlichen. Und lösen eine Spirale der Gewalt aus, die nicht mehr aufzuhalten ist. Der Film ist letztlich wie seine Figuren: ein einziger Druckkessel, der sich immer stärker erhitzt. Und jeden Moment zu explodieren droht. Und es ist kein Zufall, dass die einzige Person, die dies – vergeblich – zu durchbrechen versucht, eine Frau ist.

Per Fernfahrer zum Regiestudium

Genre, heißt es öfter, kann nur einer in Deutschland: Dominik Graf. Wirklich atmet „Wir sind Könige“ in allem Graf’sches Odeur. Da ist die Innenansicht auf den Polizeiapparat, auf Männerdomäne, auf Hierarchien, Strukturen und Gruppendynamik. Und da sind natürlich Ronald Zehrfeld und Mišel Matičević, Grafs Leib- und Magendarsteller. Auch Dominik Graf dürfte ein „Gefällt mir“ posten. Aber er war es nicht, der diesen Film inszeniert hat. Für Regie und Drehbuch zeichnet ein junger Mann verantwortlich, den noch keiner richtig auf dem Radar hat, auch wenn sich das nach diesem Film ziemlich schnell ändern könnte: Philipp Leinemann.

Der Mann, Jahrgang 1979, ist in München, im Graf-Revier, auf die Filmhochschule gegangen. Aber davor hat er Maschinenbau studiert und als Fernfahrer gejobbt. Nicht die übliche Filmemacherkarriere. Das hat man schon seinem Abschlussfilm „Transit“ über einen Truckfahrer angesehen. Und das sieht man nun auch seinem knallharten Cop-Film an. Hier gibt es keine dieser Schmuckwohnungen, die sonst von deutschen Filmfiguren bewohnt werden, obwohl die sich keiner leisten kann. Hier gibt es eigentlich gar keine Privaträume.

Dominik Graf ist nicht mehr allein

Hier sprechen die Kerle auch eine Sprache, die man nicht im Drehbuchseminar lernt. Und wenn sie sich schlagen, tragen sie für den Rest des Films Schrammen im Gesicht. „Wir waren Könige“ sollte schon baldmöglichst selbst Gegenstand in Filmseminaren sein. Hier sieht man Straße, sieht man Lebensrealitäten. Sieht man alles, was im durchschnittsdeutschen Förderfilm so selten vorkommt.

Der Testosterongehalt im Kino steigt damit zum Jahresende noch einmal sprunghaft an. Und Dominik Graf, das ist die gute Botschaft dieses Films, ist nicht mehr alleine in Deutschland. Es gibt auch andere, die sich auf diesem Terrain souverän schlagen. Geht doch.