Film

Clint Eastwood setzt den „Four Seasons“ ein Denkmal

Wie macht er das nur? Clint Eastwood ist 84 und wird immer besser. Jetzt hat er mit „Jersey Boys“ erstmals ein Musical verfilmt. Und huldigt seiner alten Liebe: der Musik.

Foto: © 2014 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND RATPAC ENTERTAINMENT

Es gibt ihn in so vielen seiner Filme: Der Moment, wenn Clint Eastwood Musik hört. Wenn er eine alte Platte auflegt. Oder in eine Bar geht und zu einem Bourbon der Musik lauscht. Wenn er nicht gleich selber am Klavier Platz nimmt und spielt. Oder gar zu seinen eigenen Filmen ein bisschen Soundtrack komponiert, wie in „Brücken am Fluss“ oder „Million Dollar Baby“. Keine Frage, der alte Kinohaudegen ist ein Musikliebhaber. Er liebt, er lebt den Jazz. Er hat sogar schon einen Film über den Jazz gemacht, das grandiose Charlie-Parker-Porträt „Bird“.

Jetzt, mit 84, hat er, zum ersten Mal, ein Musical adaptiert. „Jersey Boys“, der Broadway-Hit von 2005, der vier Tonys gewann, die amerikanischen Bühnen-Oscars. Kein Jazz diesmal. Sondern Pop. Handelt es sich bei den Jersey Boys doch um die Four Seasons, bei denen nur Klassikfreunde an Vivaldi denken, alle anderen aber an Hits wie „Sherry“, „Big Girls Don’t Cry“ und „Walk Like a Man“. Die einzige Band, die in den 60er-Jahren den Beatles ein bisschen Konkurrenz machen konnten.

Soundtrack des eigenen Anfangs

Warum Eastwood auf diesen Stoff angesprungen ist, das macht er selbst klar: Einmal, als die Band gerade ihre ersten Erfolge feiert, läuft im Hotelzimmer eine Fernsehserie: „Rawhide“. Mit einem jungen Cowboy: Eastwood. Die Four Seasons begannen in den fünfziger Jahren, damals noch als Four Lovers, ihre Karriere; zur selben Zeit, als Eastwood fürs Fernsehen drehte. Die Gruppe hatte ihren Durchbruch etwa zur selben Zeit, als Eastwood durch einen Spaghettiwestern im fernen Italien schlagartig bekannt wurde.

Wie der mit 1,93 Meter viel zu große, schlaksige Schauspieler, der immer ein wenig ungelenk wirkte und sich seinen Weg nach Hollywood erst erkämpfen musste, mussten sich auch die eher kleinwüchsigen, italienischen Boys aus Jersey ihren Weg nach oben bahnen. Wenn Eastwood noch heute die alten Hits der Seasons hört, wird er sie wohl mit eigenen Karrierestationen verbinden.

Eine Tenorstimme schraubt sich hoch

Was die Four Seasons von anderen Formationen so unterschied, das waren nicht die Melodien, die anfangs ebenso brav und eingängig waren, sondern vor allem die unglaubliche Tenorstimme des Sängers Frankie Valli, die sich bis ins Falsett hoch schrauben konnte. Das klang manchmal, als habe er gerade Helium inhaliert. Doch mit dieser Micky-Maus-Stimme scherte er modulierend aus der Grundmelodie aus, und schon war da ein Hauch von Jazz im Pop. Für diesen Sound wurden sie anfangs als Mädchen belächelt, aber es war genau diese uneindeutige, ausbrechende Stimme, die die aufbegehrende Jugend damals so faszinierte.

Es gibt für Clint Eastwood, das hat er wiederholt bekannt, nur zwei originär amerikanische Kunstformen: den Western und den Jazz. Im Western hat er hinlänglich seinen Mann gestanden, ihm hat er mit „Erbarmungslos“ auch ein grandioses Finale beschert; seither spricht man nur noch von Spät- und Nachwestern. Jetzt nimmt sich Eastwood die andere Gattung vor. Auch hier geht es darum, seinen Mann zu stehen. Im Grunde geht es einmal mehr um den ur-amerikanischen Traum: vom Tellerwäscher zum Millionär. Oder, wie im Fall Frankie Valli, vom Friseurgehilfen zum Plattenstar. Die Musik der Four Seasons habe er schon immer gemocht, so der Regisseur: „Vor allem aber interessierte mich, wie diese jugendlichen Quasi-Straftäter, die unter widrigen Umständen aufgewachsen sind, eine derartige Erfolgsgeschichte erleben konnten.“

Nur weg von der Straße

Nicht um den Glamour geht es ihm, sondern um die Schatten, die Abgründe dahinter. Und so kommt dieser Film, obschon er im Showbiz spielt, erstaunlich düster daher. Manchmal wähnt man sich eher in einem Scorsese- denn in einem Eastwood-Film. Mit Jungens, die so spreizbeinig wie möglich über die Straße laufen, um zu markieren, dass es ihre Straße ist. Und die doch nur davon träumen, von dort wegzukommen. Dafür, erklären sie gleich zu Beginn, gibt es nur drei Möglichkeiten. Du kannst zur Army gehen, was tödlich enden kann. Zur Mafia, was auch tödlich enden kann. Oder du wirst bekannt.

Die Jungs aus Jersey sind anfangs durchaus Kleinkriminelle. Es gibt eine fast slapstickhafte Szene, in der sie anfangs einen Tresor klauen und in einen Cadillac wuchten, wofür der viel zu schwer ist. Frankie steht dabei nur Schmiere, aber als ein Polizist um die Ecke kommt, fängt er erstmals an zu singen. Und der schrille Falsett warnt die Kumpel. A star is born, das sieht sonst anders aus. Die Jungen werden die Straße auch nie ganz von sich abstreifen können. Und auch die Mafia nicht. Weil sie der Pate Gyp DeCarlo unterstützt, ohne den es auch einen Frank Sinatra nie gegeben hätte.

Die Zeit vergeht fast unbemerkt. Die Koteletten werden länger, die Anzüge bunter. Mehr als für Äußerlichkeiten interessiert sich Eastwood für das Innenleben, das Kräfteverhältnis der Band, bei der Gegensätze immer deutlicher hervortreten. „Jersey Boys“ endet deshalb nicht auf dem Zenit ihrer Karriere, sondern beleuchtet auch, wie das Erfolgsquartett aneinander zerbricht.

Die Mafia weint beim Zuhören

Eastwood hat das, das muss man sich erst mal trauen, ohne die üblichen großen Namen inszeniert. Musicals im Kino, das funktioniert eigentlich nur, wenn Stars singen. Eastwood hat stattdessen Musicaldarsteller engagiert, die die „Jersey Boys“ schon in verschiedenen Bühnenproduktionen gespielt haben, allen voran John Lloyd Young, der als Frankie brilliert. Sie alle singen selbst – und Eastwood hat das auch live vor der Kamera aufgenommen und nicht etwa playback abspielen lassen. Letzteres wäre leichter gewesen, ersteres wirkt frischer, authentischer, emotionaler. Nur einen Star hat sich der Regisseur geleistet: Christopher Walken als Pate, dem die Tränen kommen, wenn Frankie „My Mother’s Eye“ singt. Ein großartiger Moment.

„Jersey Boy“ wird wohl nicht der letzte große Kinohit, den sich Altmeister Eastwood kürzlich noch einmal gewünscht hat. Dafür ist ein Musical nicht das richtige Genre, dafür hat sich Eastwood vielleicht auch zu sehr an der Bühnenvorlage gehalten. Aber dennoch ist ihm mit seinem nunmehr 33. Regie-Werk noch einmal ein großer Wurf gelungen. Der mehr der Dramaturgie der Musik als der des Films folgt. Und nicht nur einem Paten Tränen der Rührung in die Augen treibt.