Film

Drei Alt-68er gründen eine WG – das wird der Jugend zu bunt

Ralf Westhoffs Film „Wir sind die Neuen“ ist eine feine Komödie über den ewigen Konflikt der Generationen. Doch schon bald werden die Fronten brüchig. Ein Plädoyer für das Mehrgenerationenhaus.

Foto: © x-verleih

Noch einmal jung sein. Noch mal mit Gleichgesinnten eine Wohnung teilen, Nächte durchfeiern, über Ideale streiten, unbeschwert in den Tag hineinleben. War das schön damals. Nie wieder jung sein. Dieses Nicht-Wissen, wo es mal hingehen wird. Der Prüfungsstress an der Uni. Und die unnötigen Streitereien in der WG, wer einkaufen geht oder das Klo putzen muss. War das schlimm damals.

"Wir sind die Neuen", der neue Film von Ralf Westhoff, stürzt einen in dieses Wechselbad der Gefühle. Drei Alt-68er, die das "68" vielleicht noch gelten lassen würden, das "Alt" aber nicht, wollen es noch einmal wissen. Und ziehen, wie einst vor 35 Jahren, in eine WG. Nicht ganz freiwillig. Ausschlaggebend ist Anne (Gisela Schneeberger), die ihre Wohnung aufgeben muss und sich eine andere in der schicken Münchner Innenstadt schlicht nicht leisten kann.

Mit Lust ins Gegenteil verkehrt

Aber sie macht aus der Not eine Tugend. "Wir waren doch ein gutes Team damals", sagt sie sich und ihren ehemaligen Mitbewohnern. Nicht jeder zieht mit. Aber Johannes (Michael Winterborn), ein etwas blasser und etwas einsamer Anwalt, schon. Und Eddi (Heiner Lauterbach), ein ewiger Halodri, der eine niederschmetternde Diagnose erhält, auch. So ziehen sie denn zusammen. Sehr zur Unfreude der drei jungen Studenten, die über ihnen wohnen.

Verkehrte Welt: Es ist nicht die alte Dame, die mit dem Besen an die Decke klopft, weil die Jugend zu laut ist, oder daran erinnert, wer mit der Kehrwoche dran ist. Es sind die Jungen, die sich ruhigere Nachbarn gewünscht hätten. Und schon mal klar machen, dass sie nicht mal zur Apotheke oder was Schweres tragen können: "Wir haben keine Kapazitäten." Den Zwist mit den Nachbarn kennt man noch aus der eigenen Uni-Zeit. Aber er wird hier mit Lust ins Gegenteil verkehrt. Die Alten lassen sich nicht vorschreiben, was sie zu tun haben, und die Jungen sagen ihnen daraufhin den Krieg an. Jung gegen Alt, Streber gegen Versager, Spießer gegen Spontis: ein Clash der Generationen.

Ist konstruiert, wirkt aber nicht so

Ausgedacht hat sich das Ganze Ralf Westhoff, ein Mittvierziger, der ziemlich genau zwischen diesen Generationen steht. Der Münchner ist mit seinem Erstling "Shoppen" über Nacht bekannt geworden. Damals ließ er eine Reihe von Männlein und Weiblein beim Speed-Dating aufeinander los. Das war vor sechs Jahren die angesagte effiziente Art, sich aufs Schnellste kennenzulernen in einer immer rasanteren Zeit, in der man fürs Kennenlernen keine Zeit mehr hat. Diesmal dreht er das Rad der Zeit zurück. Lässt drei Vertreter der noch analogen Generation darüber streiten, ob es nötig ist, sich einen Internetanschuss legen zu lassen. Und lässt sie auf drei Mittzwanziger treffen, die bereits ihr Studium zwangsoptimieren und die spätere Karriere bis ins Kleinste vorplanen. Das wirkt erst mal wirklich sehr konstruiert: drei gegen drei, jung gegen alt, spießig gegen sponti, Streber gegen Versager. Aber es ist halt die hohe Kunst des Filmauteurs Westhoff, dass diese Anordnung nie nach Konstrukt klingt.

Westhoff ist ein Meister des Dialogs. Für seine gedrechselten, feinst geschliffenen Zeilen lässt er sich auch viel Zeit. Mit Drehen und Schneiden dauert es immer gut vier Jahre bis zu einem neuen Film, von "Shoppen" (2006) über "Der letzte schöne Herbsttag" (2010) bis jetzt zu den "Neuen". Wirtschaftlich sinnvoll sei das nicht, gibt er im Gespräch offen zu. "Aber nur so kann ich arbeiten." Die Schauspieler kriegt man dafür umso leichter.

Die Pointen sitzen

Westhoff hat quasi nach den Sternen gegriffen. Er hat sich Fotos potenzieller Darsteller schon beim Schreiben an die Wand gepinnt. Von Anfang an hing da Gisela Schneeberger, die kongeniale Partnerin von Gerhard Polt. Immer wieder hing da auch Heiner Lauterbach. Und beide sagten auch sofort zu, selbst wenn sie dafür nicht die übliche Gage bekamen: Weil Schauspieler es zu schätzen wissen, wenn im deutschen Film Figuren einmal richtig stimmig sind. Und die Sätze sitzen.

Bei "Shoppen" hat jeder gedacht, Westhoff selbst habe zwecks Recherche zahllose Speeddatings besucht. Hatte er aber nicht. "Ich finde, Recherche und Fantasie sind keine guten Freunde, da begrenzt man sich bloß", sagt er. " Ich will ja gar nicht die Realität abbilden. Ich will sie hinterfragen." WG-Erfahrungen hat er zwar selber gesammelt. Und auch richtig gute – mit seinem Regieassistenten, der mal eben kurz einzog und drei Jahre blieb. Deswegen verkläre er seine WG-Ära vielleicht auch. Aber ums eigene Erleben geht es auch hier wieder nicht. Die Mittsechziger seien genau die Generation, die damals als erste in Wohngemeinschaften zogen. "Die kannten das ja schon. Das hat mich gereizt beim Schreiben." Dabei sind auch ganz aktuelle gesellschaftliche Reizthemen mit eingeflossen: Altersarmut, unbezahlbare Wohnungen, Finanzkrise. Die haben sich während des langen Schreibens eher noch verschärft, sodass der Film jetzt ganz am Puls der Zeit ist.

Plädoyer fürs Mehrgenerationenhaus

Aber Westhoff wäre nicht Westhoff, hätte er es nur bei diesem Krieg der Generationen belassen. Schon bald werden die Fronten brüchig. Es sind, wieder in schöner Umkehr realer Verhältnisse, die Jungen, die einknicken. Die Lernkrisen bekommen. Sich den Nerv einklemmen. Für die man einkaufen muss. Und plötzlich sehen sich die Alten von unten, die eben noch das große Feindbild waren, in einer ungewohnt neuen Rolle: als Ersatzeltern. Einer muss sich ja um die Jungen kümmern. Damit doch noch was anderes aus ihnen wird außer karriereoptimierten Funktionierern.

Westhoff dürfte schon jetzt für die Lolas 2015 der Drehbuchpreis sicher sein. So grandios sitzen die Pointen, so vielschichtig sind die Dialoge. Er hat darüber hinaus aber auch ein Plädoyer für ein Zukunftsmodell des Miteinanderwohnens entwickelt: das Mehrgenerationenhaus. Am Ende lernen nämlich alle von allen. Die Generationen, sie können ja doch miteinander. Sie müssen nur mehr aufeinander zugehen.

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