Film

Die Deutschen können auch Gangsterfilme - „Harms“ ist der Beweis

Deutsche Fördergremien haben ihre eigene Vorstellung davon, was sie fördern. Heiner Lauterbach und Regisseur Niki Müllerschön haben die Gaunerballade „Harms“, deshalb auch gleich selbst produziert.

Foto: Kinostar

Morgen wird Harms nach 16 Jahren endlich aus der Haft entlassen, aber heute muss er noch schnell eine knastinterne Angelegenheit regeln. Entschlossen verschafft er sich Zugang zu den Duschen, wo sich gerade irgendwelche Finsterlinge einseifen. Erst zertrümmert er im Vorbeigehen einem Kerl am Waschbecken die Nase, dann kümmert er sich um die drei, vier tropfnassen Typen, die bald blutend am Boden liegen. Sogar eine Zahnbürste findet als Waffe Verwendung – im Knast darf man nicht wählerisch sein, da nimmt man sich das, was gerade so herumliegt. Und als man sich noch fragt, ob Harms Entlassung anlässlich des Blutbads möglicherweise verschoben wird, öffnen sich schon die Tore und das Leben hat ihn zurück.

Viel weiß man nicht über Harms. Nur das, was man sieht. Er ist wahrscheinlich Ende 50 und hat sich eine Träne unter das rechte Augen tätowieren lassen. Seinen Schnurrbart trägt er derart üppig, dass beide Enden über die Mundwinkel hinaus das Kinn begrenzen – was im Zusammenspiel mit der Träne eine gewisse Melancholie verrät, die aber unausgesprochen bleibt, denn einer wie Harms redet nicht viel. Wenn andere ihm gegenüber erwähnen, dass er vor seiner Zeit im Knast irgendeinen mal irgendwie zur Strecke gebracht haben soll, registriert er das meist stumm.

Angriff auf die Bundesbank

Heiner Lauterbach spielt Harms als einsamen Helden, der aus der Zeit gefallen ist, als eine Gangstergröße verloren im Hier und Jetzt. Das besteht vor allem aus einer muffigen Wohnküche, in der Verbrecher im Pensionsalter sich die Zeit mit dem Gesellschaftsspiel Risiko vertreiben, einer trist in der Gegend herumstehenden Pommesbude sowie einer schmierigen Kneipe, in der ein offenbar exzellenter Hackbraten serviert wird.

Natürlich hat Harms bald einen wunderbaren Plan, wie er Wohnküche, Pommesbude und Hackbraten auf alle Zeiten entkommen kann. Der Plan mag ein wenig größenwahnsinnig sein, doch wenn man wie Harms alles im Griff hat, dann kann man auch die Bundesbank überfallen. Dummerweise hat Harms nur wenig im Griff, was sich schon bei der Wahl seiner Komplizen zeigt. Der Hackbraten-Kneipier Timm ist vor allem gierig und dumm, während sein anderer Kumpel Menges in erster Linie dumm und gierig ist. Außerdem spielen noch ein ehemaliger Bundesbank-Vorstand und die geheimnisvolle Hure Jasmin eine tragende Rolle, weil ein Film wie „Harms“ nicht ohne eine geheimnisvolle Hure auskommen kann.

Angriff auf das Schubladendenken

Regisseur Nikolai Müllerschön und Heiner Lauterbach haben mit „Harms“ einen Gangsterfilm gedreht, wie er hierzulande praktisch nie entsteht. Was entsteht, sind entweder Komödien oder Arthouse-Filme, weil die deutsche Filmförderung vor allem Komödien und Arthouse-Filme unterstützt. Schon die Idee eines komödiantischen Arthouse-Films würde des Vorstellungsvermögen der Fördergremien über alle Maßen strapazieren, von klassischen Genre-Filmen ganz zu schweigen.

Und selbst es wenn geklappt hätte, für das Drehbuch von „Harms“ eine Förderung zu erhalten, wäre der Film hinterher ein anderer gewesen. Nicht so blutig und brutal, weniger skizzenhaft, sondern schön geschwätzig, damit auch jeder blinde Fleck auserzählt wird. Eine moralisch erbauliche und pädagogisch wertvolle Botschaft hätte in der Gangsterballade wohl auch nicht gefehlt, und selbstverständlich wäre Heiner Lauterbach unter keinen Umständen als Hauptdarsteller in Frage gekommen. Weil man ihn nicht in Gangster-Rollen kennt, darf er auch keine Gangster-Rollen spielen, denn Fördergremien zufolge können Schauspieler nur die Rollen übernehmen, die sie sowieso immer haben, weil das Publikum sie angeblich nur in Image-konformen Rollen toleriert.

Eine hervorragende Besetzung mobilisiert

Müllerschön und Lauterbach haben diesen hübschen, kleinen, schmutzigen Film deshalb im Alleingang produziert. Dank ihrer Beziehungen haben sie mit Friedrich von Thun, Axel Prahl, Helmut Lohner, André Hennicke und vielen anderen relativ kostengünstig eine hervorragende Besetzung mobilisiert. Helmut Lohner darf in seiner 60-jährigen Schauspielkarriere das erste Mal eine Pistole in der Hand halten und Friedrich von Thun sogar einen Hund erschießen. Das ist doch was.

Gewiss hat man irgendwo irgendwann auch schon mal einen besseren Gangsterfilm gesehen, vielleicht sogar schon im deutschen Kino. Doch dass Dominik Graf „Die Katze“ gedreht hat, ist jetzt auch schon wieder 26 Jahre her. Da ist einer wie Harms mehr als überfällig.