Film

Disney schreibt die Märchen um – die böse Fee wird eine gute

Angelina Jolie verflucht Dornröschen – und das auch mit gutem Recht: „Maleficent“ ist die Neuauflage der alten Mär. Und nimmt jetzt die Perspektive der Bösen ein.

Foto: Frank Connor / dpa

Geschichte, das ist nichts Neues, ist immer auch eine Frage der Perspektive. Eher ungewöhnlich ist es aber, dass diese relativistische Sicht nun auch auf die Märchenwelt übertragen wird. Waren Märchen bis vor einigen Jahren noch in eine überschaubare Welt in Gut und Böse eingeteilt, hat sich Disney vorgenommen, die Märchen weniger ernsthaft, weniger moralisch neu zu erzählen. So gesehen steht „Maleficent“ in einer Reihe mit „Küss den Frosch“, „Rapunzel – neu verfönt“ und „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“.

Denn hier erzählt Hexe Malefiz (Angelina Jolie) ihre Version der Geschichte. Dass sie Dornröschen in den ewigen Schlaf schickte, war nicht einer schlechten Laune geschuldet. So etwas macht man ja nicht ohne Grund, nicht mal, wenn man eine Hexe ist. Malefiz war nämlich einst eine herzensgute Fee, die fröhlich durch ihr Königreich flog und mit Elfen, Gnomen und Walddrachen scherzte und tirilierte und dies heute noch tun würde, hätte es nicht diesen Ärger mit dem ewig schwierigen Nachbarn gegeben.

Übliche Fehleinschätzung der Frauen

Auf der anderen Seite der Welt wohnen nämlich Menschen und die haben keinen allzu guten Ruf im Feenland. Aber Malefiz glaubt, eine übliche Fehleinschätzung der Frauen, dass ihr Auserwählter, in dem Fall der kleine Stefan, anders ist als alle anderen. Warum die beiden ihre Zeit miteinander verbringen, wird nicht ganz klar. „Sie sprachen viel miteinander“, hört man die Erzählerstimme, während sie sich gefühlig anschweigen. Es ist kein Film, der wegen seiner geschliffenen Dialoge in Erinnerung bleiben wird.

Vielmehr gewinnt er seine Spannung durch die Ambiguität von Malefiz. Denn sie kann schon ziemlich unangenehm werden. Als sie friedlich neben Stefan (Sharlto Copley) eindöst, schneidet er ihre Flügel ab, die doch so prächtig waren, dass toute la Feenland sie darum beneidet hatte. Stefan will den Thron seines Vaters übernehmen. Dieser hatte die Regentschaft versprochen, würde die Niederlage auf dem Felde gegen die Feen-Armee gerächt werden.

Kinogang nur für robuste Kinder

Im Augenblick des Erwachens schwört Malefiz ihrerseits Rache. Ihr Reich wie auch das Menschenland umgibt fortan eine trübdüstere Kulisse. Erlaubt ist der Film für Menschen ab sechs Jahren, aber nur robusten Kindern sei der Gang in diesen Film empfohlen.

Potenzielles Opfer ist die kleine Aurora, das blonde Töchterchen. Bei der Taufe verflucht sie das Kind. Mit 16 Jahren werde sie sich an einem Spinnrad pieksen und in ewigen Schlaf fallen. Gerettet werden könne sie nur durch jemanden, der sie aufrichtig liebt. Der König schickt das Baby aufs Land und lässt alle Spinnenräder sammeln und im tiefsten Verlies bunkern. Der übliche Aktionismus halt, wenn die Krise schon da ist.

Jolies mehrdeutiges Spiel

Bei der Auswahl des Personals geht Stefan eher unbedacht vor, als er drei Feen die Betreuung überlässt. Die drei Damen streiten sich lieber, als dass sie sich um das Baby kümmern. Aurora wäre nicht einmal annährend 16 geworden, hätte nicht Malefiz und ihr Kompagnon – mal Mensch, mal Rabe – sie gerettet. Ja, die Hexe entwickelt, mit deutlichem Widerwillen, eine gewisse Sympathie für die heranwachsende Aurora (Elle Fanning). Sehenswert ist gerade in dieser Phase Angelina Jolies mehrdeutiges Spiel. Sie dominiert ohnehin den Film. Und das muss man ja noch sagen dürfen: Nur weil über jemanden häufig in Klatschspalten berichtet wird, macht es ihn nicht automatisch zum schlechteren Schauspieler.

Leistungsschau des 3D-Kinos

Irgendwann kommt Malefiz sogar an dem Punkt, an dem sie den Fluch widerrufen will, aber gesagt ist gesagt respektive verflucht ist verflucht. Und auch das herbeireitende Jüngelchen (Brenton Thwaites), das sieht der Kenner auf den ersten Blick, wird Aurora nicht retten, will sie ihr Leben lang nicht einem Heintje für Arme dankbar sein müssen. Dann lieber auf ewig schlafen.

Regisseur Robert Stromberg hat für das Produktionsdesign von „Avatar“ und „Alice im Wunderland“ einen Oscar bekommen. Und das sieht man dem Film auch an. „Maleficient“ ist eine Bilderorgie, eine Leistungsschau der technischen Möglichkeiten des 3D-Films und nebenbei, auch nicht ganz unwichtig, keine Sekunde langweilig.