Kinofilm

„Nächster Halt: Fruitvale Station“ – Der letzte Tag

Eine sinnlose Tat in der Neujahrsnacht 2009 erschütterte die USA. Jetzt ist der Fall verfilmt worden und kommt in die Kinos: „Nächster Halt: Fruitvale Station“.

Ein Bahnsteig bei Nacht, gefilmt mit einem Handy durch die offene Tür eines stehenden Zuges. Man sieht schwarze Männer auf dem Boden kauern, weiße Polizisten halten sie in Schach, plötzlich kommt Bewegung in die Szene, Gemurmel hebt zu Geschrei an, ein Handgemenge, Passagiere protestieren lautstark aus dem Zug heraus, Chaos scheint auszubrechen. Dann fällt ein Schuss, und die Leinwand wird dunkel.

Der Spielfilm „Nächster Halt: Fruitvale Station“, der auf einer wahren Begebenheit beruht, nimmt sein eigenes Ende gleich in den ersten Bildern vorweg. Das Handyvideo ist ein authentisches Dokument, ein Passagier eines Zuges, der San Francisco mit Oakland verbindet, hat es in der Neujahrsnacht 2009 gemacht.

Wirklich erkennen kann man auf dem verwackelten Video nicht, was gerade geschehen ist: Der junge weiße Polizist Johannes Mehserle hat dem jungen Schwarzen Oscar Grant aus nächster Nähe in die Schulter geschossen, obwohl Grant fixiert auf dem Boden lag, mit dem Gesicht nach unten.

Erster Eintrag in der Jahresstatistik von 2009

Knapp sieben Stunden später wird Grant an seiner Verletzung sterben, ein 22-jähriger Mann, Vater einer vierjährigen Tochter. Und doch auch nur der erste Eintrag in der Jahresstatistik von 2009, Rubrik Todesfall nach Polizeieinsatz, nach inoffiziellen Zählungen werden am Ende des Jahres knapp 400 Menschen in den USA so gestorben sein.

Aber weil es bei Oscar Grant so viele Augenzeugen gab und unter anderem dieses Handyvideo und weil Grant weder bewaffnet war noch eine Gefahr darstellte, sorgten die Geschehnisse in der Fruitvale Station landesweit für Schlagzeilen, kam es in der Folge in Oakland zu teilweise gewaltsamen Protesten gegen die Staatsgewalt.

„Nächster Halt: Fruitvale Station“ schildert nichts von dem, was später passierte, und der erst 27 Jahre alte Filmemacher Ryan Coogler rekonstruiert auch nicht minutiös, wie genau es zu dem Schuss auf dem Bahnsteig kam, etwa aus Sicht der beteiligten Polizisten.

Das hat ein Geschworenengericht längst getan – und Mehserle lediglich wegen Totschlags zu zwei Jahren Haft verurteilt. Auch dieses milde Urteil hätte der Drehbuchschreiber und Regisseur Coogler in seinem Debütfilm skandalisieren können, doch auch das hat er klugerweise nicht getan.

Der letzte Tag wird erzählt

Stattdessen spult er nach den Handybildern einfach 24 Stunden in der Zeit zurück und erzählt den letzten Tag im Leben von Oscar Grant. Oder wie der ungefähr abgelaufen sein könnte. Da musste sich Coogler schon auf die Aussagen der Hinterbliebenen und seine eigene Vorstellungskraft verlassen. Dass dieser Oscar kein Mensch ohne Fehl und Tadel war, wird gleich klar: Am Vorabend liegt er mit seiner Freundin Sophina im Bett und würde nun gern mit ihr Sex haben, doch die hält ihm einen Seitensprung vor.

Während Oscar und Sophina noch streiten, kommt ihre Tochter ins Schlafzimmer, sie kann nicht schlafen. So löst sich der Zwist der Eltern zwar vorläufig in das traute Bild einer Kleinfamilie auf. Doch das Misstrauen Sophinas gegenüber Oscar ist in einer ganz anderen Sache gerechtfertigt, wie sich herausstellt: Seit zwei Wochen verheimlicht er ihr, dass er seinen Supermarktjob verloren hat, wegen ständigen Zuspätkommens. Dabei wollte Oscar doch endlich einer ehrlichen Arbeit nachgehen, statt wie früher mit Marihuana zu dealen, weswegen er schon im Gefängnis gesessen hat.

Es ist ein Tag voller Widersprüche, den Oscar dann erlebt, es gibt kleine schöne Momente und kleine schwierige. Doch weil Silvester ist, ist es auch ein Tag, an dem sich jeder Mensch vornimmt, ein besserer zu werden. Oscar ist da keine Ausnahme. Die Kette von Entscheidungen und Zufällen, die ihn schließlich auf den Bahnsteig der Fruitvale Station führt, gehorcht keiner höheren Logik, offenbart keinen göttlichen Sinn. Oscars Tod hat nichts von einer Bilanz, und doch entspricht er real existierenden gesellschaftlichen Wahrscheinlichkeiten in den USA, die einen jungen Schwarzen tendenziell eher umbringen als einen jungen Weißen. Das ist das Hochpolitische an diesem Film, der nie billig politisiert.

Ryan Coogler gibt mit „Nächster Halt: Fruitvale Station“ einem letztlich als Opfer Gestorbenen eine Geschichte, der im Leben nicht bloß ein Opfer war; und Schauspieler Michael B. Jordan gibt ihm ein Gesicht.

Diese zwei, der Regisseur und sein Hauptdarsteller, tun das mit der traurigen Gewissheit, dass sie als junge Schwarze ein ähnliches Schicksal hätte ereilen können wie Oscar Grant. Coogler und Jordan aber hatten das Privileg, stattdessen einen beeindruckenden, beeindruckend subtilen Film über ein viel zu früh verlorenes Leben eines anderen machen zu können.

Am Ende ist es auch eine universelle Erzählung: Der Tod nimmt uns allen die Möglichkeit, doch noch zu den besseren Menschen zu werden, die wir immer sein wollten.

„Nächster Halt: Fruitvale Station“, Kinostart am 1. Mai 2014, Drama, USA 2013, 85 min., von Ryan Coogler, mit Michael B. Jordan, Melonie Diaz, Octavia Spencer , Kevin Durand