Kinofilm

„Westen“ – Ein Nebenkapitel deutsch-deutscher Geschichte

„Westen“ von Christian Schwochow erzählt davon, dass der goldene Westen gar nicht so golden war. Und für einen Bürger der DDR hier nicht mit einer Stunde Null alles neu begann.

Foto: © Frank Dicks/ zero one film / © Frank Dicks/zero one film

Der Kleine muss mal. Ausgerechnet an der Grenze. Das geht jetzt nicht, raunt die Mutter. Aber natürlich, meinen die Grenzsoldaten. Und da die Mutter sich sträubt, muss sie gleich selber mit. Warten, Verhör, Leibesvisitation.

Drei Jahre ist es her, dass die promovierte Chemikerin einen Ausreiseantrag gestellt hat. Deshalb hat sie ihren Job verloren, musste auf dem Friedhof arbeiten. In jeder Faser sieht man ihr nun die Angst an, dass ihr Traum von der Freiheit noch in letzter Minute platzen könnte.

Aber es ist alles nur Schikane. Sie darf zurück zum Wagen. Der Bub sitzt auch schon drin. Nach nicht mal zehn Minuten ist die Frau drüben. Dann erst wird der Titel eingeblendet: „Westen“. Jetzt könnte der Film eigentlich zu Ende sein.

Erst mal stempeln gehen

Ist er aber nicht. „Westen“ (Kinostart am Donnerstag, 27. März 2014) von Christian Schwochow erzählt genau davon: dass der goldene Westen gar nicht so golden ist. Und für einen Bürger der DDR hier nicht mit einer Stunde Null alles neu beginnt.

Erst mal kommt die Mutter mit ihrem Sohn in ein Aufnahmelager. Keine Privatsphäre, das Zimmer wird geteilt. Wieder muss sie eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen. Um auf „Lagertauglichkeit“ geprüft zu werden.

Und dann muss sie erst mal buchstäblich stempeln gehen. Die deutsche Bürokratie, sie funktioniert auf beiden Seiten. Zwölf Stempel braucht sie auf ihren Unterlagen, um eine Bürgerin der Bundesrepublik zu werden. Und die Stempel bekommt man gar nicht so leicht. Immer wieder muss sie zu den Sicherheitsdiensten der Alliierten. Immer wieder werden ihr dort dieselben Fragen gestellt, warum sie überhaupt ausreisen wollte. Bis sie entnervt sagt: „Wegen solcher Fragen.“

„Westen“ handelt von einem Zwischenort. Das Aufnahmelager als Niemandsland. Und es geht um Enge, Angst und Vakuum. Von Anfang an schleicht sich ein vages Gefühl von Unbehagen, Unterstellungen und Verdächtigungen ein. Die anfängliche Freude auf dem Gesicht der Nelly Senff weicht bald dem einer permanenten Anstrengung. Und steigert sich bis in Paranoia. Der Film überträgt das Gefühl noch auf den Zuschauer. Immer wieder nimmt die Kamera das Geschehen auch mal von weiter weg auf. Als ob jemand sie beobachtet. Die DDR und das Unbehagen, sie wirken weiter nach.

Nach dem Roman „Lagerfeuer“

„Westen“ basiert auf dem Roman „Lagerfeuer“ der Bestseller-Autorin Julia Franck. Die Autorin war acht Jahre alt, als ihre Mutter mit ihr und ihren Schwestern ausgereist ist und für neun Monate ins Notaufnahmelager Marienfelde kam. In das Buch sind persönliche Erlebnisse eingeflossen, aber rein autobiografisch war es nicht. Vielmehr teilte sie ihre Erzählweise polyperspektivisch auf vier verschiedene Figuren auf. Wie um das Selbsterlebte wegzuschieben, wegzuschreiben.

Der Film von Christian Schwochow dagegen beschränkt sich ganz auf die eine Sicht der Mutter, Nelly Senff. Und die hat hier keine Töchter, sondern einen neunjährigen Sohn. Das verstärkt natürlich die Atmosphäre des Allein-, des Ausgestoßenseins, die der kleine Bub genauso spürt wie die Mutter. Aber diese Reduktion hat noch einen anderen Grund. Regisseur Schwochow, bekannt vor allem durch seine Fernsehverfilmung von Uwe Tellkamps „Turm“, hat bei „Westen“ – wie schon bei seinem Erstling, dem vielfach preisgekrönten „Novemberkind“, und dem Folgefilm „Die Unsichtbare“ – das Drehbuch wieder gemeinsam mit seiner Mutter Heide Schwochow geschrieben. Die Mutter-Sohn-Beziehung im Film ist auch deshalb so stark, weil beide sich genau einfühlen konnten, in beide Blickwinkel.

Der Film wie die Buchvorlage schlagen ein Nebenkapitel der deutsch-deutschen Geschichte auf, das, überraschend genug, zuvor noch nicht erzählt wurde. Der Titel des Films bleibt erst mal ein leeres Versprechen. Nelly Senff will das Alte ablegen. Doch die Vergangenheit kann sie nicht abstreifen, sie wird im Gegenteil gezwungen, sich ständig neu mit ihr auseinanderzusetzen. Am erschütterndsten wird das auch in der Nebenfigur des Hans Pischke (Alexander Scheer), der einst in Bautzen einsaß und jetzt das Aufnahmelager nicht mehr verlassen will. Ein Gefangener seiner selbst. Dem aber der Zuschauer wie die Protagonistin bis zum Ende nicht über den Weg traut: Es könnte dies ja auch nur die besonders perfide Legende eines Stasi-Spitzels sein.

„Westen“ ist ein höchst ungewöhnlicher Film-Beitrag im 25. Jahr des Mauerfalls. Aber ein umso staunenswerterer: dass es immer noch Geschichten gibt, die nicht erzählt, nicht reflektiert wurden. Die Verengung auf nur eine Perspektive ist dabei die große Stärke des Films. Von Anfang an wird „Westen“ getragen von der großartigen Jördis Triebel, die viel zu selten im deutschen Film zu sehen ist und viel zu sehr unterschätzt wird. Mit „Emmas Glück“ hat sie 2006 vehement auf sich aufmerksam gemacht, als Schweinehüterin, die mit einem Bolzenschussgerät einen Krebskranken erlöst hat. Doch der ganz große Durchbruch blieb der Berlinerin bislang versagt. In „Westen“ kann man nun ihre ganze Bandbreite studieren: Wie sie Kraft, Wut und Trotz ausstrahlt und eine Selbstgewissheit, die immer mehr Risse bekommt. Der ganze Film reduziert sich klug auf diese Schauspielerin, ordnet ihr alles unter, lässt sie seismografisch alle Impulse aufnehmen.

Es bleibt ein großes Rätsel, warum ein solch starker deutscher Film nicht auf der Berlinale zu sehen war, sondern seine Premiere eher beschaulich beim Festival in Hof erlebte. „Westen“ wirkt noch lange nach. Mit einem Ende, das so vorsichtig optimistisch ist, dass man von einem Happy End nicht sprechen mag. Eine klare Botschaft, dass das alles nicht schon Historie ist, dass noch lange nicht alle Narben verheilt sind.