Kinofilm

„Sputnik“ - Beamt mich zurück in die DDR

Das Kino hat uns schon oft den Mauerfall neu erzählt. Aber so wie in diesem Kinderfilm haben wir das Märchen noch nie gehört: Ein Mädchen bastelt sich eine Apparatur, die versehentlich die Wende auslöst.

Foto: © Copyright MFA+ FilmDistribution e.K.

Das Revolutionäre in „Herr Lehmann“ war die Perspektive. Man erfuhr, dass sich der Mauerfall nicht nur im deutschen Osten zugetragen hatte. Plötzlich ging die Sonne sogar über Kreuzberg auf. Wenn Filme sonst vom 1989er-Herbst erzählen, tragen ihre Helden Garderobe aus den Siebzigern, wohnen in abrissreifen Häusern und führen bedrückende Gespräche. In der DDR. Auch „Sputnik“ spielt Anfang November 1989 irgendwo in Brandenburg, das Dorf heißt Malkow, und die Menschen sind ernsthaft und ihre Behausungen baufällig.

„Sputnik“ ist ein Kinderfilm nach Art der Defa: Friederike heißt die zehnjährige Heldin, interessiert ist sie an Raumfahrt – ein patentes, abenteurerlustiges Kind. Ihr Onkel Mike hilft ihr beim Bau einer Rakete, mit der sie ins Weltall reisen will. Zu ihm hat Friederike mehr Vertrauen als zu allen anderen Erwachsenen.

Legendärer Gagarin-Ruf

Mike und sie grüßen einander mit „Poechali!“, dem legendären Ruf des ersten Manns im All, Juri Gagarin. Doch bevor die zwei ihr eigenes Raumschiff fertigstellen können, geht Mike in den Westen. Friederike leidet. Sie entwickelt eine Vorrichtung zum Beamen wie in ihrer Lieblingsserie aus dem Westfernsehen, um den Onkel wieder heim zu holen.

Markus Dietrich hat einen Historienfilm gedreht und ihn mit Liebe ausgestattet. Pädagogisches Kinderspielzeug, rostige Wartburgs und die Digedags. Es gibt Fahnenappelle in der Schule. Die Rockband Renft singt „Apfeltraum“. Devid Striesow, geboren auf Rügen, spielt den übereifrigen Dorfpolizisten. Yvonne Catterfeld aus Erfurt spielt die Mutter. Andreas Schmidt aus Finnentrop gilt seit „Sommer vorm Balkon“ als ideeller Ostler.

Daheim fühlen und leiden

„Sputnik“ zeigt das Leben, wie es war am Vorabend des Mauerfalls. Vor allem zeigt der Film geschichtlich ahnungslosen Kindern, dass die DDR kein Paradies war und kein Arbeitslager, sondern ein umzäuntes, tristes, stilles Land, das man nicht lieben musste, um sich dort daheim zu fühlen und daran zu leiden. Friederike brüllt: „Ich will nicht in den Westen!“ So ging es den meisten damals.

Andererseits ist „Sputnik“ auch eine Komödie. Erich heißt das preisgekrönte Zuchtkarnickel. Zwischen roten Wimpeln hängt ein Laken, darauf steht „Kein schöner Land“. Egon Krenz verspricht den menschlichen Sozialismus. Günter Schabowski stammelt im Fernsehen bei der Pressekonferenz vom 9. November und schafft damit seinen Staat ab.

Die Mauer fällt aus Versehen

Friederike beamt versehentlich die Einwohner von Malkow in den Westen, und die Grenze öffnet sich. Am nächsten Morgen scheint die Sonne über Brandenburg, die Menschen kehren glücklich heim, in ihre „Deutsche Demokratische Republik“, wie Friedrike feierlich erklärt. Auch Mike bringen sie mit.

Der Regisseur war 1989 ebenfalls zehn Jahre alt. Mit „Sputnik“ reiht sich Markus Dietrich ein unter die Zonenkinder, die sich ihre DDR aus Filmen, Büchern und DDR-Museen selbst zusammenbauen müssen, seltsam um Identität bemüht. Die Produktionsfirma heißt „Ostlicht“. Es ist nicht mehr möglich, von der DDR zu reden und von den diffusen Sehnsüchten zu schweigen. „Sputnik“ ist ein schöner Film. Er fügt den vielen originellen Theorien um den Mauerfall im Film wie in „Helden wie wir“ eine neue hinzu, die bisher märchenhafteste.

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