Sofia Coppola

The Bling Ring - Wie werde ich reich und schön

Wenn Emma Watson in den Kleiderschrank von Paris Hilton eindringt: In ihrem neuen Film „The Bling Ring“ entlarvt Sofia Coppola den grassierenden Promiwahn – und den Irrsinn der Promis.

Foto: TOBIS FILM

Einmal ein Star sein. Was tun die Leute nicht alles dafür, um auch nur ein einziges Mal Aufmerksamkeit zu erlangen? Sie lassen sich in Container sperren. Von Dieter Bohlen beleidigen. Beim Fettabsaugen begleiten. Oder sie suchen die Nähe von denen, die es schon geschafft haben. Zücken die Handykameras, wenn zufällig ein Promi den Weg kreuzt. Frieren vor roten Teppichen. Oder suchen selbst irgendwie auf diesen Teppich zu kommen. Der rote Teppich ist das neue Statussymbol. Wer da drauf steht, gehört dazu, wer dahinter steht, nicht.

Den Stars nahe sein: Einen in dieser Hinsicht besonders bizarren Fall beschreibt Sofia Coppola in ihrem jüngsten Film „The Bling Ring“, der diese Woche in unsere Kinos kommt. Teenager blättern in Mode- und Klatschgazetten, um alles über „ihre“ Stars zu erfahren. Und die Idole tun alles, via Twitter, Facebook und Reality-TV, um eine Nähe zu suggerieren, die es gar nicht gibt. Da braucht es nur noch einen kleinen, lächerlichen Schritt mehr. Eben noch erfährt man im Netz, wo die Stars sich gerade aufhalten. Guckt man eben mal kurz bei Google Maps, wo die eigentlich wohnen. Bricht bei ihnen ein. Legt sich in deren Bett. Und nimmt alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist. Schuhe, Kleider, Schmuck. Und Pillen.

Schöne neue virtuelle Welt

Die Kids sind keine Erfindung, leider. Sie wurden als „Bling Ring“ bekannt durch einen Artikel der „Vanity Fair“: „Die Verdächtigen trugen Louboutin“. Bling, das meint im Amerikanischen Klunker, und an denen hat sich eine Clique von 2008 bis 2009 reichlich bedient. Sie brachen bei Promis wie Paris Hilton, Orlando Bloom, Megan Fox und Lindsay Lohan ein. Und ließen Markenartikel im Wert von gut drei Millionen Dollar mitgehen. Nicht jeder Star hat das gleich gemerkt. Manch einer schwelgt so im Luxus, dass er schon nicht mehr weiß, was er eigentlich alles hat.

Sofia Coppola hat daraus nun einen Film gedreht. Das ist nicht ohne Ironie. Die Tochter des Kultregisseurs Francis Ford Coppola hat den Promi-Wahn ja eher von der anderen Seite kennengelernt, wird sie doch immer wieder auf ihren berühmten Papa angesprochen, was naturgemäß nicht weniger geworden ist, seit sie selbst Regisseurin ist. Ihre Filme handeln immer wieder von Glanz und Glamour und der Faszination daran, aber auch von der Einsamkeit, Langeweile und inneren Leere dahinter.

Ganz egal, ob es um eine Königin („Marie Antoinette“), Schauspieler („Lost in Translation“, „Somewhere“) oder, wie jetzt, um reine Pseudo-Promis und Teppichluder geht. Die Mitglieder des Bling Rings sind nur ein klitzekleines Bisschen verführungsanfälliger als der ganz normale Celebritiy-Bewunderer, weil sie selbst in der Stadt der Engel wohnen und ihre Ikonen in Clubs und Bars teils aus nächster Nähe erleben können.

Aber Sofia Coppola lässt keinen Zweifel daran, was die Kids eigentlich zu ihrer Grenzüberschreitung ermutigt: die Neuen Medien. Die ungenierte Art, in der mancher Promi, vor allem aber all die vielen Pseudo-Promis sich selbst inszenieren. Schöne, neue, virtuelle Welt, in der man ein Follower banalster Tätigkeiten wird. Die Kids nehmen diese Scheinpartizipation einfach für bare Münze. Und kennen keine Hemmschwelle. Wer sich permanent in der Öffentlichkeit zur Schau stellt, ja förmlich aufdrängt, hat vielleicht auch gar keine Privatsphäre, die es zu schützen gilt.

Marken- statt Klassenbewusstsein

Die Kids des Films haben keine große kriminelle Energie. Sie wollen kein Geld mit ihren Trophäen machen. Sie wollen nur die Sachen der Schönen und Reichen tragen. Und nehmen das Motto, den Schlachtruf so mancher Stilgazette, „Klau den Look“, einfach wörtlich. Es ist daher auch gar kein Widerspruch, sondern letzte Konsequenz, wenn sich die Kids mit den Sachen der Stars fotografieren und die Bilder selber ins Netz stellen. Die letzte Ironie ist auch nicht, dass sie deshalb irgendwann auffliegen. Sondern dass eines der Mädchen just in dem Gefängnis landet, in dem auch Lindsay Lohan einsitzt. Erst hier erfüllt sich die Nähe zum Star in Gänze.

Es gab mal einen deutschen Film, der hieß „Die fetten Jahre sind vorbei“, darin brachen ein paar nicht mehr jugendliche, aber doch noch sehr junge Täter in das Haus von Reichen ein, um ein bisschen Chaos anzurichten. Nicht um zu stehlen oder zu zerstören, sondern um die Besitzer zu verunsichern. Eine derart politische Motivation aber treibt die Kids bei Coppola nicht an. Hier ist kein Klassenbewusstsein zu finden, nur Stilbewusstsein. Der Kapitalismus, die Konsumgesellschaft wird nicht etwa infrage gestellt, sondern auf äußerst bizarre Weise okkupiert und ausgelebt. Es zählen nur noch der Spaß und die Markenfixierung. Und selbst Edellabel wie Gucci, Prada oder Louboutin können dankbar sein: ist der Film doch letztlich kostenlose De-luxe-Werbung.

Eine doppelte Lehrstunde

Coppola legt ihren Film fast wie ein Dokudrama an, immer wieder durchbrochen von echten Star-Bildern. Sie hat den Film klug mit lauter Nobodys besetzt, die man noch nicht kennen kann (nach dem Film aber wohl kennen wird). Mit einer Ausnahme: Emma Watson, die als eiskaltes Girl alle „Harry Potter“-Putzigkeit auf ewig vergessen macht und am bitteren Ende gar glaubt, durch ihre Taten ein echter Star geworden zu sein, ja als Leitfigur für andere taugen könnte.

Coppola aber gibt eine doppelte Lehrstunde. Sie zeigt nicht nur dieses sehr schräge Weltbild verwöhnter Teenager. Sie gibt auch Einblicke in die nicht minder bizarre Weltfremdheit der Celebrities. Die oft nicht mal ihre Türen abschließen. Oder sich wie Paris Hilton auch noch für den Film zur Verfügung stellen. Hilton, ohnehin Inbegriff des grassierenden Promi-Wahns, steckt nicht nur ihr spitzes Näschen kurz ins Bild. Sie hat für die Dreharbeiten auch die Pforten ihrer Villa geöffnet. Und es ist unglaublich, was da so herumliegt: Auf jedem Kissen prangt ein Konterfei der Lady, und an den Wänden hängen lauter Coverbilder von Magazinen mit ihr. Säuberlich eingerahmt, versteht sich.

Coppola durfte nicht nur ihre Villa quasi noch einmal plündern; Paris Hilton posierte bei der Filmpremiere auch mit Emma Watson, die im Film bei ihr einbricht, auf dem roten Teppich. Nur wirklich Gutmeinende könnten einwenden, dass Hilton die Ironie nicht erkannt habe. In Wirklichkeit versteht sie wohl auch diesen Film, wie alles, nur als Public Relation in eigener Sache. Das ist Realsatire, die dem Louboutin-Fall noch eins draufsetzt.