Kinofilm

„The Call – Leg nicht auf“ ist ein Hohelied auf den Notruf

Ein Thriller, explizit für die Generation Handy gemacht: „The Call – Leg nicht auf“ mit Halle Berry kommt in die Kinos. Für den finalen Thrill wird allerdings ein Grundsatz über Bord geworfen.

Foto: Universum

Handys, Smartphones, Düdeldüd: Der weltweit grassierende Telefonwahn ist allen Filmproduzenten ein Dorn im Auge. Nicht nur, weil immer mehr Zuschauer mitten im Film unverfroren telefonieren oder im Netz surfen. Sondern auch, weil die bösen Apparate das Grundübel aller Videopiraterie sind.

Kein Wunder, dass Hollywood deshalb immer wieder Filme produziert, in denen der Horror aus dem Telefon kommt, wie „Final Call“ mit Kim Basinger oder „Nicht auflegen“ mit Colin Farrell.

Auch Japan sprang mit dem Horrorfilm „The Call“ schützenhelfend bei. Das Credo dieser Filme lautet unisono: Ruf bloß nicht an. Du wirst es bereuen.

Jetzt aber macht ausgerechnet ein US-Film, der den gleichen Titel trägt wie der Nippon-Grusel, seinen Frieden mit dem Fernsprechgerät. Was im deutschen Untertitel noch unterstrichen wird. „The Call – Leg nicht auf“ kommt an diesem Donnerstag in die deutschen Kinos und ist ein Hohelied auf den Notruf.

Es sind bloß drei Ziffern, die da gewählt werden müssen, und doch stellen sie oft die letzte Hilfe, die letzte Hoffnung dar. Wir alle kennen die Nummernfolge (110 bei uns, 911 in den USA), wir alle haben sie in unseren Handys eingespeichert und wissen ungefähr, was im Notfall zu sagen ist.

Aber wie sieht es in einer Notrufzentrale aus? Was sind das für Leute, die die Anrufe entgegennehmen? Mit welchen Fällen haben sie zu tun? Und kann man die so wegstecken?

Denkmal für gesichtslose Operateure

In der ersten Viertelstunde führt uns Regisseur Brad Anderson vor, wie zahllose Menschen auf engstem Raum mit den Verzweifelten draußen kommunizieren, dabei die Ruhe bewahren und doch so manchen Schock verarbeiten müssen. Da wird all den anonymen Operateuren ein Gesicht gegeben. Dass das doch ein US-Film und nicht die Realität ist, sieht man eigentlich nur daran, dass eine der Telefonistinnen Halle Berry und damit viel zu attraktiv für diesen Job ist.

Sie heißt im Film Jordan Turner und wird auch gleich traumatisiert, als sie einen Mord an einem Mädchen nicht verhindern kann, ja der Täter sie noch am Hörer verhöhnt. Fortan leidet sie unter Schuldgefühlen. Lässt sich versetzen und führt nun andere in den Job ein. Bis, mitten in einem Lehrgang, eine Novizin mit einem ganz ähnlichen Fall konfrontiert wird und ähnlich überfordert ist. Da muss Jordan alle Barrieren überwinden und wieder an den Hörer.

Große Spannung mit kleinen Mitteln

Erneut wird ein Mädchen überfallen. Und in einen Kofferraum gesperrt. Aber es hat ein Handy und die 911 gewählt. Dass dieses Handy nicht geortet werden kann, gehört zu den unlogischen Notwendigkeiten dieses Films. Dass man dafür in der Notrufzentrale auch vom unbescholtensten Anrufer sofort Foto und Daten erhält, sowie man dessen Namen eingibt, ist auch ein Kuriosum. Aber bei dem derzeitigen Ausspähskandal des US-Geheimdienstes NSA scheint nichts mehr unmöglich.

Dennoch: Schon lange nicht mehr hat ein Film mit kleinsten Mitteln eine solche Spannung erzeugt. Ein Katz- und Mausspiel zwischen Tatort und Telefonzentrale, bei dem Jordan das Mädchen zu beruhigen versucht, Tipps gibt, was es unternehmen kann, um eine Spur nach außen zu legen. Aber der Entführer kommt hinter alle Tricks und ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, etwaige Zeugen auszuschalten.

Am Ende kippt das Konzept um

Man muss nicht gleich den allzu oft angeführten Vergleich mit Hitchcock bemühen. Aber selbst für Handy-Hasser ist dieser Telefon-Thriller Suspense pur. Wobei die Spannung immer noch eine Windung weiter geschraubt wird. Aber dann kommt, was kommen muss in einem Star-Vehikel. Zumal wenn eine Halle Berry mitspielt. Die kann nicht immer nur am Telefon sitzen; irgendwann muss ihr Dienst mal zu Ende sein. Da hört der reale Notrufdienst auf; das Kino aber fängt hier erst an. Denn die gebeutelte Protagonistin muss sich natürlich bewähren. Sie macht sich also selbst auf die Suche. Und stößt prompt auf eine Fährte, die keiner beachtet hat.

An dieser Stelle wird es ärgerlich. Weil die Dame vom Notruf genau das nicht tut, was uns doch die ganze Zeit eingebläut wurde: die drei Ziffern wählen. Bis dahin war „The Call“ einer der nervenaufreibendsten Thriller des Jahres. Aber für den finalen Thrill wird das ganze Konzept einfach über Bord geworfen. Schade. Da waren die früheren Handy-Filme doch konsequenter.