Eurovision Song Contest

Lenas Sieg ist Stefan Raabs Meisterstück

Stefan Raab positioniert sich als Universalgenie der Unterhaltungsbranche. Was der Moderator anfasst, gelingt. Mit Lena Meyer-Landruts erstem Platz beim Eurovision Song Contest legte er sein Meisterstück ab. Doch der Erfolg kann tückisch sein: Bei der ARD wächst schon die Eifersucht.

Der Mann, dem alles gelingt, hat auch noch ein Gespür für finanzielle Risikoaktionen. Nach Deutschlands Sieg beim Eurovision Song Contest erzählte Stefan Raab sehr stolz und über alle Maßen grinsend vom Bayerischen Fernsehpreis. Den hat der Entertainer letzte Woche überreicht bekommen für die Show „Unser Star für Oslo“, bei der Lena Meyer-Landrut entdeckt wurde. Zum ersten Mal habe er einen Preis gewonnen, der mit Geld dotiert war, berichtete Raab, mit 10000 Euro.

Am Samstagmorgen, am Tag des Gesangswettbewerbes, platzierte er die 10000 Euro bei einem Buchmacher auf Lenas Sieg. „Ich dachte, komm, scheiß drauf, wird gesetzt.“ Raab hob im Pressezelt den Kopf und fügte grinsend hinzu: „Danke noch mal an die Bayerische Landesbank.“ Das nun auf schöne Weise vermehrte Geld soll für eine richtige Party mit allen Mitarbeitern ausgegeben werden. „Wir haben ein großes Team mit 150 Leuten, da kann bei 10000 Euro jeder nur ein halbes Glas trinken. Ich dachte: wenn schon, dann richtig.“

Wagemut und voller Einsatz, das ist Raabs Rezept, und es hat ihn als Musik- wie als Fernsehproduzenten, als Komödianten und als Unterhaltungskünstler in höchste Höhen geführt. Diese Spannbreite an Talenten ist einzigartig. Und jetzt auch noch der Sieg von Oslo.

Drei Mal war Stefan Raab zuvor beim Gesangswettbewerb engagiert, er erfüllte sich einen Kindheitstraum, als er 1998 mit Guildo Horn sein Lied „Guildo hat euch lieb“ präsentierte. Damals stand Raab breit grinsend mit dem Dirigierstab vor dem Orchester und wirkte wie ein Junge, der das Schaltpult einer gewaltige Spielzeugeisenbahn in Händen hat. Horn wurde Siebter. Zwei Jahre später sang Raab selbst die ulkige Funk-Nummer „Wadde hadde dudde da?“, Platz fünf.

2004 suchte er in einem Wettbewerb einen Musiker, fand Max Mutzke, der mit der raabschen Soul-Komposition „Can't Wait Until Tonight“ auf Rang acht landete. Damals ärgerte der Spiritus Rector sich über das Ergebnis. Mittelfeldplätze sind nicht Raabs bevorzugte Gegend. „Ich will immer gewinnen“, sagte er kürzlich ebenso schlicht wie ehrlich.

In jeder Folge von „Schlag den Raab“ lässt sich dieser immense Ehrgeiz beobachten. Um zu verlieren, muss er schon mit dem Rad stürzen wie vor einigen Wochen. Der Protagonist schafft es in dieser Samstagabendsendung, das junge Zielpublikum über fünf Stunden lang zu halten. Auf dieser Strecke ist auch Thomas Gottschalk auf der Verliererposition. Prompt ist das Format als Novum in die ganze Welt exportiert worden.

Der Spott über den Sohn des Schlachtermeisters aus Köln, der eine Metzgerlehre absolvierte (als Bezirksbester) und ein Jurastudium nach fünf Semestern abbrach, hat sich längst totgelaufen. Raab ist der gültige Unterhaltungskönig, ernsthaft bewundert und hofiert. Man muss daran erinnern, dass die große ARD beinahe kniete vor Raab, um ihn zur „nationalen Aufgabe“ zu überreden, das Ansehen des Song Contests zu retten.

Der NDR hatte 2009 einen weiteren Tiefpunkt produziert, nun schallte der Ruf „Ich wollte, es wäre Nacht oder Raab käme“ durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Prompt startete Raab die Gesangsmission im Berliner Reichstag. Die seltsame Allianz und große Koalition hat sich ausgezahlt, für alle Beteiligten. Gestern sendeten ARD und ProSieben gemeinsam live aus Hannover. Noch ist unklar, wer den größeren Schritt getan hat und wer am Ende mehr profitiert.

Er habe sich wie Franz Beckenbauer gefühlt, 1990 auf dem Rasen in Rom, erzählte Raab nach Lenas Siegeszug. Damals war der Trainer minutenlang allein herumspaziert, den großen Moment auskostend. Stefan Raabs Position ist dem Kaiser sehr ähnlich. Auf seinem Feld ist er unantastbar. Was er derzeit anfasst, glückt ihm.

Kein Fernsehmann hat in den letzten Jahren derart viele neue Formate eingeführt, Raab leitet die Late-Night-Show „TV total“, er tritt bei „Schlag den Raab“ an, er hat bizarre Turniere initiiert wie Wok-WM, Stock Car Challenge, Autofußball. Raab ist sich für keinen sportlichen Unsinn zu schade, er boxt gegen Frauen, fährt Ski und Schlittschuh, springt vom Turm.

Vor seiner Sendung „TV total aus Oslo“ bekam das Studiopublikum einen Film gezeigt, bei dem Raab mit dem Kunstflugweltmeister irre Pirouetten dreht. Mehr als nur Gesichtzüge entgleiten ihm. Der Clip wurde mit Absicht gezeigt: Die Kameramänner wollten schon mal Lacher aufnehmen. Die Leute lachten über Raab. Den später applaudierenden Fans rief er zu, sie sollten sich nicht daran stören, wenn er Beifallbeschwichtigungsgesten zeige, und bitte weitermachen. Das ist nicht nur der Fernsehprofi, der spricht. Raab genießt den Applaus. Immer. Auch deshalb sucht der 43-Jährige immer neue Felder und Hürden.

Entdeckt fürs Fernsehen wurde er 1993 durch Zufall. Eigentlich wollte der damals 27 Jahre alte Musikproduzent Werbejingles anbieten. Die Musik hat ihn nie losgelassen, ob er mit Ukulele die Sendung „Vivavision“ moderierte oder lustige Hits mit Sprüchen wie „Maschendrahtzaun“ und „Hol mir ma' ne Flasche Bier“ von Kanzler Schröder fertigte.

Ist er nun, mit Lenas Sieg, an der Spitze? Geht es noch weiter? Beckenbauer 1990 in Rom, das war ja ein Abschied in Größe, der letzte Augenblick auf dem Gipfel. Die Zusammenarbeit zwischen ARD und ProSieben soll fortgesetzt werden, Raab hat in der Euphorie schon erklärt, er wolle im eigenen Land den Titel verteidigen und niemand könne das besser als Lena.

öffentlich-rechtliches Anspruchsdenken

ARD-Unterhaltungschef Thomas Reiter stand daneben und beschwichtigte mit versteinertem Gesicht, man müsse noch nachdenken und sehen. Die Kooperation mit Raab war wohl hinter den Kulissen nicht so gut wie behauptet, Raabs Produktionsfirma Brainpool wachte sehr über Aufgaben, die sonst der NDR zu übernehmen gewohnt war. Nun, da der Song Contest in Deutschland auszurichten ist, wachsen Eifersucht und öffentlich-rechtliches Anspruchsdenken.

Und Raab selbst tut sich keinen unbedingten Gefallen, gleich wieder für Nation und Vaterland ins Gefecht zu reiten. Mit „Unser Star für Oslo“ hat sich der Moderator schon ins bürgerliche Lager bewegt und gleichsam nebenbei der waidwunden bürgerlichen Mittelschicht eine Art Wundermedizin in Gestalt eines Mädchens aus Hannover beschert. Derartige gesellschaftliche Gesundbeterei ist neu für ihn. Immerhin: Bei „Schlag den Raab“ siegt er meist deshalb, weil er gegen die sportlichen Herausforderer mit profunder Bildung punkten kann. Die Schulzeit auf dem katholischen Aloisiuskolleg in Bonn zahlt sich aus.

Ernsthaftigkeit statt Rebellentum

Raabs Rebellentum, das Image des bösen Buben, streift er zunehmend ab. Der ernsthafte, nachdenkliche Raab tritt in den Vordergrund. Mit „Unterschichtenfernsehen“, wie RTL und Dieter Bohlens Casting-Manieren in „Deutschland sucht den Superstar“ es verkörpern, mag Raab nichts zu tun haben. Er beschädigt seine Schützlinge nicht, hält ihnen die Treue.

Dies korrespondiert mit seiner Idee, zwischen der öffentlichen und der privaten Person einen absoluten Trennstrich zu ziehen. Nichts ist über Raabs Privatleben bekannt. Er ist liiert, hat zwei Töchter, mehr soll man nicht wissen, und es ist in der zuweilen bizarr öffentlichkeitssüchtigen Promi-Szene eine sehr respektable Haltung, die Raab vorlebt. Im Kern ist das eine bürgerliche Tugend, und er hat diese Standhaftigkeit an Lena Meyer-Landrut weitergegeben, die ebenfalls nicht über ihr Privatleben spricht.

Lange war der Moderator für Skandale gut, er teilte gegen Prominente und auch gegen Unschuldige aus; an einige musste er Schmerzensgeld und Entschuldigungsbriefe schicken. Das ist im Grunde vorbei. Auch über seine Musikerambition sagte er in Oslo: „Ich habe meine Quatschbarden-Karriere vor ein paar Jahren abgeschlossen. Ich bin hier ein bisschen als Trainer und als Mentor angetreten, die Rolle gefällt mir ganz gut.“ Lena singe außerdem deutlich besser als er.

In dieser Ruhe und Arriviertheit liegt eine gewisse Gefahr. Als Kulenkampff-Epigone ist Raab zu jung. Doch im Moment ist Stefan Raab die absolute Gegenwart der deutschen Fernsehunterhaltung und bis auf Weiteres auch die Zukunft. Man sollte keine 10000 Euro auf seine Konkurrenz setzen.

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