Filmfestival in Berlin

Berlinale 2023: Das sind die Schwerpunkte des Filmfestivals

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Wird auf der Berlinale uraufgeführt: Sean Penns Dokumentarfilm „Superpower“ über Wolodymyr Selenskyj.  

Wird auf der Berlinale uraufgeführt: Sean Penns Dokumentarfilm „Superpower“ über Wolodymyr Selenskyj.  

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Das Programm der Berlinale wartet mit einem echten Coup auf. Unter den 18 Filmen im Bären-Rennen feiern 15 ihre Weltpremiere.

Berlin. Wolodymyr Selenskyj wird Berlinale-Star. Auf den 73. Berliner Filmfestspielen (16.-26. Februar) wird er zumindest zugeschaltet werden. Denn Sean Penn stellt hier als Berlinale Special seinen Dokumentarfilm „Superpower“ vor, den er gemeinsam mit Aaron Kaufman über Selenskyj gedreht hat. Ein echter Coup, um den sich wohl auch andere Festivals gerissen haben. Doch dies ist nur einer von vielen Akzenten, mit denen das Filmfestival – zum traurigen Jahrestag von Putins Angriffskrieg auf die Ukraine – ein Zeichen der Solidarität setzen will.

Insgesamt acht Filme aus oder über die Ukraine werden in den verschiedenen Sektionen gezeigt, darunter „Eastern Front“ über eine Erste-Hilfe-Truppe an der Front im Nebenwettbewerb Encounters, „We Don’t Fade Away“ im Panorama oder „In Ukraine“ im Forum. Außerdem wird es zusätzliche Veranstaltungen, teils mit Kooperationspartnern, geben. „An die Ukraine“, so Mariette Rissenbeek, die Geschäftsführerin der Berlinale, „werden wir täglich denken.“

Solidarität mit der Ukraine und den Protesten im Iran

Selbst der traditionelle Festival-Anstecker in Form des Berlinale-Bären ist diesmal in den ukrainischen Nationalfarben gehalten, was zu einer breiten Sichtbarkeit führen soll. Auch den mutigen Protesten im Iran erweist das Festival Referenz mit zahlreichen Filmen, Veranstaltungen und Aktivitäten. Das gab das Festival am Montag bei seiner rituellen Pressekonferenz statt, die erstmals im Haus der Berliner Festspiele stattfand.

Dabei wurden auch die Filme vorgestellt, die dieses Jahr im Wettbewerb laufen. Es sind in diesmal nur 18 Beiträge. Aber, wie Carlo Chatrain, der Programmleiter des Festivals, meint: „Die Realität ist zurück“. Das zeige sich in allen Beiträgen.

Und Chatrian will dabei auch alle Genres und Formate des Films abdecken: Mit „Sur l’Adamant“ ist auch mal wieder ein Dokumentarfilm im Bären-Rennen, und mit „Suzume“ aus Japan seit sehr langer Zeit wieder ein Animationsfilm. Unter den 18 Filmen feiern 15 ihre Weltpremiere, sechs davon, also ein stolzes Drittel, wurden von Frauen gedreht. Das schaffen andere A-Festivals nicht.

Das deutsche Kino dominiert mit gleich fünf Filmen den Wettbewerb

Große internationale Stars sucht man im Bären-Rennen aber vergebens. Nur die britisch-amerikanische Koproduktion „Manodrome“ verspricht mit Jesse Eisenberg und Adrien Brody ein bisschen Hollywood-Glamour. Dafür finden sich gleich fünf deutsche Filme im Wettbewerb: Christoph Hochhäuslers „Bis ans Ende der Nacht“, Margarethe von Trottas „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ mit Vicky Krieps, Emily Atefs „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“, Angela Schanelecs „Music“ und Christian Petzolds „Roter Himmel“ mit Paula Beer.

Man darf sich freuen über eine derart starke deutsche Präsenz. Fünf von 18: Das ist mehr als ein Fünftel. Da drängt sich indes auch die Frage auf: Konnte die Berline sonst keine starken Filme gewinnen? Und viele der Deutschen sind Wiedergänger: Paula Beer gewann für Petzolds „Undine“ erst 2020 einen Silbernen Bären, Schanelec 2019 den Regie-Bären, und Emily Atef für „3 Tage in Quibéron“ 2015 den Eurimages-Koproduktionspreis. Nur Margarethe von Trotta gibt ein echtes Comeback: Sie war zuletzt 1983, also vor genau 40 Jahren mit „Heller Wahn“ im Wettbewerb.

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Weitere Höhepunkte im Wettbewerb sind Philippe Garrels Familiendrama „Le grand Chariot“ mit seine Schauspielerkindern Esther, Lena und Louis Garrel sowie „Disco Boy“ mit Franz Rogowski, den es darin in die französischen Fremdenlegion verschlägt. Insgesamt werden auf der Berlinale 283 Filme aus 67 Ländern gezeigt. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es 256.

Und es wird auch diesmal Glamour geben. Zumindest in anderen Sektionen, deren Beiträge schon früher bekannt gegeben wurden. Als Berlinale Special Galas laufen etwa die Filmbiographie „Golda“ mit Helen Mirren als Golda Meir, Robert Schwenktes Historiendrama „Seneca“ mit John Malkovich und Geraldine Chaplin sowie Todd Fields „Tár“ mit Cate Blanchett und Nina Hoss. Und das Festival wird diesmal nicht mit einem Wettbewerbsfilm eröffnet, sondern mit dem Special-Gala-Film „She Came to Me“ mit „Game of Thrones“-Star Peter Dinklage und Anne Hathaway.

Filme über Joan Baez - und Boris Becker

Im Panorama ist etwa Willem Dafoe mit „Inside“ vertreten, und Franz Rogowski ist hier neben Ben Whishaw in „Passages“ gleich noch einmal zu erleben. Mit „Das Lehrerzimmer“ von Ilker Catak und „Sisi & ich“ von Frauke Finsterwalder ist auch hier der deutsche Film prominent vertreten.

Und dann gibt es noch zwei Dokumentationen über große Stars: „Joan Baez I Am A Noise“ über die legendäre Soulsängerin und Bürgerrechtlerin – und eine „Untitled Boris Becker Documentary“ über den gerade wieder auf freien Fuß gekommenen Tennisstar, die wohl gerade mit heißer Nadel gestrickt wird. Gut möglich, dass auch der Boris und die Baez über den roten Teppich wandeln werden.

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Und dann sind da natürlich noch die Hochkaräter Kristen Stewart, die als Jury-Präsidentin gewonnen werden konnte, und Steven Spielberg, der erfolgreichste Regisseur der Filmgeschichte, der den Goldenen Ehrenbär erhält. Die Freude auf ihn dämpften die Berlinale-Chefs allerdings gleich ein bisschen: Sein Zeitplan sei sehr eng getaktet, über mehrere Tage wird man ihn wohl nicht erleben.

Dennoch hat die Berlinale allen Grund zur Freude. Weil sie endlich wieder in Präsenz stattfinden kann – nachdem das Festival 2021 nur digital stattfand und die Ausgabe im Vorjahr nur unter starken Sicherheitsvorkehrungen in halbleeren Sälen. Auch Partys und Empfänge fielen aus.

Mariette Rissenbeek: „Wir sind jetzt wieder voll dabei“

Diesmal wird wohl alles wieder wie in prä-pandemischen Zeiten. Das Festival kann endlich wieder in vollen Kapazitäten ablaufen. „Wir sind jetzt wieder voll dabei“, verkündet Mariette Rissenbeek stolz. Und meint dabei nicht nur die Branche und Fachpresse, sondern vor allem auch das Publikum.

Auch das Kino muss ja nach zwei Jahren Pandemie neu starten. Ein Teil des Publikums sei schon zurückgekommen. Ein anderer Teil müsse erst wieder motiviert werden. Auch daran möchte das Festival aktiv mitarbeiten. Viele Filme starten schon kurz nach der Berlinale im Kino. Und die Berlinale soll auch als Plattform genutzt werden, um mit Kinobesitzern und Verleihfirmen zu überlegen, wie man mehr fürs Kino werben kann.

Berlinale: Diese Filme feiern Weltpremieren und Internationalen Premieren

Diese Filme feiern im Wettbewerb ihre Weltpremieren (WP) und Internationalen Premieren (IP):

  • „20.000 Species of Bees“ (WP, Spanien) von Estibaliz Urresola Solaguren mit Sofía Otero und Patricia López Arnaiz
  • „Der schattenlose Turm“ (WP, China) von Zhang Lu mit Xin Baiqing, Huang Yao
  • „Bis ans Ende der Nacht“ (WP, D) von Christoph Hochhäusler, mit Timocin Ziegler, Thea Ehre
  • „BlackBerry“ (WP, Kanada) von Matt Johnson mit Jay Baruchel und Matt Johnson
  • „Disco Boy“ (WP, F/I/PL/BL) von Giacomo Abbruzzese mit Franz Rogowski und Morr Ndiaye
  • „Le grand chariot“ (WP, F/CH) von Philippe Garrel mit Louis Garrel und Esther Garrel
  • „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste (WP, D/CH/Ö/LUX) von Margarethe von Trotta mit Vicky Krieps und Ronald Zehrfeld
  • „Irgendwann werden wir uns alles erzählen (WP, D) von Emily Atef, mit Marlene Burow und Felix Kramer
  • „Limbo“ (WP, Australien) von Ivan Sen, mit Simon Baker und Rob Collins
  • „Mal Viver“ (WP, Portugal/Frankreich) von João Canijo, mit Anabela Moreira und Rita Blanco
  • „Manodrome“ (WP, GB/USA) von John Trengove, mit Jesse Eisenberg, Adrien Brody und Odessa Young
  • „Music“ (WP, D/F/Serbien) von Angela Schanelec, mit Aliocha Schneider und Agathe Bonitzer
  • „Past Lives“(IP, USA) von Celine Song, mit Greta Lee und Teo Yoo
  • „Roter Himmel“ (WP, D) von Christian Petzold, mit Thomas Schubert, Paula Beer und Langston Uibel
  • „On the Adamant“ (WP, F, Japan) von Nicolas Philibert
  • „The Survival of Kindness“ (IP, Australien) von Rolf de Heer mit Mwajemi Hussein und Deepthi Sharma
  • „Suzume“ (IP, Japan) von Makoto Shinkai
  • „Tótem“ (WP, Mexiko/Dänemark/Frankreich) von Lila Avilés, mit Naíma Sentíes und Monserrat Marañon