Berlinale

Berlinale: Star-Aufgebot trotz Omikron?

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Die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und der Programmleiter Carlo Chatrian gaben das Programm der Berlinale bekannt.

Die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und der Programmleiter Carlo Chatrian gaben das Programm der Berlinale bekannt.

Foto: Markus Schreiber / dpa

Corona zum Trotz: Am Mittwoch gaben die Berliner Filmfestspiele ihr Programm bekannt. Mit vielen Stars und früheren Bären-Gewinnern.

Es ist ein Programm, das sich durchaus sehen lassen kann. Neue Filme von Andreas Dresen, Denis Coté, Hang Sangsoo, Ulrich Seidl, Claire Denis, Dario Agento und Nicolette Krebitz. Mit Stars wie Juliette Binoche, Sigourney Weaver, Emma Thompson, Nicolaj Walder-Costau, Sophie Rois, Isabelle Adjani, Nick Cave, Charlotte Gainbsbourg, Mark Rylance, Emmanuelle Béart, Udo Kier, Valeria Bruni Tedeschi, Alexander Scheer. Mit viel Glück könnten sie auch alle nach Berlin kommen, wenn am 10. Februar die 72. Berlinale beginnt.

Am Mittwochfrüh haben Mariette Rissenbeek, die Geschäftsführerin des Festivals, und Carlo Chatrian, der künstlerische Leiter, das Programm für die diesjährige Ausgabe vorgestellt. Nicht in der traditionellen Pressekonferenz vor Hunderten vor Journalisten, aber auch nicht nur, wie im vergangenen Jahr, als Videofilm. Sondern als Livestream. Ganz allein und auch ein bisschen verloren standen sie im Haus der Kulturen der Welt und wirkten auch ein wenig angeschlagen. Aber das ist nur zu verständlich, sind sie doch seit zwei Jahren im Dauerkrisenmodus und müssen immerzu auf die sich stets ändernde Pandemielage reagieren.

Der Krise zum Trotz: So viele Liebesfilme wie noch nie

Schon vor Kurzem war bekannt gegeben worden, dass das Festival von zehn auf sechs Tage verkürzt wird und es stattdessen nicht wie üblich einen, sondern gleich vier Publikumstage geben wird. Das ließ befürchten, dass die Berlinale einfach nicht genug Filmemacher gefunden hat, die ihre Filme in Berlin mitten in Omikron-Hochzeiten auch zeigen wollten. Doch das Gegenteil sei der Fall, versicherte Rissenbeek. Es werde zwar ein Viertel weniger Filme gezeigt als 2020, nur 256 statt 340. Aber es gab 15 Prozent mehr Einreichungen als im Vorjahr: ein klares Zeichen, dass das Interesse am Festival sehr groß sei und die Filmemacher auch in Corona-Zeiten auf Berlin setzen.

Die Filme der 72. Berlinale seien eine gute Beschreibung der Welt in ihrem derzeitigen Wandel, wie Carlo Chatrian angab, aber auch darüber, wie die Welt zuvor war und wie sie sein könnte. Im Wettbewerb laufen in diesem Jahr 18 Beiträge, zwölf der Filmemacher waren schon ein oder gar mehrere Male auf dem Festival zu Gast, acht davon im Wettbewerb, fünf haben auch schon einen Bären gewonnen. Und im Wettbewerb gibt es mit sieben Produktionen auch erfreulich viele Beiträge von Frauen. Den jetzigen schweren Zeiten zum Trotz gibt es in diesem Jahr so viele Lovestorys wie noch nie, meinte Chatrian. Andere aber beschäftigen sich mit virulenten Problemen unserer Zeit, und zwei auch explizit mit Corona.

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Dass 2022 keine Sparvariante wird, hat die Berlinale vor allem alten Bekannten zu verdanken. Der Südkoreaner Hong Sangsoo ist bereits zum sechsten Mal im Wettbewerb und gewann sowohl 2020 als auch 2021 einen Bären. Der Kanadier Denis Coté ist schon das vierte Mal im Bärenrennen, die Französin Claire Denis ist ebenfalls dauerpräsent, aber zum ersten Mal im Wettbewerb. Und der italienische Altmeister Paolo Taviani, der mit seinem Bruder Vittorio Taviani vor genau zehn Jahren den Goldenen Bären gewann, stellt nun mit „Leonora addio“ seinen ersten Film vor, der ohne seinen 2018 verstorbenen Bruder entstand.

Welche Stars kommen? Die Unsicherheit bleibt

Auch für Andreas Dresen ist es das vierte Mal im Wettbewerb. Hier zeigt er das Politdrama „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ mit Meltem Kaptan und Alexander Scheer über die Geschichte der Mutter des Deutschen Murat Kurnaz, der von 2002 bis 2006 ohne Anklage im Gefangenenlager Guantánamo festgehalten wurde. Als zweiter Beitrag aus Deutschland läuft außerdem „A E I O U - Das schnelle Alphabet der Liebe“ von der Regisseurin und Schauspielerin Nicolette Krebitz, mit Sophie Rois und Udo Kier.

Als Berlinale Special laufen neben den bereits vermeldeten Produktionen „Apropos de Joan“ mit Isabelle Huppert und Lars Eidinger sowie „Der Passfälscher“ mit Louis Hoffmann auch der britische Film „Good Luck to You, Leo Grande“ mit Emma Thompson und die US-Produktion „The Outfit“ mit Mark Rylance und Zoey Deutsch.

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Nächste Woche soll noch bekannt gegeben werden, wer neben Jurypräsident M. Night Shyamalan in der Jury sitzen und über die Bären entscheiden soll. Bereits länger ist bekannt, dass Isabelle Huppert der Ehrenbär verliehen wird. Und seit ein paar Tagen weiß man auch schon, dass Francois Ozon das Festival eröffnen wird mit „Peter von Kant“, nach Rainer Werner Fassbinders Klassiker „Die Tränen der Petra von Kant“, der vor genau 50 Jahren im Wettbewerb der Berlinale lief.

Präsenz ja und nein: Die Filme und das Publikum stehen im Fokus

Welche der vielen Stars wirklich nach Berlin kommen werden, soll erst in einer Woche bekannt gegeben werden, wenn auch das Programmheft der Berlinale erscheinen soll. Der Promi-Faktor ist immer mit gewissen Unsicherheiten verbunden, die zu Corona-Zeiten noch ansteigen. Die Filmemacher sollen aber bekundet haben, dass sie gern mit ihrem Cast kommen wollen. Ob die dann auch anreisen dürfen und welche Quarantäne-Auflagen es bis dahin geben wird, kann man natürlich noch nicht sagen.

Die Festivalleitung hält aber daran fest, dass die Berlinale als Präsenzveranstaltung stattfindet – auch wenn andere Filmfestivals wie der Max Ophüls Preis in Saarbrücken ab Sonntag oder das Sundance-Filmfest ab dem heutigen Donnerstag nur digital stattfinden. Und viele andere Großveranstaltungen in Berlin bereits abgesagt oder verschoben wurden.

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Nachdem die 70. Berlinale 2020 wie durch ein Wunder noch regulär zu Ende ging - nur kurz darauf kam es dann zum ersten Lockdown -, war das Festival im Vorjahr noch gesplittet worden in einen digitalen Branchentreff im März und ein Publikums-Event im Juni. Eine solche Teilung wurde für 2022 von Anfang an ausgeschlossen. Gesplittet wird aber dennoch: Der so wichtige Europäische Filmmarkt, an den die Berlinale geknüpft ist, findet nur hybrid statt, auch andere Veranstaltungen vom World Cinema Fund oder den Berlinale Talents wird ins Netz verlegt.

Böses Omen: Just zur Programmansage ein trauriger Inzidenz-Rekord

Im Fokus der Berlinale stehen die Filme, das Publikum - und die Vorführungen. In Abstimmung mit dem Berliner Senat und den zuständigen Behörden wurde deshalb ein neues Sicherheitskonzept erarbeitet. Die Schlagworte lauten: mehr Abstand, Reduzierung der Mobilität, Verkürzung des Programms, Entzerrung und Dezentralisierung. Damit biete das Format der Berlinale einerseits größte Sicherheitsvorkehrungen, behalte andererseits aber den Kern eines Filmfestivals bei – die Filme und Vorführungen, wie Mariette Rissenbeek betont. Das sei gerade in Zeiten der Pandemie ein wichtiges Zeichen für die Kultur. Dabei stehe aber „die Gesundheit unserer Gäste, unseres Publikums und unseres Teams für uns an erster Stelle“.

Doch just an dem Tag, an dem das Programm bekannt gegeben wurde, überstieg der Inzidenzwert in Berlin erstmals die magische 1000er-Grenze. Ein eher böses Omen für das Festival. Gibt es einen Plan B? „Wir sind mitten in Plan B“, sagt Rissenbeek auf Nachfrage. „Wenn wir nicht stattfinden können, können wir nicht stattfinden.“