Berlinale

Großer Preis der Jury: Wenn Frauen unter ihrer Libido leiden

| Lesedauer: 4 Minuten
Die Studentin Nao (Katsuki Mori) versucht, ihren ehemaligen Französischprofessor Segawa (Kiyohiko Shibukawa) zu verführen.

Die Studentin Nao (Katsuki Mori) versucht, ihren ehemaligen Französischprofessor Segawa (Kiyohiko Shibukawa) zu verführen.

Foto: Neopa/Fictive

Im japanischen Episodenfilm „Guzen to sozo“ erleben diverse Frauen die Liebe auf unterschiedliche Weise: als Magie, Zufall oder Falle.

Die Frauen und die Liebe. Ein unendliches Thema. Für das Kino sowieso. Für den japanischen Regisseur Ryosuke Hamaguchi ist das komplexe Innenleben der Frauen auf jeden Fall filmreif. So ließ er 2015 in „Happy Hour“ vier Frauen gleich fünf Stunden lang über die Liebe reden.

Was langweilig klingt, wurde sein internationaler Durchbruch. Diese Art japanische Version von „Sex and the City“ wurde beim Filmfest von Locarno gefeiert. Auch der Nachfolger „Asako I & II“ erregte Aufmerksamkeit, als er 2018 beim Filmfestival von Cannes lief.

Darin verliebt sich eine Frau in gleich zwei Männer. Sie sehen sich extrem ähnlich, sind aber völlig unterschiedlich. Es geht um Spiegelungen und Identität, falsches (Selbst-)Bild und wahre Gefühle, den Reiz der Fantasie und die Brutalität der Wahrheit.

Wenn die beste Freundin den eigenen Ex-Liebhaber datet

Darum drehen sich auch die drei Episoden von Hamaguchis Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Guzen to sozo“. In der letzten und schönsten Episode mit dem Titel „Once Again“ treffen sich zwei angeblich alte Klassenkameradinnen durch ein Missverständnis wieder.

Aya (Fusako Urabe) und Natsuko (Aoba Kawai) stellen fest, dass sie einer Verwechslung aufgelegen sind. Was sie aber nicht daran hindert, in kleinen Rollenspielen in die Figur der ursprünglich vermuteten Figur zu schlüpfen und so ihre wahren (unterdrückten) Gefühle zu offenbaren und – vor allem mit sich selbst im Reinen zu sein.

„Magic“ versucht, den Zauber einer Dreiecksgeschichte zu ergründen, wobei ausgerechnet die verlassene Meiko (Kotone Furukawa) die meiste Magie spürt, als ihre beste Freundin Tsugumi (Hyunri) von der Begegnung mit dem verführerischen Kazuaki (Ayumu Nakajima) schwärmt – Meikos Ex. Auch sie stellt sich ihren wahren Gefühlen und löst damit eine Katastrophe aus - oder auch nicht.

Fatale Verführung eines Französischprofessors

Denn Hamaguchi geht sein Thema spielerisch an. Er folgt den Emotionen seiner Figuren – und deren unerwarteten Folgen. So endet die dritte Episode „Door Wide Open“, in der die attraktive Nao (Katsuki Mori) ihren ehemaligen Französisch-Professor Segawa (Kiyohiko Shibukawa) verführen will, für beide tragisch.

Die verheiratete Nao, Mutter einer kleinen Tochter, leidet unter der Last ihrer Libido. Sie nimmt den Auftrag ihres jungen Liebhabers an, der sich über sie für seine einstige Demütigung durch den Professor rächen will, und legt dem Lehrer eine verführerische Falle. Doch am Ende landet sie darin selbst.

Ein Hauch von Cassavetes und Rohmer

„Wheel of Fortune and Fantasy“ ist der englische Titel des Films, und damit ist die Thematik dieses vielschichtigen Frauenfilms gut umrissen. Es geht bei der Liebe immer um Zufall und Glück, Fantasie und Vorstellungen (von sich und dem anderen) und bei der Liebe von Frauen offenbar besonders.

Hamaguchi erweist sich dabei als Frauenversteher, aber mehr noch als Schauspielerliebhaber. Wie sein großes Vorbild John Cassavetes lässt er seine Darsteller in natürlichem Licht und realer Umgebung agieren, ihm geht es vor allem um die Versprachlichung von Emotionen in ihrer ganzen Komplexität und Vielfalt.

Nicht umsonst fühlt man sich ein bisschen an das Kino Eric Rohmers erinnert, das Hamaguchi übrigens auch mag. Nur ist er weniger anstrengend, eher verspielt und fantasievoll in seinen kammerspielartigen Dialogen, die unterlegt mit der romantischen Klaviermusik von Robert Schumann und sinnfälligen Außenaufnahmen von Baustellen, Tunneln und Rolltreppen eine intelligente, amüsante Tour d’Horizon durch die vielfältige Liebeswelt der Frau bieten.

Hochverdient gab es dafür den Großen Preis der Jury in Form des Silbernen Bären.