Berlinale

Berlinale-Wettbewerb: Mutter Teresa mit Martinshorn

| Lesedauer: 5 Minuten
Eberhard von Elterlein
Spielt eine Leiche: Raúl Briones als Polizist Montoya.

Spielt eine Leiche: Raúl Briones als Polizist Montoya.

Foto: Berlinale2021

„Una película de polícias“ aus Mexiko ist eine Wundertüte. Er führt von Anfang an auf eine falsche Fährte. Das macht ihn nicht besser.

Dieser Film verdient den Preis für den besten Absturz. So stark begonnen – und dann so stark nachgelassen. Das muss erst mal einer nachmachen. Aber der Reihe nach.

„Una película de polícias“ nimmt einen vom ersten Moment an ein: Eine hohe weibliche Stimme erhebt sich zur Sirene, deren Ton geht über in ein Martinshorn, dessen schriller Laut sich über unscharfe Aufnahmen von Blaulicht legt, bevor die Kamera schlussendlich im Fond eines Polizeiautos sitzt und durch die Windschutzscheibe schaut, wo es durch einsame nächtliche Straßen geht.

Unentwegt knattert das Funkgerät die Codes der Cops. K-11, K-100, „hier ist 809 – und wo verdammt ist Z-14“ fragt eine weibliche Stimme. Es wirkt bedrohlich, authentisch. Zwei Jungs stehen allein in tiefer Nacht auf der Straße, das ist besonders gefährlich auf den Straßen Mexiko-Citys, wo wir gerade sind, einer von ihnen greift in seine Gesäßtasche – und holt ein Handy heraus.

Wenn die Polizistin zur Geburtshelferin wird

Und der so gefährlich wirkende Einsatz von Teresa, als die sich die Polizistin später vorstellen wird, endet – in einer Sturzgeburt, bei der Teresa mehr schlecht als recht Hilfe leistet. Immerhin, das Baby wird später ihren Namen tragen. Maria Teresia, die Heldin der Nacht.

So wird der Thriller zur Soap. Aber das ist nur eine Wundertüte, die Regisseur Alonso Ruizpalacios, der 2018 für „Museum“ auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, in seinem semidokumentarischen Film „A Cop Movie“ öffnet.

Denn nicht nur Teresa, die eifrig in die Kamera spricht, und die wir zuhause sehen, wie sie mit dem Hund spielt oder in der Dusche sitzt, ist die Heldin dieses auf Intimität setzenden Filmes über den harten Alltag einer mexikanischen Polizistin.

Teresá und Montoya sind Filmfiguren – und gibt es doch wirklich

Sondern auch Montoya, ein Polizist, der uns dadurch eingeführt wird, dass er Teresa mal eben in den Schritt greift, was sie lediglich mit großen Augen quittiert. Und uns wie sie von der Umgebung erzählt, von Vaterfiguren und Selbstbehauptung, während wir sehen, dass ein Teilnehmer einer Christopher Street Parade, die er bewachen soll, direkt vor ihm pinkelt.

Nicht die letzte der vielen Überraschungen im Laufe des Films. Denn Montoya ist nicht nur irgendein Polizist, er erweist sich alsbald auch als Teresas Ehemann. Womit wir beide auf dem Sofa sitzen und über gemeinsame Einsätze lachen sehen – wenn die nur bloß alle wahr wären.

Sind sie aber nicht, denn Teresa und Montoya sind – surprise, surprise – im wahren Leben Schauspieler und heißen Monica del Carmen und Raúl Briones. Sie haben die Polizeiakademie besucht, um für diesen Film den Alltag der Cops abzubilden. Sie sprechen in die Handykamera über ihre Rollenvorbereitung, interviewen echte Polizeischüler, die über ihre Motivation sprechen (Geld, Anerkennung, soziales Gewissen) – und fahren mit echten Polizisten Streife, die dann wie heißen? Genau: Teresa und Montoya, die es also wirklich gibt und wo wir zumindest bei den Frauen durchaus eine gewisse Ähnlichkeit feststellen können.

Silberner Bär für die Montage

Die Frage ist nur, ob der Zuschauer bis zum Ende der zunehmend zäher werdenden 107 Minuten tatsächlich durchgehalten hat. Denn zuviel der artifiziellen Selbstbespiegelung, zuviel der Wundertüten-Dramaturgie, zuviel der selbstreferentiellen Wow-sind-wir-cool-Attitüde, wenn alberne Siebziger-Jahre-Krimis a la „Starsky & Hutch“ mit der unverkennbaren Klaviermusik von Lalo Schifrin in einer (sichtlich) gestellten Verfolgungsszene durch Straßen und U-Bahnen in hyperdramatischen Showdowns enden oder Teresa mit einem (natürlich dann doch nicht echten) toten Polizisten im Schoß in die Kamera hinein vom Mangel an Krankenwagen spricht.

Und zuwenig vom eigentlichen Thema: Der Tatsache, dass in Mexiko tote Cops weniger betrauert werden als tote Kriminelle. Dass die Korruption eine feste Stufe auf der Karriereleiter ist. Dass Cop-Sein sozialer Aufstieg und Todesurteil zugleich heißen kann. Es wäre so schön gewesen. Und der Film hatte so schön angefangen. Aber dann kam der filmreife Absturz.

Ach ja, einen Preis hat „Una película de policias“ auf der Berlinale denn doch gekriegt. Und zwar einen Silbernen Bären für Yibrán Asuad für seine Montage „eines gewagten, innovativen Kinowerks, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen lässt und mutig die Fähigkeit der Filmsprache erforscht, unsere Sicht auf die Welt zu verändern.“