Berlinale

Die Berlinale startet – unter Ausschluss der Öffentlichkeit

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Ein Bild mit zentraler Aussage: Das Logo der Berlinale – hier hinter einer Glasscheibe zu sehen. Die erste Phase des Festival findet nur digital statt.

Ein Bild mit zentraler Aussage: Das Logo der Berlinale – hier hinter einer Glasscheibe zu sehen. Die erste Phase des Festival findet nur digital statt.

Foto: Jens Kalaene / picture alliance/dpa

Berlinale scheibchenweise: Am 1. März beginnt das Festival, aber nur für Experten. Schadet man mit dieser Strategie der eigenen Marke?

Berlin. Wie ist das jetzt mit der Berlinale? Kann ich Filme gegen ein Entgelt online schauen? Das wurde der Filmredakteur dieses Blattes in den vergangenen Tagen immer wieder gefragt. Und es zeigt eine gewisse Desorientierung. Ja, die Berlinale startet am 1. März. Aber erst mal nur digital. Und ausschließlich für Vertreter der Branche. Die können die Filme des Programms streamen, ausgewählte Journalisten dürfen es auch. Aber der einfache Kinoliebhaber nicht.

Die Berlinale, das ist den Organisatoren wichtig, das wiederholen sie mantraartig, ist kein Online-Festival. Wegen Corona hat man sich für eine gewagte Salamitaktik entschieden: ein Festival scheibchenweise. Erst mal ein Industrie-Event vom 1. bis 5. März, dann vom 9. bis 20. Juni ein Event fürs Publikum, das dann hoffentlich wieder, sollten die Impfungen endlich vorankommen, ins Kino gehen kann.


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Berlinale: Fünf Tage lang gibt es Filme, die keiner sehen kann

Vergangenes Jahr hat die Berlinale noch Glück gehabt. Wie durch ein Wunder konnte das Jubiläumsfestival (es war die 70. Ausgabe) am 1. März regulär beendet werden, auch wenn in den letzten Tagen schon eifrig über die Pandemie aus China gesprochen wurde. Zwei Wochen später war die Welt im Lockdown. Das hatte fatale Auswirkungen für alle. Auch für Filmfestivals. Kleinere wie Tribeca in New York oder die Nordischen Filmtage in Lübeck haben ihr Programm danach ins Internet verlegt und Filme gegen ein Entgelt zugänglich gemacht.

Cannes ging im Mai einen radikaleren Weg: Es veröffentlichte lediglich die Liste jener Filme, die fürs Programm ausgewählt waren. Auch wenn die nie gezeigt und keine Preise vergeben wurden – dass sie hätten laufen sollen und den Cannes-Stempel tragen, war das Gütesiegel. Venedig konnte immerhin im September – nach ersten Lockerungen und vor dem nächsten Lockdown – real stattfinden, allerdings mit starken Einschränkungen.

Die Berlinale geht noch einen anderen Weg. Eine komplette Verschiebung in den Sommer wäre nicht möglich gewesen, zwischen Cannes und Venedig hätte man keine relevanten Filme bekommen. Außerdem ist die Berlinale an den Europäischen Filmmarkt (EFM) gebunden. Das war 1986 ja auch der Grund, warum das Festival aus dem Sommer in den kalten Februar verlegt wurde. Der EFM ist eine der drei großen Branchentreffen der Industrie, neben dem Marché de Film in Cannes und dem American Film Market im November – und das erste im Jahr.

Also wird das Festival aufgeteilt, wie das schon Rotterdam vorgemacht: in eine digitale und eine „echte“ Phase. Mit dem Unterschied freilich, dass die digitale Phase nur für die Branche zugänglich ist, nicht für die Kinogänger. Eine Unterstützung, eine Verbeugung oder, je nachdem, wie man es bewerten mag, ein Kotau vor der Filmwirtschaft. Deshalb währt der März-Event auch nur fünf Tage: so lange geht der EFM auch in normalen Zeiten.

Berlinale-Auftakt ausgerechnet am Tag nach der Globe-Verleihung

Als erstes A-Filmfestival des Jahres will man damit ein Signal senden, dass das Business trotz Corona weitergeht und Filme eine Plattform haben. Aber die Berlinale wird damit zum Zwei-Klassensystem: Fünf Tage lang werden Filme gezeigt, die keiner sehen kann. Für die Zuschauer gilt: Wir müssen draußen bleiben. Das ist umso härter, als die Berlinale sich stets damit brüstet, das größte Publikumsfestival der Welt zu sein.

Die Zuschauer kriegen die Filme erst im Sommer-Event zu sehen, dann sogar einen Tag länger als üblich. Dann sollen auch die Stars kommen. Und am Ende werden wie üblich die Bären verliehen. Die Internationale Jury aber schaut sich den Wettbewerb schon in diesen Tagen an – nicht einzeln am Computer, sondern gemeinsam, in einem richtigen Kino, unter Sicherheitsauflagen – und gibt am Freitag die Sieger bekannt.

Das ist gewagt. Denn wird sich ein Sieger im Sommer noch unmäßig freuen über einen Preis, der schon seit drei Monaten bekannt ist? Und wird das Publikum den Wettbewerb mit der gleichen Neugier verfolgen, wenn schon klar ist, wer gewonnen hat? Vor allem: Will man dann noch Filme sehen, die nicht preiswürdig sind? Bringt sich ein Festival damit nicht um seine ureigene Stimmung, das Festivalfieber, dass man gemeinsam Filme verfolgt und diskutiert, wer bären-würdig ist? Beschädigt man damit womöglich die eigene Marke?

Die Phase Eins der Berlinale findet nun erst mal unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Vom ursprünglichen Termin 11. Februar wurde das Industrie-Event auf den 1. März verlegt, just der Tag, an dem die Berlinale 2020 zu Ende ging. Doch die Wahl ist alles andere als glücklich. Denn in der Nacht davor wurden die ebenfalls wegen Corona verschobenen Golden Globes verliehen, neben den Oscars eine der wichtigsten Filmpreise der Welt. Natürlich schaut da die ganze Branche zu und schlägt sich die Nacht um die Ohren. Da wird man den ersten der fünf Branchentage wohl eher verschlafen.

Ärgerlich ist noch etwas anderes. Die Berlinale hält sich aus allem, was im März geschieht, heraus und überlässt das komplett dem Markt. Die Verleiher entscheiden selber, ob ihre Beiträge während des Industrie-Events als Stream gezeigt werden oder nicht. Zwei große Star-Filme der Special-Sektion, „French Exit“ mit Michelle Pfeiffer und „Best Sellers“ mit Michael Caine, werden ganz zurückgehalten und erst im Sommer gezeigt.

Und auch im Wettbewerb werden ausgerechnet zwei mit Spannung erwartete deutsche Beiträge, Dominik Grafs „Fabian“ und Daniel Brühls Regiedebüt „Nebenan“, nicht gestreamt. Es kann also gut sein, dass in diesem Jahr der Goldene Bär an einen Film geht, den kaum einer gesehen hat. Das wäre auch fürs Festival der Worst Case.

Die Berlinale-Organisatoren haben es sich zu leicht gemacht

Auch die meisten Filmschaffenden halten sich zurück und geben kaum Interviews. Soll alles erst im Sommer folgen. Die „Berliner Morgenpost“ wird deshalb in den kommenden Tagen nicht in gewohntem Umfang berichten, sondern nur ein paar Schlaglichter setzen und ausführlich im Juni berichten. Maria Schrader ist übrigens die einzige Regisseurin, die für ihren Film „Das ist mein Mensch“ eine Online-Pressekonferenz gibt. Auch das eine Entscheidung des Teams, nicht etwa der Berlinale. Warum das Festival Ähnliches nicht für alle ausgewählten Titel bietet, ja gar einfordert, ist unverständlich. Wie einfach Zoomkonferenzen gehen, haben wir in letzter Zeit doch alle gelernt. Und wenn man schon eine Plattform bieten will, kann die doch nicht nur darin bestehen, dass Titel in einem Programm gelistet sind.

Es ist richtig und wichtig, dass die Berlinale jetzt läuft, Corona und Lockdown zum Trotz. Aber mit dieser Lais­sez-faire-Regelung haben es sich die Organisatoren zu leicht gemacht. Nun liegt es an allen, das Beste daraus zu machen.