Berlinale

„Ein gutes Zeichen für die Filmwelt“

| Lesedauer: 11 Minuten
Peter Zander
Sie gehört zu den ganz wenigen, die in der kommenden Woche Berlinale-Filme im Kino sehen: die ungarische Filmregisseurin Ildikó Enyedi.

Sie gehört zu den ganz wenigen, die in der kommenden Woche Berlinale-Filme im Kino sehen: die ungarische Filmregisseurin Ildikó Enyedi.

Foto: Monika Skolimowska / picture alliance / Monika Skolimowska/dpa

Ildikó Enyedi, eine der sechs Internationalen Juroren, über die Ausnahme-Berlinale, die wegen Corona in zwei Hälften geteilt wird.

Am morgigen Montag startet die 71. Berlinale. Zumindest der erste Teil, denn wegen Corona ist das Festival aufgesplittet in eine erste Phase, die vom 1. bis 5. März nur online für die Branche stattfindet, und eine zweite im Sommer fürs Publikum. Die einzigen, die in den nächsten fünf Tagen wirklich in einem Berliner Kino sitzen und Wettbewerbsfilme schauen, sind die Mitglieder der Internationalen Jury, die diesmal ausnahmslos Goldene-Bären-Sieger sind. Eine von ihnen ist die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi, die 2017 für „Körper und Seele“ Bärengold gewann. Wie ist das für sie, zur Berlinale zurückzukehren und unter strengen Sicherheitsauflagen und Ausschluss der Öffentlichkeit Filme zu sehen? Wir haben die 65-Jährige, die schon 1992 in einer Berlinale-Jury saß, damals neben Annie Girardot und Michael Verhoeven, befragt.

Nach dem Goldenen Bären 2017 – was bedeutet es Ihnen, jetzt als Mitglied der Internationalen Jury zur Berlinale zurückzukehren?

Ildikó Enyedi: Es wird in diesem Jahr ja eine sehr spezielle Jury. Nur Regisseure. Das wird eine ziemlich einmalige Erfahrung. Wir haben vermutlich die größte Empathie für unsere Kollegen, denn wir kennen all das, was an Schweiß, Blut und Tränen in einem Film steckt. Und ich brenne jetzt schon darauf, all diese wunderbaren Kollegen zu sehen. Aber das war nicht nur der Goldene Bär vor vier Jahren. Darf ich sagen, dass alles damals mit der „Berliner Morgenpost“ begann. Die Leserjury Ihrer Zeitung hat mir den Publikumspreis des Wettbewerbs vermacht und Sie haben ihn mir überreicht. Das war ein wunderbarer Morgen damals. Und am Ende dieses langen Tages gab es dann den Bären. Ich habe nicht nur die Preise aus Berlin mitgebracht, ich habe die Sympathie und Liebe gespürt, die mir das Publikum entgegenbrachte. Das war ein sehr direktes, emotionales Feedback. Genau das macht dich lebendig macht, wenn du spürst, dass das Publikum, für den du den Film ja gemacht hast, ihn so versteht, wie er beabsichtigt war. Das ist ein sehr spezielles Gefühl.

Es ist auch ein sehr spezielles Jahr für die Berlinale. Erstmals wird das Festival in zwei Phasen aufgeteilt. Sie kommen nun zum ersten, rein digitalen Teil. Wie seltsam ist das für Sie?

Letztes Jahr war Berlin „the lucky one“, der eine Glückliche – und auch „the last one standing“, der letzte Aufrechte. Ich war hier und traf mich noch mit Kollegen aus China. Da gab es ein kleines Zögern, da lag schon was in der Luft, aber niemand hätte sich zu dem Zeitpunkt ausmalen können, dass nur zwei Wochen später ganz Europa im Lockdown unser Leben auf den Kopf gestellt ist. Alle Festivals, die danach kamen, haben darunter gelitten. Nun trifft es Berlin dieses Jahr vielleicht härter als Cannes oder Venedig, wo man dann vielleicht schon weiter ist mit dem Impfen. Ich denke, unter den Umständen ist es eine gute Lösung, das Festival aufzuteilen. Einfach als Zeichen für die Filmwelt. Wissen Sie, Filmemachen ist ein so fragiles Geschäft. Sie arbeiten Jahre an einem Film. Und dann kann das bloße Timing, wann er herauskommt, sein Schicksal bestimmen. Weil sie nicht im Kino laufen konnten, sind schon viele Filme bei den Streamingdiensten gelandet. Da finde ich es wirklich ein gutes Zeichen, das Festival auf diese Weise stattfinden zu lassen. Die Alternative wäre gewesen, die Berlinale ganz in den Sommer zu schieben. Aber das wäre ein Kriegsgebiet zwischen Cannes und Venedig gewesen. So aber kann das Festival sein eigenes Profil wahren und dennoch den Filmen die Aufmerksamkeit geben, die sie so dringend brauchen.

Sie, die sechs Juroren, werden wirklich die Einzigen sein, die in den nächsten Tagen in einem Kino sitzen und den ganzen Wettbewerb schauen dürfen. Ist das eine Art Goldene Quarantäne?

Die Restriktionen fand ich bislang gar gar nicht so schlimm. Ich war von Sommer bis Herbst hier in Berlin in der Endproduktion meines neuen Films und bin viel herumgeradelt. Ich finde, der Menschheit ist schon Schlimmeres passiert, als einmal allein zu sein. Aber ich muss gestehen, ich bin doch ganz froh, wieder in ein richtiges Kino zurückzukehren.

Wie bereiten Sie sich auf Ihren Job als Jurorin vor? Gibt es da irgendwelche Strategien, worauf Sie besonders achten?

Nein. Ich denke, ich kann da für uns alle sprechen. Die erste Annäherung sollte immer sein, dass man wie ein ganz normaler Zuschauer im Kino sitzt. Erst wenn ich aus dem Kino komme, möchte ich mein Bauchgefühl überprüfen. Und dann kommen all meine professionellen Kenntnisse mit ins Spiel, warum ich so oder so fühle oder gewisse Dinge eben nicht fühle. Manchmal ändert sich die Sicht ja auch nach einem oder mehreren Tagen. Ich möchte die Filme erst mal ganz unverstellt sehen. Aber ich freue mich schon auf die Diskussionen danach.

Es wird in diesem Jahr keinen roten Teppich geben. Und keine der vielen Empfänge, bei denen man auch immer die Jury erwartet. Das werden Sie vermutlich nicht so vermissen?

Der Teppich, die Blitzlichtgewitter… Nein, wirklich nicht. Ich hoffe, es wird sehr gemütlich, intim und intensiv.

Die Jury besteht in diesem Jahr nur aus Goldener-Bär-Gewinnern. Wie fühlt sich an, Teil dieser einzigarten Siegerjury zu sein?

Ich sehe meine Kollegen als Menschen, als aufregende Filmautoren. Welch Privileg ist es, Zeit mit ihnen zu verbringen. Und mit ihnen über Filme zu diskutieren. Und wenn man ein Thema, ein Ziel, eine Aufgabe hat, auf das man sich fokussieren kann, lernt man andere viel schneller und auch viel tiefer kennen, als wenn man sie nur gesellschaftlich treffen würde.

Kennen Sie Ihre Mitjuroren denn schon?

Ich kenne sie durch ihr Werk. Ich konnte auch schon den jüngsten Film von Jasmila Žbanić sehen, „Quo vadis, Aida?“, sehen, der als bosnischer Kandidat ins Oscarrennen geht und von dem ich noch gar nicht weiß, ob er schon in die Kinos gekommen ist. Aber in welche Kinos denn? Die sind ja alle zu! Jasmila kenne ich auch ein kleines bisschen, ich habe sie kürzlich getroffen.

Sie sind zu sechst in der Jury. Der Iran lässt Mohammad Rasoulof allerdings nicht nach Berlin reisen. Er wird durch einen Landsmann vertreten, der mit ihm in Kontakt stehen wird. Trübt das die Stimmung?

Ich denke, im vergangenen Jahr haben wir uns alle an Zoom-Meetings und andere Arten, miteinander zu kommunizieren, gewöhnt. Wir haben auch gelernt, dass das nicht unbedingt schlechter sein muss. Ein solcher Austausch kann genauso intensiv und persönlich sein. Natürlich ist es nicht so unbeschwert. Aber wir müssen den Preis des Unbequemen vergessen und das Angenehme fokussieren, das wir ein Gegenüber sehen und hören und auch seine Körpersprache deuten können. All das ist möglich. Es ist nicht wie 2015, als Jafar Panahi nicht als Jurymitglied nach Berlin reisen durfte und sein Stuhl demonstrativ leer blieb.

Darf ich fragen, wie es Ihnen selbst derzeit in Ungarn geht, als Filmemacherin, als Dozentin? Dass die Urban-Regierung versucht, die Kultur zunehmend zu kontrollieren und zu zensieren, darüber hatten wir schon 2017 gesprochen. Die Lage hat sich gerade noch einmal sehr verschärft, als die Orbán-Regierung Ihrer Filmhochschule die Autonomie entzog.

Mein jüngster Film „The Story of My Wife“ kam mit Unterstützung der ungarischen Filmförderung zustande. Dabei waren sie auch sehr korrekt und hilfreich. Abgesehen davon bricht mir das Herz, denn ich bin nicht nur Drehbuchautorin und Regisseurin, sondern auch mit Hingabe Dozentin. 18 Jahre lang habe ich an der Universität für Theater- und Filmkunst in Budapest gelehrt, zuletzt als Professorin. Im August habe ich aus Protest meine Kündigung eingereicht, weil die Universität ihre Autonomie verloren hat. Einige Tage nach meinem Rücktritt haben die Studenten die Universität besetzt. Das war nicht nur ein Protest, es gab wunderbare Konzerte, Kunstprojekte und Events, mit denen sie unterstrichen, wie talentiert sie sind. Schön war auch, dass bei diesem Protest nie ein hasserfüllter Redner geschrien hat, was ja fast schon die normale Verständigungsform unter uneinigen Parteien ist, nicht nur in Ungarn, sondern in der ganzen Welt. Nein, wir alle könnten von den Studenten lernen, das war eine ganz friedvolle, kompromisslose, übereinstimmende, positive Kommunikation, die nie in irgendwelchen politischen Lagern stand, aber in sehr klaren Worten artikulierte, wofür sie kämpfen und was sie für richtig finden.

Sie helfen gerade mit, eine eigene, unabhängige Universität zu gründen?

Ja, wir haben erst vor einigen Tagen einen Verein dafür gegründet. Der erste Schritt wurde also sehr schnell getan. Es ist das Ergebnis gemeinsamer basisdemokratischer Anstrengungen. Wir treffen uns zwei Mal pro Woche. Bei jeder ernsten Frage gibt es eine Abstimmung. Es gibt keinen Anführer, jede Stimme zählt gleich. Sie organisieren sich sehr schön in Arbeitsgruppen, die sich auf verschiedene Aspekte fokussieren, um diese neue kreative freie Struktur aufzubauen.

Bei so viel Frustration und Gegenwind - haben Sie je überlegt, Ihr Land zu verlassen?

Ach wissen Sie, ich bin schon so aufgewachsen. Schon in meiner Jugend habe ich mich gefragt, ob ich bleiben oder ins Ausland gehen sollte. Ich war so glücklich, als 1989 die Sowjetunion zerfiel. Einmal mehr hatte ich mich entschieden: Ja, ich bleibe in Ungarn und zusammen werden wir etwas Wunderbares aufbauen. Es ist nicht einfach. Aber ich hänge sehr an meinem Land, meinem Budapest, meinen Freunden und Familienbanden. Ich hoffe weiter das Beste.