Interview

Kommt eine Berlinale ohne Filme, Frau Rissenbeek?

Corona stellt die Berlinale vor große Herausforderungen. Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek erklärt, wie das Festival damit umgeht.

Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek.

Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek.

Foto: Alexander Janetzko / Berlinale

Berlin. Die Kulturbranche wurde komplett heruntergefahren, die Politik entscheidet immer nur kurzfristig und auf Sicht. Wie lässt sich da ein Filmfestival wie die Berlinale planen, die stets einen langen Vorlauf braucht? Und werden die nächsten Festspiele, die vom 11. bis 21. Februar 2021 geplant sind, überhaupt stattfinden können? Wir haben Mariette Rissenbeek, die Geschäftsführerin der Berlinale, dazu befragt.

Berliner Morgenpost: Frau Rissenbeek, ich frage es frei heraus: Wird die Berlinale nächsten Februar stattfinden?

Mariette Rissenbeek: Wenn die Kinos wieder öffnen und Veranstaltungen wieder stattfinden dürfen, findet auch die Berlinale statt. Gerade wurden die Filmanmeldungen abgeschlossen, im Langfilmbereich haben wir mehr Anmeldungen zu verzeichnen als im Vorjahr. Wir haben also keinen Grund zu klagen, es gäbe kein Interesse an der Berlinale 2021.

Wie kann man derzeit überhaupt planen bei der täglich wechselnden und sich ständig verschärfenden Sachlage?

Das treibt uns natürlich am meisten um. Wir verfolgen sehr genau, was sich gerade alles verändert, und bereiten uns entsprechend vor. Wir hoffen, dass die Situation bis Februar wieder so sein wird wie vor dem „Lockdown light“, dass wir das Festival also zu den damals geltenden Konditionen abhalten können, wenn auch vielleicht nur mit einer Belegung von 25 Prozent in den Sälen. Wir haben sehr sorgfältig geprüft, wie man die Vorschriften bei den Ein- und Auslässen einhalten kann, wie man das in Multiplexkinos regelt, wo mehrere Säle auf einen Gang münden, und ob man die Pausen zwischen den Filmvorführungen noch ausweiten sollte. Wir sind bestens präpariert.

Gibt es auch einen Plan B? Wird das Festival im schlimmsten Fall nur online stattfinden? Oder würde dann, ähnlich wie in Cannes, nur eine Liste der Filme veröffentlicht, die eigentlich gezeigt werden sollten?

Wir spielen derzeit natürlich alle möglichen Szenarien durch. Die Berlinale ist nicht nur ein Filmfestival mit verschiedenen Sektionen, es gibt den Filmmarkt, den Koproduktionsmarkt, den World Cinema Fund, die Talents. Wir haben schon sehr früh klargemacht, dass wir keine Online-Vorführungen von Filmen anbieten wollen. In den anderen Bereichen gelten aber andere Regeln, beim Filmmarkt sind Online-Präsentationen für Fachbesucher geplant. Um die verschiedenen Optionen möglichst gut aufeinander abzustimmen, müssen wir das sehr detailliert besprechen und abwägen.

Das Medienboard Berlin-Brandenburg hat seine traditionelle Berlinale-Branchenparty schon früh abgesagt. Ist das ein fatales Signal – oder einfach nur konsequent?

Eine Party mit 2.000 Gästen auf engstem Raum nicht abzusagen, wäre derzeit wohl grob fahrlässig. Das wird im Februar einfach nicht möglich sein. Auch wir selbst werden, in welcher Form auch immer wir die Berlinale umsetzen können, keinen Eröffnungsempfang und keine Abschlussparty geben. Solche Massenveranstaltungen, bei denen man Hygiene- und Abstandsregeln nicht gewährleisten kann, muss man einfach streichen. Darauf müssen wir uns alle einstellen, solche Empfänge werden in der ganzen ersten Jahreshälfte 2021 nicht möglich sein. Das Medienboard hat daraus nur denselben Schluss gezogen wie wir selbst. Und Kirsten Niehuus hat diesen Schritt auch vorab mit uns kommuniziert.

Wie ist denn die Stimmungslage draußen? Die Akkreditierungseinladungen sind ja bereits verschickt. Gibt es schon Rückmeldungen, oder halten sich die Leute noch zurück?

Doch, es gibt schon Rückmeldungen. Es gibt viele, die sich bereits akkreditiert haben, und es toll finden, dass es dieses Signal gibt. Aber natürlich gibt es auch viele, die sich einen Besuch bei den derzeitigen Quarantäneregeln noch nicht recht vorstellen können. Man muss abwarten, wie sich das entwickelt.

Wie groß ist derzeit überhaupt die Lust internationaler Filmemacher, zu reisen und auf einem Festival einen Film vorzustellen?

Grundsätzlich sind Filmemacher aus aller Welt daran interessiert, an einer physischen Veranstaltung teilzunehmen. Dieses Signal ist ganz klar. Aber viele beobachten derzeit natürlich, wie die Reisebedingungen sind, ob das überhaupt möglich sein wird. Ich glaube, man hat schon Vertrauen zu den Deutschen, die im Vergleich noch ganz gut durch die Corona-Krise kommen. Und Vertrauen zu uns, dass wir alles tun werden, um die Gesundheit unserer Gäste zu sichern.

Cannes und Venedig sind die große Konkurrenz der Berlinale. Ist man durch Corona enger zusammengerückt – tauscht man sich aus, wie man mit der Pandemie umgeht? Oder macht das jedes ­Festival für sich aus?

Wir hatten einen sehr engen Austausch mit Venedig, das als erstes großes Festival nach dem ersten Lockdown wieder stattgefunden hat. Carlo Chatrian war vor Ort und ist auch in regelmäßigem Austausch mit dessen Leiter Alberto Barbera. Wir stehen auch in engem Kontakt mit den Festivals von San Sebastian, Sundance und Rotterdam. Alle Festivalmacher fragen sich derzeit, wie ein Festival optimal ablaufen kann. Und diskutieren das eng miteinander.

Sie und Carlo Chatrian haben letztes Jahr die Berlinale übernommen und mussten gleich zum Einstieg den Absprung von Sponsoren, die Schließung von Kinos und den Skandal um den Festivalgründer bewältigen. Jetzt hängt über allem das Damoklesschwert Corona. Kommen Sie aus dem Krisenmodus gar nicht mehr heraus?

Der einzige Trost dabei ist, dass Corona für alle gilt. Es ist kein Ausnahmezustand, der nur das Festival trifft. Mit dieser Krise müssen alle umgehen. Es ist also keine besondere Strafe für uns.

Die letzte Berlinale ging gerade noch glücklich zu Ende, als die Pandemie in China bereits wütete. Trotz Gästen selbst aus Wuhan wurde keine Ansteckung auf dem Festival vermerkt. Was hat man aus der Erfahrung gelernt, auch für die kommende Berlinale?

Wir haben vor allem gemerkt, dass an einem Programm, wie es die Berlinale bietet, ein wirklich großes Interesse besteht, seitens der Branche und des Berliner Publikums, und dass es eine große Lust auf Kino gibt. Momentan geht das natürlich nicht, weil die Kinos geschlossen sind. Wir hoffen aber, dem mit der nächsten Berlinale wieder etwas entgegensetzen zu können. Auch dem Zuwachs, den die Streaming-Nutzung verzeichnet, das besondere Gemeinschaftserlebnis Kino entgegensetzen zu können.

Sind Sie denn im ständigen Kontakt mit Monika Grütters, überhaupt mit der Politik?

Selbstverständlich. Frau Grütters ist ja nicht nur eine Zuwendungsgeberin, die Staatsministerin für Kultur und Medien ist auch eine Gesellschafterin der Berlinale. Alles, was wir derzeit planen, stimmen wir mit der BKM ab. Auch dahingehend, dass wir unter Umständen eine zusätzliche Finanzierung benötigen. Denn wenn Kinos nur zur Hälfte belegt werden dürfen, hat das natürlich pekuniäre Konsequenzen.

Fühlen Sie sich von der Politik denn unterstützt oder eher im Stich gelassen? Sind Sie grundsätzlich damit einverstanden, dass die Kulturbranche derzeit wieder komplett heruntergefahren wurde?

Wir als Festival fühlen uns absolut unterstützt. Der erneute Lockdown ist natürlich eine schwierige Angelegenheit. Ich bin derzeit im permanenten Austausch mit anderen Betroffenen, etwa Andrea Zietzschmann, der Intendantin der Philharmonie, Annemarie Vanackere, der Chefin vom HAU, und Kinobetreibern. Und überall hört man dasselbe. Alle Kulturveranstalter haben den Anspruch, sämtliche Abstands- und Hygieneregeln genauestens einzuhalten und die Sicherheit der Zuschauer jederzeit zu gewährleisten. Insofern ist es natürlich misslich und auch frustrierend, wenn die Häuser trotz großer Investitionen in Sicherheitskonzepte nun wieder schließen mussten.

Was lernt man als Festivalchefin aus einer solchen Pandemie?

Wohl einfach nur, dass man sich manche Szenarien im Vorfeld beim besten Willen nie hätte ausdenken können. Man muss sich einfach noch mehr auf Ausnahmesituationen vorbereiten. Was ich aber gleichzeitig gelernt habe, ist, wie unser Team mit dieser schwierigen Situation umgeht, wie es nach Lösungen sucht und die Probleme gemeinsam anpackt. Das war eine große Erkenntnis, die mir zeigt, was für ein toller Haufen das Berlinale-Team ist.