Bären-Rennen

„Irradiés“: Der Horror erstickt unter Kirschblüten

Im Film „Irradiés“ zeigt der Kambodschaner Rithy Panh die Gräuel aller Kriege auf. Und verarbeitet damit auch das eigene Überleben.

Weiß bemalte Pantomimen machen das Gezeigte zunichte.  Rithy Panhdpa

Weiß bemalte Pantomimen machen das Gezeigte zunichte. Rithy Panhdpa

Foto: dpa

Eine Stunde lang funktioniert „Irradiés“ des kambodschanischen Dokumentarfilmers Rithy Panh ja schrecklich gut. Über die dreigeteilte Leinwand flimmern Leichen, viele, viele Leichen, oft in grobem Schwarzweiß. Aus Konzentrationslagern der Nazis, aus den Killing Fields der Roten Khmer, wir sehen Napalm- und Strahlenopfer, Verhungernde, Geschlagene, Verletzte aus allen Kriegen der Welt, Atompilze, Sonnenstürme, tote Pferde, brennende Palmen.

Panh, dem es um das irradierende „Ausstrahlen“ des Schmerzes bis in nachfolgende Generationen geht, ist anfangs klug genug, dem Grauen, dem auch seine eigenen Eltern zum Opfer fielen, nichts hinzuzufügen. Stattdessen versucht er es zu fügen, eine ebenso strenge wie bescheidene Geste des Wiederholens und Neuarrangierens. Da ist es nur stimmig, dass er Terrorregimes, egal ob rechts oder links, in einen gemeinsamen, riesigen Höllentopf wirft.

Die Reflexion wird erstickt

Dazu hören wir dann aber ständig fahle Klarinetten- und Flötentöne und apokalyptisches Brummen, und aus dem Off tragen im Wechsel ein Mann und eine Frau lyrische Prosa vor, schwebende Sätze wie: „Was ist aufregender als Zerstörung? Wir brauchen das Spektakel“, „Sieh nochmal hin“, „Man muss leben, dem Sturz entrinnen“. Schon klar, Rithy Panh versucht, filmisch die eigenen Gespenster zu bannen, auch das irrlichternde Schuldgefühl des eigenen Überlebens. Doch spätestens als immer wieder ein geisterhaft weiß bemaltes Schauspielerpaar mit schwarzen Augenhöhlen eine nichtssagende Pantomime vollführt, die dem vorher Gezeigten etwas seltsam Egales gibt, kippt das Unterfangen ins ungewollt Kitschige. Bis am Ende alles, was der Film womöglich an Reflexion in Gang setzen wollte, unter Kirschblüten und Walzerklängen erstickt.

Termine: CinemaxX 3, heute (29.), 11 Uhr; Friedrichstadtpalast, 1.3., 14.15 Uhr.