Berlinale

Cate Blanchett: „Wir müssen uns an die Nase fassen“

Filmstar Cate Blanchett über die Flüchtlingsserie „Stateless“, die sie auch kreiert und produziert hat

Cate Blanchett 2020 auf der Berlinale.

Cate Blanchett 2020 auf der Berlinale.

Foto: Jens Kalaene / picture alliance/dpa

Auf der Berlinale ist Cate Blanchett Stammgast. Egal ob Tom Tykwers „Heaven“, Wes Andersons „Tiefseetaucher“, Richard Eyres „Tagebuch eines Skandals“ oder George Clooneys „Monuments Men“ – die australische Schauspielerin kam in den letzten Jahren oft und gern nach Berlin. Diesmal jedoch ist ihr der Aufenthalt bei der Berlinale eine Herzensangelegenheit. In der Reihe „Berlinale Series“ stellt die 50-Jährige die von ihr mitproduzierte Serie „Stateless“ vor. Während sie im „Hotel Adlon“ aufrecht auf einer Sofakante sitzt, isst ihr Schauspielkollege Dominic West neben ihr genüsslich Mittag. Blanchett lässt sich nicht irritieren, ermahnt West, nicht zu schmatzen und wird – private Fragen sind nicht erlaubt - auffällig politisch.

Macht es einen Unterschied, ob man mit einem Film oder einer Serie auf der Berlinale vertreten ist?

Cate Blanchett: Nicht unbedingt. Ich kenne das Festival ja von meinen Filmen. Die Erfahrung des bewegten Bildes ist die Gleiche. Das Tolle an der Berlinale ist, dass sie den kleinen Bildschirm genauso wertschätzt wie die große Leinwand, egal ob Film oder Serie. Hier ist jedes audiovisuelle Medium willkommen.

Sie spielen in „Stateless“ eine der Hauptrollen und haben die Serie mitproduziert. Was war der erste Impuls für die Serie?

Die Showrunnerin und Autorin Elise McCredie und ich kennen uns schon aus der Highschool, waren auch zusammen auf der Uni. Damals haben wir unser erstes Stück zusammen geschrieben. Irgendwann hatten wir uns aus den Augen verloren, durch Zufall wiedergetroffen und wollten unbedingt etwas zusammen machen. Beim Thema waren wir uns recht schnell sehr einig.

Es geht in „Stateless“ um die australische Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik. Was hat Sie daran gereizt?

Ich hatte vorher schon für das UNHCR, Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge, gearbeitet. Dabei habe ich Menschen mit unvorstellbaren Schicksalen kennengelernt und schnell gemerkt, wie brandaktuell und aufgeladen die Thematik ist. Wir wollten nicht nur über Flüchtlinge reden, die mit dem Schlauchboot übers offene Meer kommen. Wir wollten verschiedene Perspektiven auf das Thema haben.

Welche waren das?

Nicht nur die Perspektive der Asylsuchenden, sondern auch die Perspektive der anderen Seite. Die der Wärter, der Menschen, die mit dem bürokratischen Aufwand zu tun haben und natürlich die derer, die für die Politik verantwortlich sind. Die Fäden laufen zusammen bei einer Deutsch-Australierin, die stellvertretend für alle Weißen steht, aber auch in ein Flüchtlingslager kommt. Damit wir Privilegierten ein Gespür dafür bekommen, was es heißt, heimatlos zu sein.

Sie haben Ihre Arbeit für UNHCR angesprochen. Was haben Sie dabei erlebt?

Die Geschichten, die ich im Vorfeld meiner Besuche in Kriegs- und Krisenregionen gehört habe, waren schon schwer zu glauben. Aber als ich es dann selbst mit meinen eigenen Augen gesehen habe, war es jenseits allem Vorstellbaren. Da sind Menschen, die um ihre Zukunft betrogen werden. Vor allem Kinder. Die durchschnittliche Aufenthaltszeit in Flüchtlingslagern in Australien liegt bei 20 Jahren. Das ist länger als eine Kindheit. Wie soll man daraus ein Leben aufbauen? Das ist fast unmöglich. In einem Flüchtlingslager festzusitzen, ist schlimmer als im Gefängnis zu sein. Da weiß man wenigstens, wann man entlassen wird. Dieser Hoffnungsschimmer fehlt in Flüchtlingslagern.

Was kann man dagegen tun?

Wir müssen uns alle an die eigene Nase fassen. Für mich hat jeder Mensch auf dieser Welt das Recht, um Asyl zu bitten. Und es sollte auch Jedem gewährt werden. Ich habe eine Weile in Europa gelebt, das hat meinen Blick auf Australien sehr verändert. Früher, in meiner Jugend, stand Australien für gelebten Pluralismus und Multikulturalität. Heute schotten wir uns ab. Das ist in meinen Augen der falsche Weg.

Wo kommt all der Hass der Menschen her?

Die Leute haben Angst. Und einige Regierungen sind sehr gut darin, diese Angst auch noch zu schüren. Flüchtlinge würden Arbeitsplätze wegnehmen etc. Das ist doch absoluter Unsinn. Jack Thompson, ein australischer Kollege von mir, erzählte mir gerade erst, dass es beim Militär die Taktik gibt, die eigenen Truppen unzufrieden zu lassen. Denn zufriedene Truppen gelten als schwierig. Es ist einfacher, Leute in Schach zu halten, wenn sie verängstigt sind.

Die Serie heißt „Stateless“. Heimat- oder Staatenlos. Das kann man doppelt lesen. Welche Interpretation schwebt Ihnen vor?

Wir nutzen den Begriff eher im poetischen Sinne. Denn in einem juristischen Sinn geht es ja um Leute, die wirklich staatenlos sind, die zu keinem Land gehören und nirgendwo zuhause sind. Das hat Folgen. Sie dürfen nicht heiraten, sich nicht frei bewegen, haben keinen Zugang zu Bildung. Die Staatenlosen, die getroffen habe, fühlen sich alle unsichtbar und identitätslos. Mit unserer Serie wollen wir sie sichtbar machen, ihnen ihre Identität und Würde zurückgeben