Berlinale

„Dau. Natasha“ im Wettbewerb: Ein ärgerlich sinnloser Exzess

Das Projekt sollte eigentlich in Berlin in einer Installation vorgestellt werden und sorgte für Aufregung: „Dau. Natasha“ im Wettbewerb.

Startschuss für die 70. Berlinale mit Sigourney Weaver

Bei der Eröffnungsgala der 70. Berlinale glänzen die Stars des Films "My Salinger Year", darunter die oscarnominierte Schauspielerin Sigourney Weaver. Für den Regisseur Philippe Falardeau steht die Rolle der Frau im Mittelpunkt des Films.

Beschreibung anzeigen

Berlin. Was hat es nicht für eine Aufregung gegeben um dieses Projekt und die Filme, die daraus entstanden sind. Der russische Regisseur Ilja Chrschanowski baute vor dem Start der Dreharbeiten 2008 im ukrainischen Charkiw auf 12.000 Quadratmetern die Kulisse eines ganzen Stadtquartiers auf, wo er die Lebensgeschichte des sowjetischen Physikers Lew Dawidowitsch Landau (1908-1968) inszenierte, genauer: seine Zeit an einem hochgeheimen physikalischen Labor zur Zeit der stalinistischen Verfolgungen. Monatelang lebten bis zu 400 Menschen an dem Set, mehrere Kinder wurden dort gezeugt. Es hieß, einige von ihnen würden ihre Rolle nicht mehr verlassen, Verhöre, gewalttätige Übergriffe, ja sogar Folter eingeschlossen Es entstanden mehr als 700 Stunden Filmmaterial, die Chrschanowski zu 13 Filmen schneiden ließ.

Im August 2018 ließ sich auch die die deutsche Hauptstadt von der skandalösen Aura des Projekts anstecken. Rund um das Kronprinzenpalais sollte für vier Wochen eine Art Erlebnisparcours installiert werden, von einer Attrappe der Berliner Mauer nach außen abgegrenzt. Darin sollten, begleitet von künstlerischen Performances, die Filme in Weltpremiere gezeigt werden. Das Vorhaben scheiterte, unter anderem weil der Antrag zu kurzfristig gestellt worden war und Anrainer wie die Staatsoper Bedenken anmeldeten.

Während das Thema in der Berliner Presse heftig diskutiert wurde, glänzte der Regisseur durch Abwesenheit. Stattdessen war einiges aus dem „Dau“-Material nun schon in Paris zu sehen – und eben jetzt auch auf der Berlinale, „Dau. Natasha“ mit 145 Minuten Länge im Wettbewerb und „Dau. Degeneratsia“, 355 Minuten lang, im „Berlinale Special“.

„Dau. Natasha“: Zwei Frauen reden, streiten, schreien – und wieder von vorn

Der Wettbewerbsbeitrag erzählt vom Alltag am Forschungsinstitut aus der Perspektive zweier Mitarbeiterinnen der Kantine. Die mittelalte Natasha (Natalia Berezhnaya) und die junge Olga (Olga Shkabarnya) tragen Essen auf, streiten und vertragen sich und zeigen sich dem Alkohol sehr zugetan. Natasha freut sich über das Interesse des französischen Forschers Luc (Luc Bigé), mit dem sie schließlich Sex hat (was der Film mitsamt allen dazu gehörenden Details zeigt).

Der Geheimdienst, vertreten durch den bulligen Staatssicherheitsbeamten Azhippo (Vladimir Azhippo), bekommt davon Wind und unterzieht Natasha einem Verhör, das die zweite Hälfte des Films bildet. Darin wird Natasha erst mit Cognac abgefüllt und dann in eine Verhörzelle geschleift, wo ihr Azhippo die Kleider vom Leib reißt und sie dazu zwingt, sich selbst eine Schnapsflasche in die Vagina einzuführen. Die dergestalt gefolterte und entwürdigte Natasha unterschreibt schließlich einen Brief, in dem sie Luc denunziert.

Das ist alles ganz grauenhaft anzusehen, aber noch bedrückender ist die Ratlosigkeit, die dieser Film schon nach einer halben Stunde auslöst. Was soll das alles? Warum dieses Gerede, Gesaufe und Geschrei, wozu diese Brutalität? Um zu zeigen, dass der Mensch des Menschen Wolf ist? Dass er seinesgleichen quält und auch zerfetzt, wenn es die Bedingungen erzwingen? Wussten wir das nicht schon längst? „Dau. Natasha“ taugt allenfalls als Warnung davor, sich weitere Filme dieser Reihe anzusehen.

Mehr zur Berlinale lesen Sie hier

Auch interessant:

Cate Blanchett: „Wir müssen uns an die Nase fassen“

„Berlin Alexanderplatz": Der Trugtraum vom guten Menschen

„The Roads Not Taken“