Leserjury der Morgenpost

Tage im Ausnahmezustand: Die Leserjury auf der Berlinale

Viele Filme, viele Eindrücke, aber wenig Zeit und wenig Schlaf: Ein Treffen mit der Berlinale-Leserjury auf dem Potsdamer Platz.

Kurz mal frische Luft schnappen: Die Leserjury der Berliner Morgenpost vor dem Berlinale-Palast, nach dem ersten Film. In einer Stunde geht es dann schon wieder in den nächsten.

Kurz mal frische Luft schnappen: Die Leserjury der Berliner Morgenpost vor dem Berlinale-Palast, nach dem ersten Film. In einer Stunde geht es dann schon wieder in den nächsten.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

„Ich komme mir vor wie ein Alien“, sagt Daniela Richter. Sie schaut gerade jeden Tag bis zu vier Filme, wird dabei in lauter fremde Welten und dazwischen auf einen leeren Potsdamer Platz geschubst. Ernährung und Schlaf kommen da ein bisschen kurz, der Biorhythmus gerät etwas durcheinander. Vieles erlebt man wie in Trance. Wie ein Alien eben. Aber doch wie ein glückliches Alien.

Die 43-Jährige ist eine von zwölf Glücklichen, die in die Leserjury der Berliner Morgenpost gewählt wurden. Elf Tage lang dürfen sie das Festival besuchen, um am Ende aus den Wettbewerbsbeiträgen den Publikumsfavoriten zu küren. Zwei bis drei Filme am Tag sind Pflicht, darüber hinaus kann man aber auch in allen anderen Sektionen fremdschauen. Soweit die Kondition ausreicht. Und das alles ohne lästiges Anstehen in den Warteschlangen vor den Ticketcountern. Der Jury-Ausweis ist das Sesam-öffne-dich des Festivals.

„Ich komme mir vor wie ein Alien“

Dafür nimmt man auch weite Wege auf sich. Rainer Müller etwa kommt aus Eichwalde. Das ist am Stadtrand, aber schon im Brandenburgischen. Der 60-Jährige braucht eine Stunde bis zum Potsdamer Platz. Und wenn man morgens schon um neun Uhr im ersten Kino sitzt und abends bis spät, bleibt nicht mehr viel Zeit zwischendrin. Am heutigen Mittwoch ist der erste Film schon um 8.15 Uhr an. Vielleicht, überlegt der Lebensmitteltechnologe, wird er da einmal bei einer Bekannten in der Stadt übernachten.

Die Leserjuroren wirken alle ein bisschen müde. Weil sie kaum zum Schlafen kommen. Der übliche Hänger in der Mitte des Festivals, der sich gegen Ende wieder legt. Stephanie Gleixner hatte am Nachmittag sogar einen kurzen Ausfall. Sprich, sie ist eingeschlafen. Schwierig ist das auch mit der Ernährung, finden sie alle. Zu wenig Zeit bleibt zwischen den Filmen, um mal etwas Anständiges zu essen.

Schokoriegel für den Zuckerspiegel

Und dazu gibt es in diesem Jahr auch viel zu wenig Angebote auf dem fast leer stehenden Potsdamer Platz. Daniela Richter schnippelt deshalb morgens immer Gemüse und hat auch immer eine Stullenbox dabei. „Was ich sonst seit 100 Jahren nicht mehr mache.“ Man muss da auch ganz logisch planen, stöhnt Annette Lehman, „damit man noch fit ist und aufmerksam bleibt“. Andere schwören auf einen Schokoriegel, um den Zuckerspiegel wieder hochzufahren.

Im Kinosaal sitzen die Juroren meist nebeneinander. Wer zuerst da ist, hält für die anderen Plätze frei. Auch wenn das von den Platzanweiserinnen nicht immer gern gesehen wird, von später kommenden Kinogästen schon gar nicht. Die zwölf Geschworenen haben dafür eine Whatsapp-Gruppe gegründet, so können sie sich schnell verständigen: „Habe Verspätung. Haltet mir einen Platz frei“. Auch zwischen den Filmen verbringt man viel Zeit miteinander. Um sich auszutauschen. „Das ist wichtig“, sagt Annette Lehmann, „das man nicht allein bleibt mit seinen Eindrücken.“

Die Gattin mit dem Berlinale-Fieber angesteckt

Das findet auch Reiner Müller. Am Tag prasseln so viele Eindrücke auf ihn nieder, dass die Filme langsam ineinanderschwimmen. Er nutzt die lange S-Bahnfahrt am Abend deshalb auch, um sich Notizen zu machen und die Eindrücke zu verarbeiten. Denn am Freitag muss sich die Jury nach dem letzten Wettbewerbsbeitrag recht schnell auf den Preisträger einigen. Da muss man schon vorbereitet sein.

Und was sagen Freunde und Familie dazu, wenn man für elf Tage irgendwie nicht von dieser Welt ist? Und sich nicht mit der Tochter gleich vor Ort trifft? „Meine Frau macht das bis jetzt ganz tapfer mit“, freut sich Rainer Müller. „Ich habe sie auch selbst schon mit ins Kino geschickt. Ich habe sie mit dem Berlinale-Fieber angesteckt.“

Familientreff am Potsdamer Platz

Stephanie Gleixner hat trotz all der Zeit auf der Berlinale trotzdem ein Sozialleben. Zwischendurch war die 34-Jährige sogar mal kurz zuhause und trifft sich gleich noch mit Freunden zum Essen. Aber Dessert gibt es keins. Denn dann will die Klimaforscherin noch mal los zum Spätabend-Film.

Der Mann von Annette Lehmann kränkelt. Um ihn kann sie sich leider nicht kümmern. Dafür trifft sich die 55-Jährige gleich mit ihrer Tochter auf der Berlinale. Denn auch die ist festival-affin. Nur muss sie halt für Karten anstehen. Da kann die Bibliothekarin ihr wenigstens Tipps geben, wofür sich das Anstehen lohnt. Und sich mal austauschen. Auf einen schnellen Kaffee. Bevor es wieder zurück ins Kino geht. Die Berlinale ist für alle ein Ausnahmezustand. Oder auch, wie sie finden, Urlaub in der eigenen Stadt.