Berlinale

Forum: Im Verhör der Securitate

Raues Rumänien: „Tipografic majuscul“ konterkariert Archivmaterial aus dem Fernsehen mit einem Theaterstück aus Securitate-Akten.

Theater im Film: Serban Lazarovici als Schüler Mugur Calinescu, der 1981 kritische Parolen an öffentliche Wände malte.

Theater im Film: Serban Lazarovici als Schüler Mugur Calinescu, der 1981 kritische Parolen an öffentliche Wände malte.

Foto: Berlinale Forum

Tipografica majuscal (Rumänien) 1981 schrieb der 16-jährige Schüler Mugur Calinescu Parolen in Großbuchstaben an Häuserwände in der rumänischen Stadt Botosani. Er forderte Freiheit, eine bessere Versorgung und erwähnte als Vorbild unter anderem die „Solidarnosc“-Bewegung in Polen. Das blieb im Rumänien des Diktators Ceaucescu nicht unbeobachtet.

Der Fall ist in den Akten der geheimen Staatspolizei Securitate dokumentiert. Die betroffene Gegend wurde überwacht, der Junge anschließend festgesetzt und vernommen, sein Elternhaus abgehört. Anschließend ging es zur Umerziehung. Ein Fall aus einem Land vor ferner Zeit also. Doch wie geht man heute damit um?

Verhöre auf dem Theater

Zunächst gab es vor ein paar Jahren ein dokumentarisches Theaterstück, das nun einen großen Teil des Films „Tipografic majuscul“ des rumänischen Regisseurs Radu Jude ausmacht. Auf leerer Bühne deklamieren Schauspieler vor rotem Hintergrund und übergroßem Aufnahmegerät die Verhörprotokolle. Der Junge allein, mit seinen Eltern, mit der Polizei, mit den Freunden. Die Lehrer weisen theatralisch die Schuldfrage von sich. Die Kunstsprache der Verhöre findet so ihre adäquate Entsprechung.

Da dies Radu Jude aber nicht reicht, konterkariert er die grellen Farben der Spielszenen von heute mit reichlichen Schwarzweißaufnahmen aus dem rumänischem Fernseharchiv der frühen 80er-Jahre. Man sieht Kochsendungen und Militärparaden, gefühlige Schlagersänger und glückliche Kinder sowie Alltagsbeschreibungen vom Teppichklopfen auf der Terrasse bis zum Kauf eines Kühlschranks, die ein glückliches Rumänien zeigen sollen. Was es natürlich nicht ist. Wie wir immer wieder in den Verhören auf der Bühne erfahren.

Überdeutliche Botschaft

„Tipografic majuscul“ ist ein gutes Beispiel, dass aus zwei guten Ideen nicht zwingend ein sehr guter Film werden muss. Das Theaterstück wirkt in seiner zwingenden, streng zurückgenommenen Form beeindruckend und beklemmend. Die Archivaufnahmen aus dem rumänischen Fernsehen sind ohne Zweifel eine amüsante Entdeckung.

Doch beides gegeneinander geschnitten wirkt einfach nur didaktisch und angestrengt, zumal Jude auch keinerlei überraschender Kniff einfällt. Das einfallslose Spiel auf zwei Ebenen ermüdet zunehmend. Die Botschaft der Diskrepanz zwischen dem offiziellen und dem geheimen Rumänien ist überdeutlich. Übergroß...wie die Buchstaben der Parolen, um die es ja eigentlich geht.

24.2. Cinemaxx 4, 19.30 Uhr, 29.2. Arsenal 1, 12 Uhr, 1.3. Cubix 5, 10.30 Uhr