Berlinale Special

„The American Sector“: Was von der Berliner Mauer blieb

Mit ihrer Dokumentation „The American Sector“ geht Courtney Stephens auf Spurensuche in den Vereinigten Staaten.

Manche Mauerelemente wurden im Nachhinein von Künstlern umgestaltet.

Manche Mauerelemente wurden im Nachhinein von Künstlern umgestaltet.

Foto: © Courtney Stephens / Pacho Velez

„The American Sector“ Die Berliner Mauer steht im Wald, im Westen Pennsylvanias. Jedenfalls ein Stück von ihr. Von irgendwo lärmt eine Kettensäge, ein dickes Gliedertier kriecht über den Beton. Zwei weitere Teile, erkennbar von Mauerspechten bearbeitet und mit Graffiti dekoriert, schmücken das Foyer des Hilton Hotels in Dallas, Texas. Auf dem Campus der Chapman University in Orange, Kalifornien, kräuseln sich die Reflexionen eines von unten beleuchteten Zierteichs auf der Oberfläche der Mauer.

Manche dieser Grenzelemente wirken, als habe sie jemand dort kurz abgestellt und dann einfach vergessen, andere wiederum werden mit Absperrungen und Gedenkplaketten zu musealen Objekten veredelt. Die Dokumentarfilmer Courtney Stephens und Pacho Velez haben sich auf eine Reise durch die USA begeben und Dutzende dieser Mauerstelen ausfindig gemacht, die nach der Wende ihren Weg über den Atlantik gefunden haben. Sie lassen die Menschen zu Wort kommen, die sich – zufällig oder beabsichtigt – in ihrer Nähe aufhalten.

Eine Soziologie der amerikanischen Gegenwart

Dabei geht es Stephens und Velez erkennbar nicht um eine Geschichtsstunde: Die deutsch-deutsche Teilung kommt allenfalls vor, wenn die Kamera nebenbei die Schaukästen und Erklärvideos von Museen in den Blick nimmt. Und auch der Gegenwartskontext bleibt ausgeblendet, auch wenn er natürlich dennoch immerzu präsent ist: In einem Land, das an so vielen Orten an die inhumane Trennung von Menschen und Familien durch eine Mauer erinnert, wird zugleich an einer gigantischen Grenzbefestigungsanlage gebaut, die die USA im Süden gegen Drogenschmuggel und illegale Einwanderung aus Mexiko schützen sollen. Der im März 2017 veröffentlichten Ausschreibung zufolge soll diese Mauer bis zu neun Meter hoch sein, bei geschätzten Baukosten von 21 Milliarden US-Dollar. Die Berliner Mauer kam auf dreieinhalb Meter Höhe und schlug mit 400 Millionen DDR-Mark zu Buche.

Was lehrt uns der Anblick der Mauer?

Stephens und Velez brauchen für ihre vielschichtige Soziologie der Vereinigten Staaten aber auch keinen didaktischen Zeigefinger. Sie treffen auf Vertreter aller Schichten ihres Landes: Ein wirtschaftlich sorgenfreier Herr in Los Angeles präsentiert sein eigenes Mauerstück und erzählt stolz, wieviel Aufsehen der Transport über den Sunset Boulevard verursacht habe. Eine Angestellte des State Department in Washington präsentiert ein Exemplar mit den Unterschriften Helmut Kohls, Michail Gorbatschows und George Bushs. Der Inhaber eines Diners in Georgia erzählt, wie er sein Mauerstück bei einer Zwangsversteigerung erstand. Zwei Studentinnen der University of Virginia in Charlottesville wissen nicht allzu viel über die Berliner Mauer und beklagen, dass sich die Universität zu wenig mit der Geschichte der Sklaverei beschäftige.

Dem Film ist ein Zitat der Schriftstellerin Elizabeth Bishop vorangestellt, die in ihrem Gedicht „The Monument“ reflektierte, was ein Denkmal eigentlich beweisen könne. Historiker gehen davon aus, dass mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer zu Tode kamen. Macht uns ihr Anblick heute klüger? Stephens und Velez zeigen, wie wichtig diese Frage immer noch ist.