Festival

Berlinale-Eröffnung: Schweigeminute für die Opfer von Hanau

Statt sein Jubiläum zu feiern, gedenkt das Festival bei seiner Eröffnung der Toten. Und findet die richtigen Worte nach dem Schock.

Die ganze deutsche Filmbranche stand im Berlinale-Palast geschlossen auf, um der Toten von Hanau zu gedenken.

Die ganze deutsche Filmbranche stand im Berlinale-Palast geschlossen auf, um der Toten von Hanau zu gedenken.

Die Eröffnung der 70. Berlinale hätte eigentlich ganz anders verlaufen sollen. Glanzvoll. Und voller Stolz auf die lange Geschichte des Filmfestivals. Stattdessen aber baten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, die neuen Berlinale-Chefs, bei ihrem ersten Festival die Gäste im Berlinale-Palast um eine Schweigeminute für die Opfer von Hanau. Und die ganze deutsche Filmbranche stand geschlossen auf, um der Ermordeten und ihrer Angehörigen zu gedenken.

Und es war dann Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die noch einmal ergreifende Worte fand für diese unfassbare Tat, die eigentlich sprachlos macht. Grütters warnte eindringlich vor Hass, Abschottung und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft. Und ihr gelang es auch zu rechtfertigen, warum man dennoch und gerade dieses Festival eröffnen und auch feiern kann: weil die Berlinale immer schon für Freiheit, Offenheit, Toleranz und Respekt stand.

Sonst sind Politikerreden beim Festivalauftakt immer ein lästiger, oft ungelenker Pflichtteil, der halt dazu gehört, bevor es richtig losgeht. Diesmal aber trafen sie genau die richtigen Töne für den Tag nach der Untat. Weshalb das Publikum gleich noch mal aufstand und Grütters Tribut zollte, als sie postulierte, dass es niemals eine politische Zusammenarbeit mit Rassisten geben dürfe.

Klare Worte von Grütters und Müller

Auch Michael Müller (SPD), der Regierende Bürgermeister der Stadt, der sonst eher holperige Auftritte vor dem deutschen Film absolviert, riss die Branche mit seiner klaren Position gegen rechts mit. Auch als er ganz offen aussprach: „Ja, die AfD will ein anderes Land. Und in diesem Land möchte ich nicht leben.“

Es wurde viel von Gemeinschaft und von Austausch gesprochen an diesem Abend. Und davon, dass gerade das Kino dies leiste. Was auch Samuel Finzi beschwor, der Moderator des Abends, der als Schauspieler mit Migrationshintergrund genau weiß, was Ausgrenzung bedeutet. „Kino“, sagte er, „ist etwas Gemeinsames. Ohne das hätte es die Berlinale keine drei Jahre gegeben.“

Dass die Gedenkminute erst spät abgehalten wurde und Finzi mit einer unterhaltenden Moderation begann, mochte nicht nur die Zwischenruferin irritieren, die deutlich hörbar nach einer Schweigeminute verlangte und den Moderator damit aus dem Konzept brachte. Man sollte es den Veranstaltern nachsehen. Sie waren von den Morden in Hanau genauso überrascht und geschockt. Aber sie haben mit Würde reagiert. Und nur das zählt.