Berlinale: Jeremy Irons räumt auf

Der Jury-Präsident gibt bei der ersten Pressekonferenz eine Erklärung ab.

Jury-Präsident Jeremy Irons bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der 70. Berlinale.

Jury-Präsident Jeremy Irons bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der 70. Berlinale.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Wenn sich die Internationale Jury der Berlinale zum ersten Mal vor die Weltpresse stellt, darunter mehrere Stars, dann sollte es erwartungsgemäß um folgende Fragen gehen: Welcher Film hat Sie besonders geprägt? Was ist für Sie ein guter Film? Welche Erwartungen haben Sie an eines der größten und politischsten Filmfestivals der Welt, das noch dazu in seine 70. Ausgabe geht?

Weil sich aber die neue Festivalleitung für Jeremy Irons als Jury-Präsidenten entschieden hat, geht es zu Beginn der Jury-Vorstellung am Donnerstag früh zuerst um ganz andere Dinge, „Es sind drei Themen, die derzeit häufig in unseren Köpfen sind – und das völlig zurecht“, liest er aus einer vorbereiteten Erklärung vor. „Sexueller Missbrauch, Homo-Ehe und Abtreibung.“

Jeremy Irons nimmt seinen Kritikern den Wind aus den Segeln

In früheren Interviews hatte Irons angedeutet, dass er das Betatschen von Frauen für eine normale Form der Kommunikation halte und die Homo-Ehe die Institution Ehe entwerte. Davon hatte er sich später distanziert. Nun will er das erneut und „ein für alle Mal“ hinter sich bringen. Er hebt dabei den Zeigefinger. Und stellt sich nachdrücklich hinter die #MeToo-Bewegung, die Homo-Ehe und das Recht der Frauen auf Abtreibung: „Diese drei Menschenrechte sind wichtige Schritte auf dem Weg zu einer zivilisierten Gesellschaft, für die wir alle kämpfen sollten.“

Die Strategie geht auf: Den Kritikern dieser Personalie wird durch dieses vorgeschaltete Statement der Wind aus den Segeln genommen. Die erste Pressekonferenz der diesjährigen Berlinale kann sich also wieder der Filmgeschichte widmen, die ja mit der Verleihung der Bären in neun Tagen weitergeschrieben werden. Und dafür ist nicht nur interessant, wo die Jury-Mitglieder politisch stehen, sondern welche Filme sie mögen.

Welche Filme die Jury-Mitglieder prägten

Die französisch-argentinische Schauspielerin Bérénice Bejo, bekannt aus dem Oscar-Gewinner „The Artist“, erzählt, dass ihr Vater jeden Samstag eine Videokassette aus seiner riesigen Sammlung aussuchte und mit den Kindern anschaute. Als sie „Singin’ in the Rain“ sah, wusste sie, dass sie Schauspielerin werden wolle. Die deutsche Produzentin Bettina Brokemper, die den Bären-Sieger 2010 „Honig“ produziert hat, hatte ihre „Berufung“ bei „Bambi“, weil sie sah, dass erwachsene Männer weinen. Weitere Filme, die die Jurymitglieder prägten, sind Steven Spielbergs „E.T.“ (Luca Marinelli), Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (Kleber Mendoca Filho) und David Leans Epos „Lawrence von Arabien“ (Kenneth Lonergan).

Jeremy Irons wich der Frage nach dem Lieblingsfilm aus und gab den seines Sohnes an: Charlie Chaplins „Lichter der Großstadt“. Die Jury der 70. Berlinale ist also vom Glanz des alten Hollywood geprägt. Nur die palästinensische Regisseurin Annemarie Jacir fällt aus dem Rahmen, weil sie zum einen in Saudi-Arabien aufwuchs, wo Kino bis vor Kurzem verboten waren – und weil ihr Lieblingsfilm „Beau Travail“ der Französin Claire Denis ist.

Doch die Bewertung eines Films sei ein subjektiver Vorgang, sagt Irons. Für ihn sei entscheidend, was nach dem Filmerlebnis in ihm bleibe. „Wie bei einem Raum, in dem jemand eine Zigarre geraucht habe.“ Als Negativ-Beispiel erzählte von einem kürzlichen Filmerlebnis: „Auf der Leinwand sah ich eine Schauspielerin, die in Großaufnahme weinte“, sagt er. „Ich dachte: Ich will dich nicht weinen sehen, ich will, dass ich das fühle, was du da fühlst!“