Berlinale-Eröffnung

Die Jubiläums-Berlinale: Eine Feuerprobe für die Neuen

Die 70. Berlinale startet. Doch schon jetzt ist abzusehen: Es wird ein schwieriges Jahr - ein Großevent an einer Brache.

Sie erkundeten am Mittwoch die Aufbauarbeiten am Potsdamer Platz: Die neuen Berlinale-Chefs Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian.

Sie erkundeten am Mittwoch die Aufbauarbeiten am Potsdamer Platz: Die neuen Berlinale-Chefs Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian.

Foto: Maurizio Gambarini

Der rote Teppich ist ausgerollt, auch der Audi-Lounge-Klotz wurde bereits auf den Marlene-Dietrich-Platz gewuchtet. Sichtliche Zeichen, dass am Donnerstag die Berlinale eröffnet wird. Und die Stadt wieder elf Tage lang ganz im Zeichen der Bären steht.

Wobei die Ausgabe 2020 eine ganz besonders spannende wird: Zum einen kann das Festival Jubiläum feiern, die 70. Berlinale. Zum anderen aber steht eine Zeitenwende bevor. Nach 18 Jahren unter Dieter Kosslick ist dies das erste Festival der neuen Doppelspitze mit Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und Programmleiter Carlo Chatrian. Und ihnen muss hier nichts weniger als die Quadratur des Kreises gelingen.

Sie müssen sich programmatisch profilieren, um all die Berlinale-Kritiker zu befriedigen, die Kosslicks Filmauswahl der Vorjahre immer heftiger bekrittelt haben. Und zugleich müssen sie den Star-Standard halten, den man am roten Teppich gewohnt ist. Wahrlich keine leichte Aufgabe.

Berlinale findet dieses Jahr an einer öden Brache statt

Dann aber findet die 70. Berlinale auch noch auf einem Potsdamer Platz statt, der als weithin verödet bezeichnet werden muss. Vor 20 Jahren wurde hier ebenfalls eine Jubiläums-Berlinale gefeiert, und auch da kam man kaum dazu, das entsprechend zu zelebrieren. Weil es um den neuen Standort ging, den frisch eröffneten Potsdamer Platz, der die neue brodelnde Mitte der wiedervereinigten Stadt werden sollte.

Von diesem Versprechen ist nicht viel geblieben. Zahlreiche Anmieter der ersten Stunde sind längst wieder weggezogen, der Platz ist nur einer von vielen, und spätestens mit der nur wenige Hunderte Meter entfernten Mall of Berlin ist auch ein großer Teil der Shopping-Angebote weggefallen. Die Potsdamer Platz Arkaden wollen sich als Antwort darauf neu erfinden und werden erst mal saniert. Das heißt aber, dass fast alle Läden und auch die Imbissangebote im Keller bereits geschlossen haben.

Festival in einer leeren Einöde

Die Berlinale ist in diesem Jahr kein brummendes Zentrum der Stadt, sondern eher eine isolierte Insel, eine leere, wie aufgegebene Brache. Man darf durchaus bange fragen, ob sich unter diesen unattraktiven Bedingungen abends überhaupt Zaungäste einfinden werden, die am roten Teppich nach Festivalgästen spähen.

Oder ob die Berlinale 2020 nur ein Treff für Experten wird. Die dann auch noch schauen müssen, wo sie sich in dieser Einöde mal ausruhen oder verpflegen können. Aber auch die Festival-Akkreditierten werden vielleicht gar nicht so oft am Platz sein. Denn durch die Schließung der CineStar-Kinos ist dem Festival (wie auch der ganzen Stadt) ein wichtiger Kinostandort mit gleich acht Sälen verloren gegangen.

Der Gast wird öfter pendeln müssen

Ein Verlust, den man mit den Cubix-Kinos am Alexanderplatz notdürftig kompensiert. Das aber zwingt den Gast, nun öfter zwischen Potsdamer Platz und Alexanderplatz zu pendeln. Das sind durchaus keine kleinen Wege. Und sie werden auch noch dadurch erschwert, dass man am U-Bahnhof Potsdamer Platz Richtung Westen ja nicht aussteigen kann, weil auch hier gebaut wird. Die Jubiläums-Berlinale, keine Frage, findet unter besonders widrigen Umständen statt.

Das alles sind Dinge, für die die neue Festivalleitung natürlich nichts kann. Und mit denen sie sich doch in der letzten Zeit leidlich hat befassen müssen. Das fing schon mit dem Wegfall von Sponsoren ab, die man mit dem neuen Partner Magenta TV immerhin auffangen konnte.

Dass im Keller des Berlinale-Palasts nun auch noch die Striphsow „Magic Mike“ gastiert, kann man als kleines Kuriosum abtun, zumal man die Veranstalter immerhin überzeugen konnte, dass während des Festivals keine Vorführungen stattfinden und keine Hüllen fallen. Der Keller bleibt geschlossen, steht aber auch nicht zur Verfügung.

Rücksturz in die 60er-Ästhetik

Weshalb die Berlinale ihre Eröffnungsfeier diesmal nicht einfach im Berlinale-Palast feiern kann, sondern auf das Kulturforum schräg gegenüber ausweichen muss. Dass nun auch die dortigen Museen berlinale-technisch eingespannt werden, kann man durchaus als Coup verstehen. Aber ob wirklich alle Gäste nach dem Eröffnungsfilm den Fußweg über die Potsdamer Straße antreten werden, darf doch bezweifelt werden.

Fast kann einem die neue Berlinale-Spitze leid tun, dass sie sich mit solchen Widrigkeiten herumplagen muss. Und die Chefs haben ja seit ihrem Amtsantritt nicht immer ein glückliches Händchen bewiesen. Angefangen damit, dass Carlo Chatrian anfangs zumindest missverständlich erklärte, der Glamour gehöre nicht zur DNA der Stadt.

Auch mit den neuen Berlinale-Plakaten hat man wohl eher eine grafik-affine Minderheit der Stadt entzückt, die darin Anklänge an das Bauhaus erkennen mag. Während der Großteil darin eher einen Rücksturz in die Ästhetik der 60er-Jahre sieht. Statt das immer unübersichtlicher gewordene Programm deutlich zu entschlacken, hat Carlo Chatrian noch einen zweiten Wettbewerb „Encounters“ eingerichtet. Was nicht wenige auch als seltsame Konkurrenz zur Forums-Sektion verstehen.

Und dann war da noch die Bekanntgabe des Jurypräsidenten, die sehr spät kam (nur wenige Tage, bevor das Filmfest von Venedig seine Jurypräsidentin bekannt gab – für den September). Als ob man niemanden habe finden können. Und dann sind umgehend alte, frauen- und schwulenfeindliche Aussagen von Jeremy Irons wieder hochgekocht.

Von denen hat sich der 71-Jährige zwar schon vor Jahren distanziert. Aber bei der Auswahl ihres allerersten Jurypräsidenten hätte die neue Berlinale-Leitung – gerade im Hinblick auf die #MeToo-Debatte und den laufenden Prozess gegen Harvey Weinstein – doch etwas vorsichtiger agieren und besser recherchieren sollen.

Die 70. Berlinale wird ein Festival im Umbruch

In einem anderen Fall dagegen hat die Doppelspitze sehr schnell und richtig reagiert. Als jüngst veröffentlichte Quellen just vor dem Jubiläum die Frage aufwarfen, ob der Berlinale-Gründer Alfred Bauer doch deutlich stärker in die NS-Kulturpolitik verstrickt war als bislang angenommen, haben Rissenbeek und Chatrian den nach ihm benannten Alfred Bauer Preis für dieses Jahr ausgesetzt und durch eine neue, einmalige Trophäe, den „Silbernen Bären – 70. Berlinale“ ersetzt. Und sie haben das Institut für Zeitgeschichte mit einer unabhängigen Expertise beauftragt, um Bauers Position im NS-Bereich zu erforschen.

Von diesem Makel immerhin hat sich die Berlinale einstweilen befreit. Die sonstigen Widrigkeiten aber bleiben. Und es wird spannend sein, ob die Festivalstimmung das wett machen kann. Oder ob sie darunter leiden wird. So oder so: Die 70. Berlinale wird ein Festival des Umbruchs, inhaltlich wie strukturell. Ein solches Riesen-Event zu übernehmen, das wäre auch in ruhigeren Zeiten schon eine immense Herausforderung. So aber wird es zu einer wahren Feuertaufe für die neue Doppelspitze.