Berlinale-Kamera

Ulrike Ottinger: Mit der Bestie über den Kudamm

Am 22. Februar erhält Ulrike Ottinger eine Berlinale-Kamera und zeigt ihren neuen Film „Paris Calligrammes“. Wir haben sie getroffen.

Überall Bücher und Mitbringsel aus aller Welt, vieles aus dem Besitz ihres Vaters: Filmemacherin Ulrike Ottinger in ihrer Wohnung in Kreuzberg. Sven Darmer

Überall Bücher und Mitbringsel aus aller Welt, vieles aus dem Besitz ihres Vaters: Filmemacherin Ulrike Ottinger in ihrer Wohnung in Kreuzberg. Sven Darmer

Foto: Sven Darmer

Wenige Minuten von Ulrike Ottingers Kreuzberger Atelier entfernt wird seit gut zehn Jahren am Sri-Ganesha-Hindu-Tempel gebaut. Das oberste, golden schimmernde Drittel seines mit weißen Statuen besetzten Turmes strahlt ostwärts Richtung Hermannplatz, nach Westen bis zum Südstern.

Es wirkt ein bisschen, als würde die Ferne und eine in ihr verwurzelte Kultur nun jener Künstlerin entgegenkommen, die sich für Filme wie „Taiga“ und „Chamissos Schatten“ immer wieder in entlegene Winkel der Erde aufgemacht hat. Ottinger, die passionierte Entdeckerin, Regisseurin, Malerin und Fotografin wird am Sonnabend mit der Berlinale-Kamera geehrt und präsentiert zudem ihren neuen Film „Paris Calligrammes“.

Später Film der 77-Jährigen über ihre frühen Pariser Jahre

Mit einem freundlichen Lächeln bittet die mittlerweile 77-jährige gebürtige Konstanzerin in ihr Refugium, eine klassische Altbauwohnung, mit gepflegten Dielen und weißem Stuck. Die Schuhe dürfen anbehalten werden. Nur einen Teppich möge man bitte mit Nässe und Schmutz verschonen. Über den schwarzen, komplett gefüllten Bücherregalen halten Dutzende Holzmasken und Statuen Wacht. Es sind Mitbringsel aus aller Welt, zum Teil noch aus dem Besitz des Vaters, eines Kunst- und Dekorationsmalers, der beruflich oft in Afrika unterwegs war.

Ganz so weit musste sie für „Paris Calligrammes“ nicht reisen. Mit einem recht spielerischen Bezug auf Kalligramme, also literarische Texte, deren Gestaltung eine eigenständige künstlerische Aussage treffen, hat Ottinger ihre Pariser Jahre zu einer gut zweistündigen, faszinierenden Collage aus historischem und eigenem, neu gedrehten Material verdichtet.

Als Kind hatten sie die französischen Klassiker „Die Kinder des Olymp“ und „Die Schöne und die Bestie“ im Konstanzer Kino schwer beeindruckt. 1962, mit gerade mal 20, war sie dann Richtung Seine aufgebrochen, mit dem festen Vorsatz in Paris „eine berühmte Künstlerin“ zu werden.

Dort studierte sie Radiertechnik bei Grafiker Johnny Friedlaender, einem Überlebenden mehrerer Konzentrationslager in Deutschland und Frankreich. Entsprechend taucht Ottingers Film nun tief in das sprudelnde Künstlerleben rund um das Stadtviertel Saint-Germain-des-Prés ein. Zugleich erinnert er an vergessene Opfer des Nationalsozialismus und schildert, wie der Kampf um die Unabhängigkeit Algeriens in die Hauptstadt der einstigen Kolonialherren getragen wurde. Entsetzt über die bisweilen groteske Radikalisierung der ideologischen Linken, kehrte Ottinger 1968 Paris den Rücken. Fünf Jahre später wurde sie zur Filmemacherin.

Lesbisch-feministisches Piraten-Abenteuer

In der Mitte eines weiteren Zimmers baumeln zwei Turnringe von der Decke, auf Kopfhöhe. Aber so oft wie früher würde sie nun nicht mehr damit trainieren, schmunzelt Oettinger und verweist auf Hunderte wohlgeordnete, sauber von Hand beschriftete Schächtelchen und Kisten, in denen sie hier Bild- und Tonträger ihrer kaum zu zählenden Projekte archiviert.

In einem Regal stapeln sich Dias zu „Madame X – Eine absolute Herrscherin“. Dieses lesbisch-feministische Piratenabenteuer mit der ebenfalls aus Konstanz stammenden und äußerst vielseitigen Künstlerin Tabea Blumenschein in der Titelrolle, feierte 1978 seine Premiere im Rahmen der Berliner Filmfestspiele, aber im Forum.

Dessen damals noch offensiv betonte Unabhängigkeit vom sonstigen Berlinale-Programm führt nun auch zu der offiziellen Formulierung, ihr „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ sei 1984 Ottingers erster Berlinale-Beitrag gewesen.

Forum hin, Berlinale her, um das Filmschaffen hat sich Ulrike Ottinger allemal genug verdient gemacht, um nun am kommenden Sonnabend auch mit jener Kamera ausgezeichnet zu werden, die als Dankeschön an jene Persönlichkeiten geht, mit denen sich die Berlinale „verbunden fühlt“.

Eine Nacht mit Jean Marais

Nach einer persönlichen Erinnerung befragt, die Ottinger ihrerseits mit der Berlinale verbindet, schließt sich der Kreis zu ihrer Kindheit. 1985 stand Jean Marais, der Hauptdarsteller in Jean Cocteaus Märchenfilm „Die Schöne und die Bestie“, als Präsident der Berlinale-Jury vor. Ottinger traf ihn auf einem der legendären, feucht-fröhlichen Mitternachts-Soupers in der Privatwohnung des damaligen Festivalchefs Moritz de Hadeln. „Wir saßen uns gegenüber und haben uns die ganze Zeit unterhalten.“

Ottinger arbeitete gerade an dem Drehbuch ihres späteren Berlinale-Wettbewerbsbeitrags „Johanna d’Arc of Mongolia“. „Im Lauf dieses Gesprächs,“ erzählt sie beschwingt, „entwickelte ich die Geschichte eines russischen Offiziers, der mit der transsibirischen Eisenbahn reist. Marais war begeistert und sagte: Ich mach’ das.“

Fünf Mal die Meile rauf und runter

Letztlich sollte aus dieser Rolle nichts werden. Aber ein paar Stunden später fuhr sie den großen französischen Schauspieler noch nach Hause. „Auf der einen Seite des Kudamms ging bereits die Sonne auf. Über der anderen stand riesengroß der Mond.“ Davon war auch Marais so begeistert, „dass wir fünf Mal den Kudamm rauf und wieder heruntergefahren sind".

Sollte Ulrike Ottinger noch den Wunsch verspüren, eine Fortsetzung von „Paris Calligrammes“ über ihre Jahre in Berlin zu drehen, dürfte diese Szene auf keinen Fall fehlen.

„Paris Calligrammes“ läuft als Berlinale Special am 22. 2. um 16.15 Uhr im Haus der Berliner Festspiele, nach der Verleihung der Berlinale Kamera. Weitere Vorführungen: 23.02., 17 Uhr, Thalia Potsdam und 24.02., 12.30 Uhr im Cubix 6.