Berlinale

Mario Adorf: „Ich möchte einfach weg sein“

Mario Adorf über seine letzte Bühnentournee, über Abschiede ganz allgemein – und wie er über den Tod und das Sterben nachdenkt.

Noch einmal geht er auf Tournee, dann war’s das, zumindest auf der Bühne: Mario Adorf.

Noch einmal geht er auf Tournee, dann war’s das, zumindest auf der Bühne: Mario Adorf.

Foto: Reto Klar

Berlin. Vor der Kamera steht er seit über 60 Jahren. Auf der Berlinale stellte Altstar Mario Adorf nun aber einen Film vor, der ihn mal ganz anders zeigt. „Es hätte schlimmer kommen können“ ist eine Dokumentation über ihn, bei der er noch mal all die Stätten seines Lebens aufsucht. Und in der man ihn auch beiVorbereitungen zu seiner letzten Bühnentournee „Zugabe“ sieht, die ihn am 22. Mai auch in den Berliner Admiralspalast führen wird. Wir trafen den äußerst eloquenten 88-Jährigen im Hotel Bristol Berlin.

Berliner Morgenpost: Wie ist das, einmal einen Film über sich zu sehen? Wo man mal keine Rolle spielt, sondern als man selbst zu sehen sind?

Mario Adorf: Ja schon, ich bin ja nicht der Darsteller, sondern der Dargestellte. Ich werde gezeigt. Ich habe auch nicht Mario Adorf dargestellt, hatte das zumindest nicht im Sinn. lch weiß nicht, ob mir das gelungen ist. Das ist keine Rolle, die man ausfüllt. Da erlebt man sich plötzlich ganz anders auf der Leinwand. Auch nicht nur im Positiven. Da ist auch ein bisschen Scham. Und Unzufriedenheit. Aber das muss man bei einem solchen Film aber über sich ergehen lassen.

Im Film geht es auch um Ihre Tournee „Zugabe“, die Sie im Mai auch nach Berlin führen wird. ist das wirklich eine Abschiedstournee?

Ja, so sehe ich es. Ich wollte gar nicht mehr, ich wurde aber überredet, es noch einmal zu machen. Ich bin gerade noch bei der Konzeption, was da alles „zugegeben“ werden soll. Aber das soll wirklich meine letzte Bühnendarbietung sein. Das ist keine Werbemasche. Schon das Theaterspielen habe ich vor 15 Jahren ganz bewusst und konsequent aufgegeben. Das ist mir nicht schwer gefallen. Ich glaube, es wird mir auch diesmal nicht schwerfallen.

Und ist das ein Abschied nur von der Bühne. Oder denken Sie auch sonst ans Aufhören? Könnten Sie sich ganz aufs Altenteil zurückziehen?

Bei FIlm und Fernsehen ist es immer noch einfacher, dieses Türchen offen zu halten. Wenn noch eine schöne Rolle kommt, warum soll ich sie nicht spielen? Solange es noch geht. Und solange ich noch gehen kann. Wenn ich mir keine Texte mehr merken könntete oder mich vor die Kamera schleppen müsste, würde ich lieber ganz aufhören. Dann lieber ein würdiger Abschied.

Ist Filmen eine Art Lebenselixier, was Sie jung hält?

Jung? Nun ja. Aber die Aussicht, dass man noch was leisten kann, ist schon ein gutes Gefühl. Das beflügelt einen. Es zwingt einen aber auch immmer zur kritischen Selbstbeotachtung: Kannst du das auch noch?

Für den Dokumentarfilm fuhren Sie noch mal an die Stätten Ihres Lebens zurück. Wie war das für Sie?

Das geschah natürlich nicht ohne Wehmut. Nicht, dass es mich melancholisch gemacht hätte. Aber es hat schon eine gewisse Wirkung. An manches erinnert man sich gar nicht mehr so. Da waren auch Dinge dabei, die hätte ich vielleicht weggelassen. Da setzt dann immer die kleine Kritik an. Typisch für Schauspieler.

Sie haben selbst schon mehrere autobiografische Schriften veröffentlich. Ist das noch mal anders, wenn ein Filmemacher einen dabei begleitet und sich vielleicht ein ganz anderes Bild von Ihnen macht?

Unbedingt. Ich habe schon den Verdacht, das ich in diesem Film ein anderes Bild von mir vermittele, als ich es selber habe. Man hatte mir früher ja schon oft angeboten, dass ein anderer für mich schreibt. Einmal bin ich auch leider darauf eingegangen. Das hat sich nicht als richtig erwiesen. Deshalb ist es ein bisschen schwierig, einen Film zu sehen, der ja vielleicht auch das Richtige sein könnte. Und nicht das, was ich mir einbilde. Diese Sicht muss man auch zulassen.

Was auffällt: Sie treffen sich im Film mit vielen Weggefährten. Aber eine tritt nie auf: Ihre Frau Monique. Mag sie den Öffentlichkeitsrummel nicht? Oder wollen Sie sie schützen?

Sie wollte da nie reingezogen werden. Sie hat sich auch nie für mich als Schauspieler interessiert. Sie spricht auch kein Deutsch, das war immer ein Hindernis, sie in die Arbeit einzubeziehen. Das wollte sie aber nie, und ich wollte das eigenltich auch nicht. Ich habe das bei vielen Kollegen eher als negativ empfunden, wenn die Frau im Hintergrund die Fäden zog. Vielleicht ist das auch ein Geheimnis unserer Beziehung das wir das so trennen. Der Beruf ist meine Domäne, während ich ihr weitgehend unser Privatleben bestimmen lasse.

Sie sind jetzt 88 Jahre alt. Denkt man da über die eigene Endlichkeit nach?

Ja sicher. Das ist unvermeidlich. Weniger über den Tod. Der ist eine Tatsache, die für mich, der ich ja nicht gläubig bin, auch eine Endgültigkeit hat. Ich glaube nicht, dass da noch was kommt. Aber man macht sich natrülich Gedanken über das Sterben. Wird dir eine schwere Krankheit zuteil werden, wirst du leiden müssen? Darüber denke ich schon nach, nicht täglich, aber doch zunehmend.

Sie sind so oft gestorben im Film. Was wäre für Sie der schönste Tod?

Also, wie Molière auf der Bühne sterben, das geht ja schon mal nicht mehr. Natürlich würde ich mir einen schmerzfreien Tod wünschen. Aber ein sanftes Entschlafen und meine Frau wacht dann neben einem kalten Körper auf, das wäre nicht mein Wunsch. Ich würde es gerne bewusst miterleben. Das hat vielleicht schon wieder mit dem Beruf zu tun, der ewige Zwang des Schauspielers, sich beobachten zu müssen.

Und was wäre, wenn Sie eine schewere Krankheit befällt?

Aslo ich würde mich nicht wegmogeln, wenn es nicht schön wird. Ich würde nicht in die Schweiz fahren, um mich einschläfern zu lassen. Ich würde auch keine Pille nehmen, um dem zu entfliehen. Ich würde das Sterben schon so akzeptieren, wie es mir widerfähhrt.

Machen Sie sich auch Gedanken über die eigene Bestattung? Oder überlassen Sie das getrost den anderen?

Da hört es bei mir wirklich auf. Ich habe vor einem Jahr einen guten Freund von mir , Peter Berling, verloren. Der hat sich Jahre vorher schon ein Grab gekauft auf dem atheistischen Friedhof in Rom gekauft, wo viele berühmte Leute liegen. Hat selbst seinen Grabstein entworfen und zwei Sprüche dafür ausgewählt. Da musste am Ende nur noch das Datum eingraviert werden. Über eine Grabstätte, an die man womöglich hinpilgern könnte, verschwende ich keinen Gedanken. Meine Mutter hat sich im Meer bestatten lassen. Sie wollte weg sein. Das empfand ich damals als sehr bitter. Aber ich habe viel darüber nachgedacht, am Ende hatte dieses Wegseinwollen meiner Mutter eigentlich ganz eingeleuchtet und gut gefallen.

Man sieht Ihnen Ihr Alter nicht an. Wie halten Sie sich fit?

Ich mache nichts Besonderes. Kein Fitnessprogramm, kein Seniorenprogramm. Ich hüpfe nicht, ich tanze nicht. Wenn ich am Meer bin, gehe ich immer noch schwimmen. Auch wenn die Zeiten da immer kürzer werden. Ich versuche auch etwas gesünder zu essen. Aber ich bin kein Kalorienzähler. Ich glaube, ich habe einfach gute Gene.

Sie haben in Ihrem Leben so viele Preise bekommen. Haben Sie eigentlich je gezählt, wieviele das sind?

Ein paar die noch übrig geblieben sind, stehen in der einen oder anderen Ecke. Einige sind weg, da weiß ich gar nicht, wo die hingekommen sind. Ein paar habe ich in meinem Vorlass gelassen, wie man ja heute sagt, bei der Akademie der Künste hier in Berlin. Ich will jetzt nicht undankbar sein, aber Preise waren für mich nie das Ziel, nie etwas, was man haben muss. Die waren wirklich nur Zugabe, das Sahnehäubchen auf dem Erfolg. Deshalb ich sie auch nicht gesammelt und einen entsprechenden Platz gegeben. Letztlich ist mir gleich, was mit ihnen passiert.

Seit letztem Jahr wird auf den Wormser Festspielen auch einen Mario Adorf Preis, der mit 100.000 Euro dotiert ist. Wie ist das, nicht der Ausgezeichnet zu sein, sondern der Namenstifter zu sein?

Eigentlich wollte ich nicht, dass der Preis nach mir benannt wird. Ursprünglich sollte das ein Gläserner Drachen sein, und das ist er für mich letztlich auch noch. Es schmeichelt mir nicht besonders, wenn ein Preis nach mir benannt wurde. Es gibt genug solche Preise, ich denke immer, muss das wirklich sein? So wichtig sollte man sich nicht nehmen.

Gibt es nach all Ihren Rollen, die Sie in 60 Jahren gespielt haben, eigentlich noch eine, die Sie unbedingt noch spielen möchten?

Eigentlich nicht. Wäre ich ein reiner Theaterschauspieler geblieben, hätte ich mir vielleicht den Shylock oder den Lear gewünscht. Aber das treibt mich nicht um. Aber wenn ich ein Buch lese und denke, aus der Rolle kann man was machen, dann bin ich gern dabei.

Und gab es die eine große Lieblingsrolle in Ihrem Leben?

Eigentlich nicht. ich hatte eine Rolle, die über Jahrzente als große, wichtige Rolle angesehen wurde: den Massenmörder Bruno Luedke in „Nachts, wenn der Teufel kam“: In den letzten Jahren stellte sich dann plötzlich heraus, dass dieser Mann kar mein Mörder war. Das war alles von den Nazis manipuliert, ein Opfer. Darauf kann ich nicht stolz sein, ich habe einen Menschen, der wirklich gelebt hat, zu einem ganz schlimmen Bild verholfen. Das geht mir sehr nach. Es treibt mich um, ob der Mann eine Rehabilitation bekommt. Aber weil er von den Nazis umgebracht wurde, ohne Prozess, kann die Justiz den Fall heute nicht mehr aufnehmen. Heute sehe ich nicht mehr, ob ich das toll gespielt habe, ich sehe nur noch diesen armen Kerl.

Termin „Zugabe“: Berliner Admiralspalast, 22. Mai, 20 Uhr.