Berlinale

Lass dich durchs Kaninchenloch fallen

Der Schauspieler Chiwetel Ejiofor legt sein Regiedebüt vor – und hat sich dafür ein mutiges Thema ausgesucht.

Hat durch seine Regierbeit auch als Schauspieler dazugelernt: Chiwetel Ejiofor auf der Berlinale.

Hat durch seine Regierbeit auch als Schauspieler dazugelernt: Chiwetel Ejiofor auf der Berlinale.

Foto: Andreas Rentz / Getty Images for Netflix

Die Geschichte ist so außergewöhnlich wie inspirierend. Der 13-jährige William Kamkwamba hat Anfang der 2000er-Jahre aus der Not heraus eine Windanlage für die Stromanlage des Dorfbrunnens seines malawischen Dorfes gebaut und wurde damit zum Volkshelden und Symbol für große Veränderung. Genau diese Geschichte hat sich Marvel-Star und Oscarpreisträger Chiwetel Ejiofor („Twelve Years a Slave“) für sein Regiedebüt ausgesucht. „Der Junge, der den Wind einfing“ ist ein berührendes Werk, dass im Berlinale Special läuft und im März auf Netflix zu sehen sein wird.

Wieso haben Sie sich für Ihr Regiedebüt gerade diese Geschichte ausgesucht?

Chiwetel Ejiofor: Schon das Buch von William hat mich gefesselt. Die Erlebnisse eines 13-Jährigen in Malawi zwischen absoluter Verzweiflung und Hoffnung. William erkennt nicht nur das Problem, er löst es auch. Das ist inspirierend. Dabei ist die Geschichte sehr vielschichtig, spricht unterschiedliche Kontexte an: den Klimawandel, die Folgen der Industrialisierung und den Zusammenhang von Bildung und Armut. Wir erzählen eine lokale Geschichte mit einer globalen Wirkung.

Immer mehr Filme basieren auf einer wahren Begebenheit. Woran liegt das?

Wahre Geschichten haben eine ganz eigene Kraft. Sie zeigen, wozu wir in der Lage sind. Sie repräsentieren das Beste der Menschheit. Die Leute suchen im Kino oft nach Geschichten, die sie motivieren. Geschichten, die größer sind als das Leben, die etwas über unsere globale Gesellschaft aussagen. Die Welt heute ist gespalten. Zumindest politisch. Populisten werden immer stärker. Die künstlerische Weltgemeinschaft versucht, dem etwas entgegenzusetzen. Mein Film ist mein kleiner, bescheidener Anteil.

War es für Sie als Regiedebütant wichtig, eine afrikanische Geschichte zu erzählen?

Irgendwie schon. Ich habe nigerianische Wurzeln, auch wenn das Leben in Nigeria natürlich ein anderes ist. Dennoch gibt es große Gemeinsamkeiten. Malawi hat, wie Nigeria, einen großen kulturellen und spirituellen Reichtum. Aber das Leben auf dem Land ist hart. Der Zusammenhalt der Gemeinschaft ist viel größer, als wir uns das in unserer westlichen Welt vorstellen können. Hier werden Werte gepflegt, die es bei uns schon nicht mehr gibt.

Wie schwierig war es, vor Ort zu drehen?

Wir waren der erste Film solchen Ausmaßes in Malawi. Allein die Logistik war kompliziert. Das Equipment kam aus Johannesburg in Südafrika und Nairobi in Kenia. Wir hätten es auch einfacher haben und woanders drehen können, aber das wollte ich nicht. Mir war es wichtig, die Geschichte an dem Ort spielen zu lassen, an dem sie auch stattgefunden hat. Mit all den Widrigkeiten, durch die William durchmusste und dann symbolisch auch wir. Der Dreh an sich war chaotisch, viel hat sich verzögert, und wir mussten improvisieren. Aber das gehört einfach dazu. Ich möchte die Erfahrung nicht missen.

Sie führen nicht nur Regie, Sie spielen auch Williams Vater. Wie war es, sich selbst Regieanweisungen zu geben?

Ich war der beste Regisseur, mit dem ich je gearbeitet habe. (lacht) Nein, im Ernst, ich habe versucht, nicht darüber nachzudenken. An sich ist das sehr kompliziert, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass meine Beziehung zu Maxwell, der die Hauptrolle spielt, immer besser wurde. Ich war sein Regisseur und sein Vater. Aber als Regisseur und als Schauspieler habe ich mich jeden Tag aufs Neue infrage gestellt.

Hat Ihre Arbeit als Regisseur Ihre Arbeit als Schauspieler beeinflusst?

Definitiv. Ich habe jetzt ein viel besseres Verständnis dafür, was Regisseure wirklich wollen und brauchen. Nicht unbedingt am Set, aber definitiv im Schnitt. Der Schnitt ist fast komplizierter als der Dreh. Jede Entscheidung hat immense Auswirkungen auf den Film. Und das beeinflusst mein Spiel. Denn ich will dem Regisseur möglichst viel unterschiedliches Material anbieten.

Der Film ist eine Fabel. Sie spielten schon in „Maleficent“ und „Der König der Löwen“. Haben Sie ein Faible für Märchen?

Mir scheint, Sie haben recht. Irgendwie scheine ich immer wieder auf diese Art von Drehbüchern zu reagieren. Diese Idee von „Alice im Wunderland“: durchs Kaninchenloch zu fallen und diese unterschiedlichen Welten zu erkunden. Darin liegen die Kraft des Kinos und die der Schauspielerei.

Hier auch?

Oh ja. Wir fallen hier zusammen mit William durchs Kaninchenloch und finden uns in dieser fremden Welt wieder, sind dabei, wie er versucht das Wasserproblem seines Dorfes zu lösen. Der Zuschauer wird Teil der Dorfgemeinschaft. Er kann ihm zwar nicht helfen, aber er drückt ihm die Daumen. Wenn ein Film so etwas auslöst, hat er alles richtig gemacht.

War der Film von Anfang an als Netflix-Produktion angelegt?

Nein. Als ich mit dem Drehbuch begann, war mir gar nicht klar, wie speziell der Film wird. Irgendwann merkte ich dann, dass wir vielleicht nicht in jedem Kino laufen werden. Filme eines solchen Kalibers sind für ein kleineres Publikum. Aber den Film wollte ich genauso machen. Auf einmal eröffnete sich die Möglichkeit der Streaming­anbieter. Für unsere kleine Geschichte ist das eine wunderbare Chance.