Netflix-Produktion

„Elisa y Marcela“ - Eine Liebe, die nicht sein darf

Ein echter Aufreger – eine Netflix-Produktion im Wettbewerb: Isabel Coixets Liebesfilm „Elisa y Marcela“.

Wollen ihre Liebe leben und sich den Traum vom unabhängigen Leben erfüllen: Elisa (Natalia de Molina, l.) und Marcela (Greta Fernández).

Wollen ihre Liebe leben und sich den Traum vom unabhängigen Leben erfüllen: Elisa (Natalia de Molina, l.) und Marcela (Greta Fernández).

Foto: Quim Vives / Netflix

Berlin. Zur Festivalmitte ist die Berlinale plötzlich in Netflix-Hand. Erst zeigte Chiwetel Ejiofor sein Regiedebüt als Special. Dann folgte Isabel Coixets Drama „Elisa y Marcela“, der auch och im Wettbewerb lief, was Kinobetreiber auf die Barrikaden brachte. Erst forderten sie in einem offenen Brief, den Film zumindest außer Konkurrenz zu zeigen. Zur Galapremiere am Mittwoch protestierten sie dann mit „Kino- statt Stream-Festival“ am roten Teppich direkt vor Coixet und Dieter Kosslick. Die Berlinale blieb aber bei ihrem Standpunkt: In den Wettbewerb kommt jeder Film, der in einem Land ins Kino kommt. Eine Regel, die es übrigens schon gab, als Netflix noch kein Thema war.

Es ist allerdings nicht ohne Ironie, dass es in Coixets Film um einen „Drag-King“ geht, um eine Frau also, die sich als Mann ausgibt. Das ist doch eine sinnige Metapher für eine Netflix-Produktion, die ein Kinofilm sein will. Quasi ein „Drag-Film“. Dabei richtet sich die Kritik der Kinobetreiber nicht gegen Coixets Drama. Und das hätte es als Kinofilm wohl auch nie gegeben, weil das Thema für die Finanziers zu „speziell“ war.

Es geht um eine verbotene Liebe. Nachbarn werfen verächtliche Blicke, Waschweiber tratschen über sie, manche werfen sogar Steine nach ihnen. Alle im Dorf raunen, dass die beiden Frauen, die die Schule leiten, nicht nur den Tisch, sondern auch das Bett teilen. Etwas, was in Spaniens engstirniger, katholischer Provinz um 1900 undenkbar ist. So zieht Elisa (Natalia de Molina) fort. Monate später heißt es, sie sei im fernen Kuba gestorben. Dafür kommt ihr Neffe Mario ins Dorf, der ihr wie aus dem Gesicht geschnitten gleicht, und ehelicht Marcela (Greta Fernández). Aber die Gemüter beruhigt das keineswegs. Das sei, so wird gemunkelt, eine „Ehe ohne Mann“. Und bald kann man das unter ebendiesem Titel sogar in der Zeitung lesen.

Die Regisseurin musste zehn Jahre für ihren Film kämpfen

„Elisa y Marcella“ basiert auf einer wahren Geschichte, der von Elisa Sánchez Loriga und Marcela Gracia Ibeas, die sich 1901 in einer Kirche in Coruña das Jawort gaben. Im Abspann ist das echte Hochzeitsfoto zu sehen, die eine im Kleid, die andere im Herrenanzug. Eine revolutionäre, frühe Form von sexueller Befreiung, ein Leben gegen jede Konvention, als Begriffe wie sexuelle Identität oder schwule Ehe noch nicht einmal Zukunftsmusik waren.

In eindringlichen Schwarz-Weiß-Bildern und mit großem Einfühlungsvermögen erzählt die spanische Regisseurin von der Liebe, die nicht sein darf, und zeigt dabei auch eindringlich die Engstirnigkeit der Gesellschaft auf, die vor allem die Engstirnigkeit der Männer ist und unter der alle Frauen leiden. Mit Wagemut und auch Trotz versuchen die beiden, diesen Bann zu durchbrechen, fliehen dafür sogar nach Portugal. Aber als ihre Geschichte sich selbst dort herumspricht, schreitet die Justiz ein. Transvestismus, Blasphemie und Dokumentenfälschung, so lautet die Anklage. Spanien verlangt die Auslieferung. Die Frauen landen im Gefängnis, wo sie – welch trauriges Sinnbild – das erste Mal so etwas wie eine Solidarität unter Frauen erleben.

„Elisa y Marcela“ ist ein stiller, fein beobachteter Film der Regisseurin, die schon mit mehreren Beiträgen auf der Berlinale vertreten war, zuletzt erst im vergangenen Jahr mit „The Book­shop“. War der eher ein süßliches Melodram, kehrt sie hier zu alter Wucht zurück. Zum Thema wird ihr Film nicht nur durch die Frauenliebe, sondern überhaupt durch die Revision von Frauenbildern, die im Kino dank der „MeToo“-Debatte noch mal völlig neu diskutiert werden.

Aber leider wird das, auch durch den Protest der Kinobetreiber, nun durch ein ganz anderes Thema verdrängt: dass es eben ein Netflix-Film ist. Eine Produktion jenes Streamingdienstes, der nicht nur dem Fernsehen, sondern auch dem klassischen Kino Konkurrenz macht. Soll man, darf man da überhaupt Netflix-Filme zeigen? Das ist die Gretchenfrage der Filmfestivals. Nein, sagte Cannes. Und ignorierte alle Netflix-Einreichungen. Ja, sagte Venedig. Und zeigte sie alle. Jein, sagt die Berlinale: solange sie auch im Kino starten. Eine etwas lasche Haltung gegenüber einem Riesen, der seine Konkurrenz mittels rigider Rechtepolitik und Verwertungsstrategien diktieren will.

Die andere Wahrheit ist aber auch, dass immer mehr und selbst renommierte Regisseure klagen, dass sie ihre Projekte nicht finanziert bekommen, weil die Verleiher immer risikoscheuer werden. Selbst ein Martin Scorsese hat sich entschlossen, ein Herzensprojekt bei Netflix umzusetzen. Hollywoods Major Studios sollten sich schämen, der Streamingdienst darf sich die Hände reiben. Auch das Independent-Kino ist immer stärker betroffen. Isabel Coixet hat zehn Jahre gebraucht, um ihren Film finanziert zu bekommen. „Niemand hat sich dafür interessiert“, sagte sie am Mittwoch auf der Berlinale. Dennoch ist sie ganz unverdrossen ihren Weg gegangen. Wie die beiden Frauen den ihren in diesem Film.

Termine: Freitag, 12 Uhr Friedrichstadt-Palast, 19.30 Uhr Haus der Berliner Festspiele; 17.2., 21.30 Uhr Berlinale-Palast