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Iris Berben: „Ich bin zehn vor 70, ich darf das“

Während der Berlinale setzt Iris Berben strikt auf Alkohol- und Partyverzicht. Eine Zwischenbilanz in der zweiten Festival-Halbzeit.

Für Schauspielerin Iris Berben bedeuten zehn Tage Berlinale zehn Tage mit einem übervollen Terminkalender.

Für Schauspielerin Iris Berben bedeuten zehn Tage Berlinale zehn Tage mit einem übervollen Terminkalender.

Foto: Reto Klar

Iris Berben sitzt auf einem Sofa im Hinterzimmer des „Cafés by L’Oréal Paris“ an der Uhlandstraße und ist die Ruhe selbst, während in der ganzen Stadt die Berlinale tobt. Make-up-Artist Philipp Koch Verheyen tupft der 68-Jährigen Pflege auf die Lippen und richtet einzelne Haarsträhnen, dann kann das Interview beginnen.

Berben ist die Grande Dame des deutschen Kinos, eine der wenigen ganz großen nationalen Stars, aber auch das hier gehört zu ihrem Beruf. Als Gesicht des Kosmetikriesen absolviert sie während der internationalen Filmfestspiele neben branchenrelevanten noch zusätzliche Termine im Auftrag der Schönheit.

Wie ist Ihr allgemeines Wohlbefinden in der Mitte der Berlinale?

Iris Berben: Wirklich gut. Ich war gerade erst im Urlaub und bin sehr erholt in diese Berlinale gegangen. Ich habe mir eine Auszeit genommen, ich wusste ja, es wird ereignisreich.

Ist die Berlinale für Sie mehr Arbeit oder Vergnügen?

Ich liebe die Berlinale. Ich mag diese Zeit in Berlin, weil man spürt, dass es ein Publikumsfestival ist. Wenn man an den Kinos vorbeiläuft und sieht, wie die Leute um Karten kämpfen, geht das Herz eines jeden Filmschaffenden auf. Für diese Leute machen wir das. In Cannes oder Venedig ist man sehr in seinem eigenen Kosmos, die Straßen sind abgesperrt. Hier ist man mittendrin.

Aber Sie lieben auch den Glamour? Den roten Teppich?

Ich mag den Glamour und den roten Teppich. Ich finde, das gehört dazu. Manche Menschen halten das allerdings für meinen Beruf. Es ist aber tatsächlich eine schöne Gelegenheit, die getane Arbeit zu präsentieren. Sich selber schön zu präsentieren. Früher gab es das so in Deutschland nicht. Da waren Cannes und Venedig die glamourösen Festivals, in Berlin waren wir eher die kleine Schmuddelecke. Dieter Kosslick hat das sehr verändert. Die internationale Aufmerksamkeit tut uns gut.

Haben Sie eine Roter-Teppich-Routine?

In meinem Beruf versuche ich generell, keine Routine aufkommen zu lassen. Aber bevor ich auf den roten Teppich gehe, weiß ich heute natürlich, dass ich in guten Händen bin. Ich werde geschminkt und fertig gemacht, sodass mir kein Fauxpas passieren kann wie vielleicht privat. Eine andere Routine ist, dass ich die zehn Tage strikt ohne Alkohol durchhalte. Das fällt mir überhaupt nicht schwer, außer ich bin zu einem Dinner eingeladen. Ein schönes Essen ohne Wein, da fehlt schon ein Stück des Genusses. Wenn ich auf einem roten Teppich erwartet werde, weil beispielsweise Sponsoren da sind, mache ich die Fotos und bin eine halbe Stunde später durch den Hintereingang wieder weg. Die Partys mache ich nicht mit. Ich bin zehn vor 70, ich darf das.

Das klingt sehr diszipliniert.

Disziplin ist ein sehr wichtiger Teil meines Berufes. Ich muss ja auch zu Dreharbeiten gut vorbereitet kommen, wenn ich mich einmal nicht so fühle. Das ist eine Form des Korsetts, die ich für sehr gut halte. Diese Disziplin sollte man bei so einem Marathon wie der Berlinale haben. Das kann man sich antrainieren. Ich versuche natürlich, genug Schlaf zu bekommen. Aber ich glaube auch, es macht mich attraktiv, wenn ich gut gelaunt zu einer Veranstaltung gehe. Wenn etwas mal nicht so meins ist, mache ich mir bewusst, dass ich in einer sehr privilegierten Situation bin. Ich halte die innere Einstellung auf dem roten Teppich für sehr wichtig.

Sie haben keinen Stylisten und sind meist sehr dezent geschminkt. Braucht es für Sie wenig äußere Maßnahmen, um sich in einer solchen Situation wohlzufühlen?

Vielleicht liegt es daran, dass ich seit 50 Jahren beruflich geschminkt werde. Ich glaube, ich habe mich als junger Mensch viel mehr geschminkt als heute. Jetzt habe ich ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Das ist eben das, was da ist. Wenn man jung ist, versucht man durch Make-up eine Menge zu verstecken. Man fürchtet sich vor der Nacktheit. Wenn das Selbstverständnis nicht auch ein bisschen wächst, ist es eine mühsame Arbeit, wenn man so öffentlich ist.

Können Sie sich erinnern, in welchem Alter das passiert ist, dass Sie sich so wohl mit sich selber fühlten?

Die 40 war eine ganz gute Zahl. Aber mein Beruf ist auch einer, in dem man nie ankommt oder fertig ist. Bei jeder Rolle steht man wieder vor einem Berg, den man Angst hat zu erklimmen. Man möchte etwas Neues abliefern und sich eben nicht auf seine Routine verlassen.

Sie haben Angst vor jeder neuen Rolle?

Ja. Also vielleicht nicht Angst, aber Respekt. Jedes Mal lasse ich mich wieder auf neue Menschen und deren Sicht auf mich ein. Als junger Mensch habe ich viel gesucht und anderen nachgeeifert. Und irgendwann war der Punkt da, wo ich gemerkt habe: Das ist das Material, mit dem ich umgehen muss. Das heißt nicht, dass ich mich nicht mehr weiterentwickle, aber ich möchte kein anderer mehr sein. Das macht angstfrei.

Gibt es etwas, worum Sie jüngere Kolleginnen beneiden?

Vielleicht ein bisschen darum, dass die neue Generation heute ein ganz anderes Selbstbewusstsein hat. Ich habe in den 60er-Jahren angefangen. Wir hatten damals eine Spielwiese, auf der wir unbeobachtet waren. Wir konnten fallen und peinlich sein. Und das muss man ja auch. Das gehört zum Wachsen dazu. Heute wird alles beobachtet. Mich würde das beengen. Auf der anderen Seite haben die jungen Kolleginnen heute von Anfang an Stylisten, Presseagenten, Manager … Deshalb üben sie ihren Beruf mit einer ganz anderen Sicherheit aus. Und manchmal denke ich: Was für Rollen es alles noch gibt, ich hätte auch gerne noch 40 Jahre vor mir. Aber das ist kein Neid. Nur ein klitzekleines bisschen Wehmut. Weil der Beruf so schön ist. Und weil wir Frauen heute ganz anders wahrgenommen werden.

Und es damit mehr Möglichkeiten gibt?

Natürlich. Für eine Schauspielerin mit 40 gab es doch früher nur noch das Muttchen. Der Kampf ist noch lange nicht zu Ende, wir werden immer noch nicht gleich bezahlt, die Machtstrukturen sind immer noch in einer Schieflage. Aber wir sind auf einem guten Weg. Die Plattform für spannende Frauenfiguren jeden Alters ist da.

Maria Furtwängler hat mit ihrer Stiftung gerade eine Studie veröffentlicht mit dem Ergebnis, dass junge Frauen sich in sozialen Medien immer noch viel sexualisierter darstellen als Männer. Sind Sie froh, dass Ihnen das erspart geblieben ist?

Oh ja. Obwohl mein Weg natürlich auch nicht frei davon war. Aber wir müssen in den sozialen Medien darauf hinarbeiten, dass Individualität als Kraft und Stärke gilt. Das macht Frauen zu Schönheiten. Wir haben früher die großen Hollywood-Diven bewundert. Aber die waren unerreichbar. Heute sind wir als Schauspieler viel näher dran an den Menschen. Das ist auch eine Verantwortung, Frauen zu sagen: Versuch nicht so zu sein wie jemand anderes.

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