Filmfestspiele

Berlin-Serie "8 Tage" wird auf Berlinale gezeigt

Schauspielerin Christiane Paul über die Endzeit-Serie „8 Tage“ – die auch eine Metapher auf die EU-Krise ist.

Schauspielerin Christiane Paul begrüßt es, dass sich die Berlinale für neue Formate öffnet und Serien zeigt.

Schauspielerin Christiane Paul begrüßt es, dass sich die Berlinale für neue Formate öffnet und Serien zeigt.

Foto: Reto Klar

Was würden Sie tun, wenn in acht Tagen die Erde untergeht? Oder zumindest Westeuropa? Das ist ein Horrorszenario, das Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky („Die Fälscher“) in seiner Berlin-Serie „8 Tage“ durchspielt: Jede Folge steht für einen dieser Tage, und die Sky-Produktion malt die Apokalypse und Anarchie so konsequent aus, wie sich das kein öffentlich-rechtlicher Sender trauen würde. Auf der Berlinale werden die ersten zwei Folgen in der Sektion Berlinale Series gezeigt, als einziger Serienbeitrag aus Deutschland. Wir trafen Christiane Paul, die darin mitspielt – und von dem Stoff Albträume bekam.

Was für eine verstörende Serie! Wie sind Sie da reingekommen?

Christiane Paul: Als ich die Bücher gelesen habe, haben die mich sofort reingesaugt. Sowas passiert wirklich selten. Allein das Buch zu lesen, war so spannend. Ich musste alle Folgen durchlesen, weil ich wissen wollte, wie das endet. Nachts hatte ich dann plötzlich Albträume davon. Die Geschichte hatte mich also bis in den Schlaf verfolgt.

Greift einen so ein Thema anders an als andere Filmstoffe?

Die Dreharbeiten und die Vorbereitungen darauf haben mich schon sehr in Anspruch genommen. Ich war irgendwie in einem permanenten Ausnahmezustand, es gab nicht eine normale, entspannte Szene, wir standen dauernd unter existentiellem Druck. Gefühlt mussten wir jeden Tag einen Nervenzusammenbruch spielen. Wenn du ständig in so einer Daueranspannung agierst, nimmt dich das so mit, irgendwann ist man dann völlig ausgepowert. Zum Nachdenken kommst du da nicht.

Dennoch: Denkt man bei so einem Stoff, so abstrakt er auch sein mag, nicht automatisch, was man selbst machen würde?

Natürlich sind das Gedanken, die man sich machen muss. Und die Serie geht da ja auch sehr weit. Gleich im ersten Teil wird man in eine Flucht katapultiert, meine Figur ringt in Notwehr, weil ihre Familie erschossen werden soll, und dabei löst sich versehentlich ein tödlicher Schuss. Ständig musst du dich fragen: Was würdest du in so einer Situation machen? Wie weit würdest du gehen? Vielleicht wäre ich sogar noch weitergegangen, ich hätte meine Figur bewusst schießen lassen. So exis­ten­zi­ell bedrohlich war die Situation. Ich glaube schon, dass man in so einem Moment zum Tier werden kann und Dinge in einem zum Vorschein kommen, von denen man nichts geahnt hat. Am Ende sind wir nicht so weit gegangen. Aber allein eine Familie auf der Flucht zu zeigen, die, um zu überleben, die Heimat verlassen muss, die Schleusern Geld dafür gibt – das sind alles Dinge, die wir aus den Nachrichten kennen, die aber für uns in Europa keine Rolle spielen.

Die Flucht geht nach Osten. In der Realität geht die Fluchtbewegung ja in die andere Richtung. Das war vermutlich von Anfang an die Idee?

Klar, die totale Umkehrung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Da lacht der Schleuser und fragt, was er mit Euro soll. Er will Rubel haben! Mitteleuropa ist verloren, man versucht irgendwie in den ehemaligen Ostblock zu kommen, und Russland wird plötzlich zum gelobten Land. Die Amerikaner scheinen kurz die Rettung zu sein, machen dann aber total dicht.

Kann man die Serie auch als Metapher auf die erodierende EU ansehen?

Es ist schon so, dass man immer öfter denkt, die EU, die lange als gesetzt und intakt galt, löst sich langsam auf. Frankreich hat seine eigenen Probleme, der Süden ist pleite, der Südosten hat mit Korruption zu kämpfen, im Osten sind die Rechts-Nationalen an der Macht. Deutschland versucht das alles irgendwie noch zusammenzuhalten. Und England ist raus! Ich habe vor drei Jahren in Manchester eine Serie gedreht, die fanden das interessant, mit „denen aus Europa“ zu drehen. Da war das Denken schon so weit, und dann kam mitten in den Dreh hinein die Abstimmung über den Brexit. Das Team war völlig fertig.

Was glauben Sie, ist Europa gegen politische Meteoriteneinschläge gewappnet?

Wir müssen das überstehen. Vielleicht ist der Brexit jetzt auch eine Chance, dass Europa wachgerüttelt wird, um wieder zusammenzufinden. Nur so können wir gegen die USA oder China konkurrieren. Der europäische Gedanke ist immer noch nicht stark genug, nach all der Zeit. Umso wichtiger ist es zu begreifen, dass wir nur zusammen stark sind. Wenn man Polen oder Ungarn mit ihren populistischen Regierungen sieht, kann man aber schon daran zweifeln.

Alle drehen jetzt Serien. Serien sind das neue Kino. Auch wenn das erst mal heißt, dass alle gut zu tun haben: Trägt man da nicht aktiv zum Ende des Kinos bei?

Ich gebe zu, ich schaue auch gern mal wieder Kinofilme, die nach zwei Stunden zu Ende sind. Serien machen süchtig, die guckt man so durch. Und am Ende gibt es einen Cliffhanger, und man muss ewig auf eine zweite Staffel warten. Ich bin mir da noch nicht so recht im Klaren, was mir das gibt und wie mich das innerlich füllt. Obwohl es da wirklich gute Sachen gibt. Serien sind erst mal ein tolles neues Format, um tiefgründig, horizontal und formal anders zu erzählen. Und die trauen sich eben was. Die erzählen Geschichten, die wir gerade sehen möchten, die aber das lineare Fernsehen lange nicht angeboten hat. Und die man leider auch im Kino immer seltener findet.

So wie „8 Tage“ ja wahnsinnig weit geht.

„8 Tage“ durfte bei Sky bis zum bitteren Ende extrem erzählt werden, das wäre so beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen sicher nicht möglich. Es gibt allerdings schon so viele Serien, dass jeder eine andere guckt – und keiner mehr einen Überblick hat. Es gibt immer mehr Nischen, nicht mehr das große gemeinsame Lagerfeuer. Es wird spannend sein, zu beobachten, ob diese zunehmende Vereinzelung auch was mit der Gesellschaft macht.

Ist es seltsam für Sie, mit einer solchen Serie auf einem Filmfestival vertreten zu sein?

Nein, das finde ich eine gute Entscheidung der Berlinale. Auch Serie ist ein filmisches Erzählen. Und es ist nur zeitgemäß, den Festivalmarkt dafür zu öffnen. Netflix hat jetzt allein für „Roma“ zehn Oscar-Nominierungen, das zeigt, dass sich dieser Filmpreis auch einem Film öffnet, der nicht im Kino läuft. Und da ist ja sowieso alles im Umbruch. In den USA hat Disney Fox aufgekauft und plant eine eigene Plattform, Warner macht das auch. Da vermischen sich die Formate sowieso. Aber ich will da gar nicht so schwarzmalen. Jede Zeit hat ihre Ausdrucksform. Das Theater lebt nach wie vor, auch wenn es mal so aussah, als ob es vom Kino verdrängt wird. Und als die Multiplexe aufkamen, hatte man Angst um die Arthousekinos. Aber die stehen jetzt fast besser da. Vielleicht ist dieser ganze Umbruch jetzt nur die Chance zu einer Veränderung.

Termine 13.2., 16.45 Uhr Zoo Palast 1, 17.30 Uhr, Zoo Palast 3; 15.2., 13 Uhr, Zoo Palast 3.

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