Berlinale

Wie Autogrammjäger an ihre Beute kommen

Fans stehen oft stundenlang in der Kälte, um Autogramme von den Stars zu erhaschen. Oder sogar ein Selfie mit ihnen zu machen.

Fans tun viel, um ein Autogramm zu ergattern

Fans tun viel, um ein Autogramm zu ergattern

Foto: Reto Klar

Lukas im Glück! Der Student aus Pankow hält ein Autogramm von Hollywoodstar Joaquin Phoenix in den Händen und lächelt selig. „Der hat mir noch in meiner Sammlung gefehlt“, verrät er. Dass der Schauspieler hier ist, um seinen neuen Film vorzustellen, „Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot“ von Gus Van Sant, ist dabei Nebensache. Klar hat Lukas auch schon mal was mit dem Golden-Globe-Preisträger, der auch bereits drei Mal für den Oscar nominiert war, gesehen. „Phoenix ist toll“, findet der 26-Jährige. Wirklich von Bedeutung ist für ihn aber nur der eher unleserliche Schriftzug auf dem Papier.

Dafür hat sich Lukas akribisch vorbereitet. Warme Klamotten sind ein Muss, wenn man stundenlang in der Kälte ausharrt. Über lange Unterhosen und warme Unterwäsche will der Student nicht reden. Nur so viel: Er ist froh, dass die Temperaturen bislang recht moderat geblieben sind. Aber er ist natürlich bestens präpariert, falls ein arktischer Wetterumschwung den Potsdamer Platz treffen sollte. In seinem Rucksack stecken ein dicker Wollpullover, Schal, Handschuhe und eine Mütze. Dazu ein Survival-Set aus Wasser und Snacks. Nüsse, Salami, Gummibärchen und – o Wunder – sogar etwas Obst.

Roter Teppich für "Don't worry, he won't get far on foot"
Roter Teppich für "Don't worry, he won't get far on foot"

Manchmal muss man schon die Ellenbogen einsetzen

Besonders wichtig aber ist ihm das dicke Berlinale-Journal. Eine Art Bibel für Autogrammjäger auf dem Festival. So informiert sich Lukas, wann welche Stars in der Stadt erwartet werden. Insidertipps bekommt er auch von Gleichgesinnten. Einige Stars schreiben auch in den sozialen Medien, wo man sie antreffen kann. Selbstredend schaut Lukas aber auch ständig in die Berlinale-Website, wann die wichtigen Pressekonferenzen stattfinden. Dann steht er, wie jetzt, am Seiteneingang des Hotels Grand Hyatt hinter der weiträumigen Absperrung, wartet geduldig auf die Stars und hofft darauf, ein Autogramm zu ergattern.

Im Gegensatz zu Lukas sind Kathrin und Emma aus Reinickendorf bei Joaquin Phoenix leer ausgegangen. „Wir standen zu weit hinten“, erklären die Teenager. Richtig traurig sind sie aber nicht. Schließlich konnten sie Fotos machen. Auf denen ist immerhin das Gesicht des Mimen zu sehen. Mit Sonnenbrille und zurückgekämmten Haaren.

Richtig stolz sind sie auf ihre Autogramme von Robert Pattinson

Emma hätte es ohnehin cooler gefunden, wenn Co-Star Jack Black dabei gewesen wäre. Den hat sie gerade erst im Blockbuster „Jumanji: Willkommen im Dschungel gesehen“. Richtig stolz sind die beiden indes auf ihre Autogramme von „Twilight“-Star Robert Pattinson. Die haben sie am Freitag auf dem roten Teppich abgestaubt. Unter Einsatz ihrer Ellenbogen, wie sie zugeben: „Wir haben so lange ganz vorn gewartet. Und dann wollten sich Leute in letzter Sekunde vordrängeln“, beschweren sie sich.

Kein Einzelfall. Vor allem Händler und ihre Helfer, die Autogramme auf Ebay verkaufen und davon leben, stehen in Verruf. „Die Mafia“ werden sie oft abschätzig genannt. „Die sind rücksichtslos und schieben andere einfach beiseite“, beschweren sich auch Kerstin und Andreas aus dem bayerischen Landshut. Ihren Nachnamen wollen die Enddreißiger nicht verraten. Ihr Hobby gilt als unschick. Daher halten sich die zwei gern bedeckt. Sie befürchten nämlich Nachteile im Job, sollte jemand davon erfahren.

Die Fan-Area am roten Teppich ist ihr Revier

Dennoch hat sich das Ehepaar Urlaub für die Berlinale genommen, um die Unterschriften der Stars zu erjagen. Die Fan-Area am roten Teppich ist ihr bevorzugtes Revier. „Am besten steht man ganz vorn. Da, wo alle aus dem Auto steigen, sind die Chancen am größten“, erzählen sie. Sie haben in den letzten Tagen bereits fleißig Beute gemacht. Etwa von Bill Murray, Tilda Swinton und Daniel Brühl. Auf die Frage, warum sie für Autogramme sogar ihren Urlaub opfern, wissen die leidenschaftlichen Sammler erst mal keine spontane Antwort. Nach kurzer Überlegung gesteht Kerstin: „Das ist schon so was wie ein Kick, wenn man endlich eine Unterschrift in der Hand hält. Außerdem treffen wir hier Leute, die genauso ticken wie wir.“ Andreas nickt zustimmend und fügt begeistert hinzu: „So sehen wir die Stars auch mal von Nahem, die wir sonst nur aus dem Kino oder dem Fernsehen kennen.“

Für viele in der stets dicht gedrängten Fan-Area ist die Begegnung mit Prominenten ein Moment für die Ewigkeit. Festgehalten in Autogrammen, die man im heimischen Wohnzimmer immer wieder herausholen und zufrieden bestaunen kann.

Anderen hingegen ist die Autogrammjagd schlicht zu anstrengend. Wie Anne (59) aus Wilmersdorf etwa, die meint: „Ich sehe keinen Sinn darin, stundenlang in der Kälte zu stehen. Alles nur für einen Kugelschreiber-Kringel auf einem Foto, der auch von wer weiß wem sein könnte.“ Sie zückt lieber ihr Smartphone und schießt Fotos von den Prominenten. „Den Nahkampf überlasse ich gern den Jüngeren“, gesteht sie. Und freut sich über einen Schnappschuss von Fassbinder-Ikone Hanna Schygulla, bevor sie entspannt den roten Teppich verlässt.