Berlinale

Wenn der rote Teppich im Kiez ausgerollt wird

Berlinale goes Kiez: Für einen Tag zieht das Festival nach Weißensee. Da schaut sogar Senta Berger vorbei.

Das Kino Toni in Weißensee

Das Kino Toni in Weißensee

Foto: jörg Krauthöfer

Als sie sich endlich küssen, nach quälenden Minuten, ja Stunden, da atmet der ganze Saal erleichtert auf. Irgendwo ist ein Kichern zu hören und weiter vorn ein Schluchzen, vor Freude, klar. In den vergangenen Stunden hat man gemeinsam vor der Leinwand gesessen. Wobei, eigentlich war man gar nicht hier, im februarkalten Berlin, sondern gemeinsam im Autobus nach Spanien, hat zusammen mit Jan und Jule auf die perfekte Welle an der französischen Küste gewartet und mit ihnen unter dem weiten Sommerhimmel geschlafen. Bis man nur noch Grillen zirpen hörte und, okay, jemanden in der Nacho-Schale wühlen. Und als sich Jan und Jule, die einzigen Figuren in Hans Weingartners Film „303“, küssen, da ist es, als würde man selbst mitknutschen, die 249 Menschen im Saal. Das ist, was Kino kann. Was Netflix nicht kann und auch der Flatscreen im Wohnzimmer nicht.

„War das schön“, jauchzt jemand, überall Nicken. Genau so soll die Berlinale ja sein. Ein Gemeinschaftserlebnis. Und sie ist es genau da, wo man es vielleicht nicht vermutet. Nicht am Potsdamer Platz. Nicht im Haus der Berliner Festspiele. Sondern hier, in Weißensee, im Kino Toni.

Keine Schlangen, dafür mehr Popcornduft

Seit 2010 kommt die Berlinale mit der Reihe „Berlinale goes Kiez“ auch in die kleineren Programmkinos außerhalb des Berlinale-Rummels. Dann werden der rote Teppich und der große rote Bär eingepackt und mit ihnen auch ein bisschen Glamour vom Berlinale-Palast. All das wird für je einen Tag nach Neukölln gekarrt, nach Friedrichshain, Charlottenburg, Adlershof und auch nach Weißensee. Dort wurden am Sonnabend drei Filme aus dem Programm gezeigt, „Die Leuchte Asiens“ aus der Retrospektive, „303“ aus der Generation-Reihe, und, als Abschluss, „Damsel“ aus dem Wettbewerb.

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„Das ist schon etwas Besonderes“, erzählen vier Freundinnen aus Weißensee. Die Berlinale in ihrem Kiez! Kein Schlangestehen, kein Rausputzen und, das Beste, Wein und Popcorn dürfen mit in den Saal. So macht die Berlinale richtig Spaß. „Es ist nicht so künstlich und steril hier, so wie am Potsdamer Platz, sondern persönlicher, gemütlicher“, sagt Cornelia Tiefenbach. Die Freundinnen nicken. Dabei: Unglamourös ist es eben nicht. Wegen des roten Teppichs, klar, aber auch weil das Filmteam mit in den Kiez kommt, um die Fragen der Zuschauer zu beantworten. Und die sind gewagter als so manche Reporterfrage.

Eine Zuschauer schütteln ungläubig den Kopf

Als „303“-Regisseur Hans Weingartner nach seinem Film vor den roten Samtvorhang tritt, will man gleich wissen, ob die Liebesgeschichte aus dem Film denn biografischen Bezug hat. Weingartner kratzt sich am Kopf. „Schon irgendwie“, räumt er ein bisschen verlegen ein. Auch er ist mal in einem Bus durch Europa gefahren, 2001 etwa, und hat wilde Diskussionen mit der Fahrerin geführt. So wie Jan und Jule also. Seitdem habe er auch den Film drehen wollen, aber die Finanzierung sei schwierig gewesen – bis seine Schwester einsprang. „Es ist schon traurig, dass ich immer noch um meine Budgets kämpfen muss“, sagt er.

Einige Zuschauer schütteln ungläubig den Kopf. Man hat doch gerade zusammen gelacht, geweint und mitgefiebert, ob die beiden sich kriegen. Und auch ein bisschen sich selbst wiedererkannt. Und den letzten Urlaub, der dann doch viel zu kurz war. Dass hier kollektive Erschütterung herrscht, dass es der Film fast nicht auf die Leinwand geschafft hat, zeigt, was Kiezkino kann. Warum es wichtig ist, die Berlinale, das größte Publikumsfilmfestival der Welt, zu seinem Publikum zu holen.

Berlinale ist für viele im Kiez

Genau das wird ja häufig bemängelt: dass die Berlinale zu sehr ausfranst. Zu viele Kinos, zu viele Filme. In Weißensee kann man das nicht verstehen. Einige Zuschauer verbringen den ganzen Tag hier und den nächsten in Kleinmachnow, dem nächsten Kiez-Stopp. Berlinale, die ist für sie im Kiez. Vielleicht auch, weil sogar der Promifaktor der Berlinale hier bedient wird – zumindest am Sonnabend.

Denn da begrüßen die bisherigen Kinobetreiber ihre Gäste persönlich: Schauspielerin Senta Berger und ihr Ehemann, der Regisseur Michael Verhoeven. Nach über 25 Jahren geben die beiden an diesem Abend den Schlüssel zum Weißenseer Programmkino ab. „25 Jahre sind kurz, wenn sie gut sind, so wie diese, aber vielleicht auch genug“, sagt Berger. Weil die langjährige Kinoleitung aufhöre, habe man beschlossen, nun auch zu gehen, heißt es. Vielleicht war es für die 76-jährige Berger und den 79-jährigen Verhoeven auch zu kräftezehrend, das Kino von ihrem Wohnort München aus zu leiten. Neue Betreiber aber sind bereits gefunden, die Moviemento-Chefs Iris Praefke und Wulf Sörgel übernehmen das traditionsreiche Haus in Weißensee.

„Das Kino Toni ist das tollste Kino überhaupt“, ruft Berger zum Abschied und lacht. So habe sie das 1992 auch von Manfred Krug und Angelika Domröse gehört, als sie in dieser Zeitung vom Verkauf des Kinos las. Da habe ihr Mann gleich zugeschlagen. Und es nicht bereut. Im nächsten Jahr feiert das Lichtspielhaus seinen 100. Geburtstag. Vielleicht kommt die Berlinale dann wieder zu Besuch.

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